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Ein Zeitzeugnis aus dem Ersten Weltkrieg
„ . . . im Krieg, die liebe Heimat zu schützen“

„Es gehört zur Geschichte der Familie“, sagt Annerose Optenhöfel über das Kriegstagebuch ihres Großvaters, der voller Euphorie und ohne jeden Zweifel drei Jahre im Ersten Weltkrieg gekämpft hat.
„Es gehört zur Geschichte der Familie“, sagt Annerose Optenhöfel über das Kriegstagebuch ihres Großvaters, der voller Euphorie und ohne jeden Zweifel drei Jahre im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. FOTO: Marc Prams
Wiebelskirchen. Im Nachlass der verstorbenen Mutter fanden zwei Schwestern das Tagebuch ihres Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg.

„Als am 1. August 1914 die Kriegsfackel entzündete, da war auch mein Blut in Wallung geraten. Mein sehnlichster Wunsch war, in den Krieg zu ziehen und die liebe Heimat zu schützen.“ Das sind die ersten Zeilen im Kriegstagebuch von Jakob Weber, der 1915 als 19-jähriger junger Mann in den Krieg zog und bis zu dessen Ende 1918 darin kämpfte. Wenn Annerose Optenhöfel darin blättert und die in Sütterlinschrift verfassten Zeilen vorliest, muss sie immer wieder den Kopf schütteln. „Das war wirklich ein sehr emotionaler Moment, als wir es gefunden haben“, erzählt die 57-Jährige, die bis vor kurzem noch nichts von der Existenz dieses Zeitdokuments wusste.


„Als unsere Mutter im Oktober gestorben ist, habe ich mit meiner Schwester alles durchforstet, dabei sind wir auf das Tagebuch unseres Großvaters gestoßen“, sagt die Wiebelskircherin. Zwar habe sie gewusst, dass dieser als Soldat im Krieg war, mehr aber auch nicht. „Darüber wurde nie gesprochen.“ Ihren Großvater, der im Mai 1938 als Bergmann an einer Lungenentzündung starb, hat sie nicht mehr gekannt. Aber jetzt, nach der Lektüre seinen Tagebuchs, weiß sie zumindest, dass er ein glühender Anhänger dieses Kriegs war, in den er voller Euphorie zog, und dessen schreckliche Momente er mit aller Nüchternheit schildert.

So etwa, als er mit einem Kameraden (18) in die Wälder flüchtete („Fünf Meter hohe Tannen“) und dieser einen Knieschuss erlitt. „Ich musste ihn zurücklassen“, schreibt Weber, der zu einem späteren Zeitpunkt aber offenbar das Leben einiger seiner Kameraden rettete. Überwiegend in Frankreich (Paris, Elsass, Normandie) eingesetzt, erhielt er nämlich am 1. Oktober 1918 das Eiserne Kreuz am Bande. Für „treuen Edelmut, meinen Kameraden wegen“. Der Major, der es ihm verliehen hatte, sagte zu ihm: „Du hast es mehr verdient als wir alle zusammen, denn du hast viele Leben gerettet.“ Mit dieser Auszeichnung ist für Weber „mein Wunsch in Erfüllung gegangen“.



Annerose Optenhöfel kennt viele der Namen, die sie in den „Erlebnissen aus dem Weltkrieg“ liest. „Wir stammen aus Püttlingen, wo ich auch noch viele Jahre gelebt habe. Viele, über die er schreibt und die gefallen sind, kommen dort her oder aus Völklingen“, sagt die Pädagogin.

Am 25. September 1918 hätte Weber seine Vaterlandstreue beinahe selbst mit dem Leben bezahlt: „Angriffe der Franzosen links von uns. Wir werden eingesetzt. Starke Verluste beiderseits. Kamerad Kunze hat mir das Leben gerettet. Ihm verdanke ich heute mein Leben.“ Ein schrecklicher Tag, meint man beim Lesen. Jakob Weber aber beendet den Absatz mit den Worten: „Es wird jeden Tag toller.“ An einer anderen Stelle schreibt er: „Nun war ich ein richtiger Soldat. Mein Herz lebte auf im Garnisonsdienst.“

„Wenn man das alles liest, bekommt man ein Bild von diesem Krieg“, sagt Annerose Optenhöfel, in deren Hände dieses Buch fallen sollte. Denn verfasst wurde es, wie man nachlesen kann, „Zum Gedenken meiner lieben Kinder und Nachkommen“. Vier Töchter bekam Weber, der selbst aus einer großen Familie stammt, mit seiner späteren Frau. Seiner Mutter brach es das Herz, als der Bub in den Krieg zog. „Mutter weinte bitterliche Tränen als ich von ihr Abschied nahm. Vater war auch fort und sie allein mit 6 Kindern zu Hause.“

Als Weber am 15. November 1918 vom Ende des Krieges erfährt, liest sich das eher enttäuscht: „Auf einmal hörten wir, dass es Schluss ist, denn der Soldatenrat war schon an der Front. Schluss, obwohl wir ausgehalten haben.“ Und doch erkennt auch er die zerstörerische Kraft dieses Krieges: „In der Heimat sah es traurig aus. Als Gefreiter wurde ich entlassen. Mit der Führung sehr gut. Strafen hatte ich keine.“

Das Buch wird im Familienbesitz bleiben, sagt Annerose Optenhöfel. „Es zählt zur Geschichte meiner Familie.“ Dass sich alles so abgespielt hat, zweifelt sie nicht an. Der letzte Eintrag besagt: „Für die Wahrheit bürgt im Gewissen Jakob Weber.“

Tagebuch Erster Weltkrieg
Tagebuch Erster Weltkrieg FOTO: Marc Prams
Schon die ersten Zeilen lassen keinen Zweifel daran, dass Jakob Weber von der Richtigkeit dieses Krieges überzeugt war.
Schon die ersten Zeilen lassen keinen Zweifel daran, dass Jakob Weber von der Richtigkeit dieses Krieges überzeugt war. FOTO: Marc Prams
Jakob Weber in seiner Uniform.
Jakob Weber in seiner Uniform. FOTO: Marc Prams