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Caritasverband
Flüchtlingsarbeit bekommt neue Qualität

 Integration von Flüchtlingen ist eine Daueraufgabe mit wechselndem Beratungsbedarf.  
Integration von Flüchtlingen ist eine Daueraufgabe mit wechselndem Beratungsbedarf.   FOTO: dpa / Marijan Murat
Kreis Neunkirchen. Seit 2013 sind gut 2500 Menschen dem Landkreis Neunkirchen zugewiesen worden. Der Caritasverband, für die Erstintegration und Beratung zuständig, sieht sich vor veränderte Herausforderungen gestellt und reagiert. Von Claudia Emmerich

Die Zahlen aus unserer Region passen zum Bundestrend: Weniger Flüchtlinge stellen einen Asylantrag. Dem Landkreis Neunkirchen sind 2018 aus der Landesaufnahmestelle Lebach 84 Personen, darunter 25 Kinder, zuwiesen worden. 2017 waren es 127. Seit 2013 sind damit 2543 Flüchtlinge in den Kreis gekommen, davon 875 in die Kreisstadt Neunkirchen.  Diese Zahlen nennen jetzt im Gespräch mit unserer Zeitung Thomas Hans und Maisaa Awad-Sayegh vom Caritasverband, im Landkreis Neunkirchen für die Erstintegration und Beratung von Flüchtlingen zuständig. Das Gros der 84 Menschen kam aus Syrien (rund 75 Prozent), ein kleiner Teil aus Eritrea und dem Irak, vereinzelt aus dem Iran, Afghanistan, Somalia und Marokko.


„Wenn nun jemand glaubt, wir hätten durch die rückläufigen Zahlen weniger Arbeit, der irrt“, sagt Hans, Fachleiter Allgemeine Soziale Dienste. „Es sind inzwischen komplexere, zeitintensivere Beratungen.“ Als die Flüchtlingswelle 2015 ihren Höhepunkt erreichte, da sei es primär mal ums Delegieren ins System, in den Alltag gegangen – vom Bankbesuch bis Suche nach einem Kita-Platz. Jetzt gehe es immer stärker um Sozial- und Verfahrensberatung für Flüchtlinge, die schon länger hier seien – da betreffe Verbraucherschutz wegen strittiger Verträge, Versicherungsfragen, Schuldenfallen, auch Straffälligkeiten  und Rückkehrwünsche. „Das ist eine andere Qualität der Beratung“, sagt Hans.

Natürlich, so Hans und Awad-Sayegh, bestehe ihr ursprünglicher Auftrag weiter. Sie kümmern sich um die Neuankömmlinge, sind nah dran an den Einzelschicksalen und engagieren sich für den Familiennachzug. Im Vorjahr gab es 75 Anträge. So kämpft Awad-Sayegh jetzt gerade dafür, dass eine achtköpfige Familie aus Syrien, die nach Jordanien flüchtete, hier wieder zusammen leben kann. Der damals 17-Jährige Sohn kam zunächst allein, der Vater durfte nachkommen. Die Mutter mit fünf weiteren Kindern, harrt immer noch in Jordanien aus.



Inzwischen setzen die  Experten auch neue Schwerpunkte bei ihrer Integrationsarbeit. „Wir wollen über die Mütter etwas erreichen“, sagt Hans. Und Awad-Sayegh berichtet von ihren Erfahrungen aus dem im Sommer 2018 aufgelegten Projekt „Im Blickwinkel: Familie“, für das eine Steuerungsgruppe landesweit aktiv ist. Das Projektkonzept sieht Mütter „als Motoren der Integration“. Als Projektlotsin sucht Awad-Sayegh in Kindergärten den Kontakt zu Migrationsmüttern, will regelmäßig Sprechstunden anbieten und monatliche Müttertreffs einrichten. Ihre Partnereinrichtungen sind die Kindergärten St. Marien Neunkirchen und Kinderhaus Clara Fey Ottweiler. Noch läuft die Aufbauarbeit, aber in St. Marien hat am Montag dieser Woche der erste Treff stattgefunden, wie Awad-Sayegh erzählt: „Sechs Frauen waren da, drei weitere wollen dazukommen.“ Sie sollen Informationen weitergeben, so dass ein Netzwerk entsteht. „Fragen gab es beispielsweise zum Schulsystem“, sagt Awad-Sayegh. „Wir hören da auch von zunehmenden Schwierigkeiten, wohnortnahe Plätze für die Kinder in Grundschulen und weiterführenden Schulen zu finden“, ergänzt Hans. Das betreffe zwar alle, sei aber für Flüchtlingskinder, die hier noch fremd sind, die Sprache nicht sprechen und sich nicht auskennen, besonders schwer.

„Im Blickwinkel: Familie“ läuft im kommenden Jahr aus. 2016 oder 2017, als so viele kamen, wäre so ein Projekt „ein Volltreffer“ gewesen, merkt Hans an. Jetzt sei es dafür eigentlich schon zu spät. Er wünsche sich, dass ein mögliches Nachfolgeprogramm die Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Frauen stärker in den Blick nimmt: „Männer haben es leichter mit der Arbeitsmarktintegration. Frauen kommen oft älter als die Männer hierher, haben schon in der Heimat weniger Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt. Und wenn sie dann noch Kinder haben, wird es noch schwerer.“ Dass die Flüchtlingsfrauen selbst interessiert daran sind, sich beruflich zu qualifizieren, daran zweifeln Hans und Awad-Sayegh nicht: „Das erleben wir bei unserer Arbeit. Und Studien belegen auch, das diese Frauen eine hohe Motivation haben.“