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Haar ab in Neunkirchen
Zöpfe für kranke Menschen gespendet

 Hat gar nicht weh getan: Nadine Schwarz ist extra aus Theley nach Neunkirchen gekommen, um bei der Aktion Haare schenken mitzumachen. Auszubildende Alyssa Pellitteri schneidet vorsichtig ab und Praxislehrer Vincenzo Marsala begutachtet den glatten Schnitt.
Hat gar nicht weh getan: Nadine Schwarz ist extra aus Theley nach Neunkirchen gekommen, um bei der Aktion Haare schenken mitzumachen. Auszubildende Alyssa Pellitteri schneidet vorsichtig ab und Praxislehrer Vincenzo Marsala begutachtet den glatten Schnitt. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Gemeinschaftsschule Neunkirchen-Stadtmitte und SBBZ Neunkirchen luden ein, sich von den Haaren zu trennen. Von Anja Kernig

„Hallo, Ansage für meine Schülerinnen: Die Haare müssen nicht zwingend gewaschen werden.“ Kurzes Innehalten aller Scheren, Kämme, Bürsten und Föhne. „Ihr könnt auch trocken schneiden. Dann dauert es nicht so lange“, meinte Berufsschullehrerin Marion Engel mit Blick auf die Reihe wartender Mädchen und Frauen. Die reichte bis in den Flur.


Im Sozialpflegerischen Berufsbildungszentrum (SBBZ) ging es am Mittwoch zu wie im Taubenschlag, wozu eine ganze Armada Journalisten beitrug. Grund für das große Medieninteresse war eine höchst ungewöhnliche Benefizaktion: Haare spenden nämlich. Lange Haare wohlgemerkt. Sinn macht solch eine Spende nämlich erst ab 25 Zentimetern, so Initiatorin Nina Rheinheimer, Chemie- und Deutschlehrerin an der Gemeinschaftsschule Stadtmitte. Sie war vor drei Jahren auf diese Möglichkeit, Gutes zu tun, gestoßen. Damals schickte sie ihren abgeschnittenen Zopf per Brief an eine gemeinnützige deutsche Organisation, die daraus Echthaarperücken für Kranke knüpft. Und als es jetzt erneut Zeit für einen Kurzhaarschnitt wurde, erzählte sie in ihrer Schule davon. Auf Anhieb meldeten sich 30 Mädchen. Tatsächlich ernst wurde es für elf von ihnen, „manchen hatten es die Eltern nicht erlaubt“, andere kamen nicht auf die erforderliche Länge.

Sogar noch bestärkt in ihrer Entscheidung hatten Mama und Papa dagegen die 15-jährige Kim. Am Vortag ihres Geburtstages opferte sie einen Großteil ihres rotblonden Traumhaares. Auch Fünftklässlerin Nalin wollte helfen. Fast bis an den Po reichten ihre schwarzen Haare noch am Mittwochmorgen. Bis zum Mittag verwandelten sie sich in eine schicke Bobfrisur. „Hinten nicht zu kurz“, war die einzige Bedingung für diesen ungewöhnlichen Tauschhandel. „Meine Haare wachsen ja wieder“, betonte die Elfjährige gelassen, „aber die von den Kindern, die Krebs haben, nicht“. Ihre Cousine sei an einer Tumorerkrankung gestorben. Nalin weiß, wie schlimm so ein Schicksal ist. Und freut sich, Betroffenen eine Freude machen zu können.



Klar unterstützen wir euch, war die Reaktion im SBBZ auf die Anfrage der Gemeinschaftsschule gewesen, die Luftlinie keine 1000 Meter voneinander trennt. „Wie haben ja schon Erfahrung“, erklärte Schulleiter Bernd Hussong. Bereits zwei Mal war im schuleigenen Lehrsalon die Aktion „Haare schneiden für Bedürftige“ gelaufen. Für die Bewirtung sorgten auch diesmal wieder die Teilnehmer des Berufsgrundbildungsjahres, die belegte Brötchen und Streuselkuchen anboten. Ganz neu war die Möglichkeit, Vorher-Nachher Fotos knipsen zu lassen.

Für die angehenden Frisöre sei es eine super Chance, Erfahrungen zu sammeln, betonte Marion Engel. Die Situation sei einerseits entspannter als im Ausbildungsbetrieb, da es sich nicht um zahlende Kunden handelt und der Zeitdruck auch nicht so groß sei. Außerdem kommt es nicht gerade häufig vor, dass lange Haare deutlich gekürzt werden. Am Mittwoch konnte das jeder der Auszubildenden sogar gleich drei Mal durchexerzieren.

Unter den Frauen, die aufgrund des Aufrufs im Radio oder in der Zeitung vorbei kamen, gehörte Magdalena Hussong. „Das trifft sich gut“, strahlte die Neunkircher Heilpraktikerin. „Ich hatte sowieso geplant, meine Haare zu spenden, wusste aber nicht, wohin und wie.“ „Ganz spontan“ beteiligte sich Alexandra Kundolf aus Heusweiler. Bei ihr stand ohnehin ein Frisörbesuch an, „und wenn man dann noch helfen kann, umso schöner“, findet die Fachinformatikerin.

Was fehlte, waren hoch emotionale Szenen. Keine Tränen weit und breit. Stellvertretend gefragt, ob sie denn jetzt, nach dem Abschneiden ihres 30 Zentimeter langen Zopfes, nicht doch ein kleines bisschen traurig sei, meinte Kim schlicht und ergreifend: „Nee.“

 Die Zöpfe sind ab.
Die Zöpfe sind ab. FOTO: Anja Kernig