Wie die Warenwelt in den 50ern aussah

Wie die Warenwelt in den 50ern aussah

Paul Burgard stellte in Hirzweiler den Bildband des verstorbenen Presse- und Industriefotografen Paul Hartmann vor.

Denkt man an die Zeit des Wirtschaftswunders, hat man sogleich ganz bestimmte Bilder im Kopf: Adenauer, Petticoats, Nierentische, üppig gefüllte Teller. Ein wenig überraschte es da, dass Paul Burgard mit dem Foto eines Kirchen-Innenraums einstieg, als er am Donnerstag in der evangelischen Kirche in Hirzweiler im Rahmen der Literaturreihe "Haste Worte" den Fotoband "Wirtschaftswunder - Das Saarland in der Warenwelt" vorstellte. "Der Kirchenbau hat in den 50er-Jahren einen Boom erlebt", erklärte er. Verantwortlich seien nicht nur die Zerstörungen des Krieges gewesen, sondern auch eine neu erwachende Religiosität, verbunden mit starkem Bevölkerungswachstum. Das Wirtschaftswunder - so wurde schnell klar - war viel mehr und manchmal ganz anders, als man heute gemeinhin glaubt. So prägten harte Arbeit und konservative Strukturen das Leben.

Die gut 200 Bilder des Bandes stammen von dem 1971 verstorbenen Saarbrücker Presse- und Industriefotografen Paul Hartmann. Burgard als Mitarbeiter des Landesarchivs, das dessen Nachlass aufarbeitet, sowie Tochter Gabi Hartmann haben als Herausgeber fungiert und zeigen den Alltag in seinen verschiedenen Facetten. Mit Gebäuden, Mobiliar, Unternehmen, Produkten und Autos werden Szenarien aufgebaut und textlich erläutert.

"Hartmann vermittelt seine Motive sehr lebendig und ausdrucksstark. Er hat eine Kulisse geschaffen, in die wir heute eintauchen können", so Burgard. Peter Kleiß, Leiter von Haste Worte, entlockte dem Herausgeber noch einiges über die Entstehungsumstände, zwischendurch steuerten Gitarrist Jürgen Krewer und Sängerin Heike Wagner beispielsweise mit "Ich will keine Schokolade" oder "Rote Lippen soll man küssen" die akustische Komponente bei.

„Peter Kleiß. Foto: A. Detemple. Foto: A. Detemple

Auf der Leinwand erschienen Lieferwagen und Werbetafeln für fast vergessene, saarländische Produkte oder auch beispielsweise ein einst hochmodernes, heute eher kurios wirkendes Plastik rührgerät. Burgard las dazu Texte aus Zeitungen, Werbebroschüren und anderen Quellen, die die Unterschiede zwischen damals und heute aufzeigten, außerdem die großen Umbrüche dieser Zeit. Auch zeigte er einen frühen Selbstbedienungs-Lebensmittelladen, in dem beispielsweise noch handgemachte Schaumküsse (zur damaligen Zeit unter anderer Bezeichnung) angeboten wurden. Gewöhnt an den Tante-Emma-Laden zweifelte man damals stark an der Ehrlichkeit des frei agierenden Kunden. Burgard zitierte eine Illustrierte, die 1848 über den ersten Selbstbedienungs-Laden Deutschlands schrieb: "Wenn sich die Ehrlichkeit bewährt, soll das Experiment auch in der großen Öffentlichkeit durchgeführt werden."