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Was die gemeinde Illingen alles in Sachen Kultur in Corona-Zeiten unternahm.

Kultur in Illingen : Klassik, Rock und Ohrensessel

Mit „Illtonic“ bewies die Gemeinde Illingen, dass Kultur auch in Pandemiezeiten funktionieren kann.

Wer hätte gedacht, dass Corona auch für positive Rekorde zuständig ist: Rund 8000 Mal wurde die Aufzeichnung des Konsorten-Konzertes in der menschenleeren Illipse vom 20. Juni bei Facebook und Youtube bereits aufgerufen – ein Konzert mit ähnlich großer Resonanz dürfte es in Illingen in der Vergangenheit nicht allzu oft gegeben haben, wenn überhaupt. Das Konzept ist also aufgegangen, freuen sich Bürgermeister Armin König und seine Mitstreiter. „Wir haben uns richtig reingehängt“, betonte der Illinger Verwaltungschef beim Pressegespräch im Rathaus.

Blick zurück: Mit Einsatz des Lockdown und dem Erliegen sämtlicher kultureller Aktivitäten wurde schnell klar, welch katastrophale Situation sich da für die Künstler abzeichnet. Von Kulturamtsleiter Thomas Keller kam der Vorschlag; „Chef, sollen wir mal streamen?“ König fand es gar nicht so abwegig, via Internet den Leuten Live-Musik ins Wohnzimmer zu bringen. „Wir wollten zeigen: Kultur funktioniert auch in Coronazeiten.“ Gesagt, getan.

Relativ schnell fand sich fachbereichsübergreifend ein „sensationell gutes Team“, das die Veranstaltungsreihe „Illtonic“ aus der Taufe hob: eine Reihe von sonntäglichen Konzerten aus der Illipse beziehungsweise an Pfingsten aus der Pfarrkirche. Wobei sich der technische Aufwand in Grenzen halten musste: „Wir sind ja kein Fernsehstudio“, betont Keller. So wurde erstmal tüchtig „rum probiert und rum experimentiert“, zum Einsatz kamen unter anderem Smartphones und Tabletts. Als Hauptproblem kristallisierte sich schnell das Up-Streamen heraus. Da musste man bei den Kapazitäten der Datenübertragung erstmal ordentlich nachlegen. Alles in allem eine „Riesenherausforderung“, so König. Bewährt habe sich letztlich das Pippi Langstrumpf-Motto: „Das haben wir noch nie probiert, also geht es sicher gut.“

Doch erstmal musste ein griffiger Name her. „Illtonic“ erwies sich als kleiner Geniestreich. Mit „Ill“ findet der lokale Charakter (Illipse, Illtal) Berücksichtigung, „Ton“ assoziiert man mit Musik und Klang und dank „Tonic“ kommt gleichzeitig der Genussmoment zum Tragen. Annette Zewe entwarf ein spritziges Logo und Gabi Steuer, Vize Kulturamtsleiterin, kümmerte sich um die Auswahl der Künstler. Wobei man sich von vornherein auf professionelle Akteure konzentrierte.

Zum Auftakt engagierte man die Geschwister Birringer, was wegen der damals noch strengen Auflagen abstandstechnisch recht praktisch war. Violonistin Lea Birringer und Esther Birringer am Flügel interpretierten Werke von Beethoven, Strawinsky, Schostakowitsch und Ravel. Wurde die Premiere schon recht gut genutzt, schossen die Zuschauerzahlen bei Wolfgang Mertes, Violinist beim Staatsorchester Saarbrücken und Big-Band-Leader, und seinem Klavierpartner Sebastian Voltz deutlich in die Höhe – und konnten sich bei den folgenden Veranstaltungen stabilisieren.

Zu hören und sehen waren Mrs. Train (Rock auf zwei Westerngitarren), Mirijam & Daniel Franke (Familienprogramm mit Hits für Kids von Frederic Vahle bis Mozart) und Nachwuchspianistin Johanna Cornelia Löw.

Heraus stach die Lesung mit Jura Kliebenstein, die in drei Grundschulen übertragen wurde. Gemütlich im bunten Ohrensessel sitzend, erzählte die Autorin von dem „Tag, an dem ich cool wurde“. Für Pfingstsonntag ging man dann sogar „on Tour“ und baute das Equipment in St. Stephan auf. „Bring du mal Breitband in die Kirche“, erinnert sich Keller an die Tücken, bevor Christian Holz an der Orgel unter anderem das Concerto a-Moll BWV 593 von Bach erklingen lassen konnte. „Vorher haben wir 125 Meter Glasfaserkabel durch die Kirchstraße verlegt.“ Das große Party-Finale war den Konsorten mit ihrem saarländischen Mundart-Rock vorbehalten, die dann immerhin schon zu acht die Bühne der Illipse zum Schwingen brachten.

. . . und die andere. Lesung mit Jura Kliebenstein. Foto: Gemeinde/Thomas Keller
Mrs Train in bestform waren mit ihren Westerngitarren beim Streaming dabei. Foto: Thomas Keller
An Pfingsten wurde St. Stephan zum Studio mit Christian Holz an der Orgel. Foto: Thomas Keller
Die Bühne der Illipse zum Schwingen brachte zum Finale die Band Konsorten. Foto: Thomas Keller
Wolfgang Mertes und Sebastian Voltz brachen hohe Einschaltquoten. Foto: Thomas Keller
Nachwuchspianistin Johanna Cornelia Löw war dabei. Foto: Thomas Keller

Während die Künstler für ihren Auftritt eine „faire Gage“ (König) erhielten, war das Angebot für die Zuschauer kostenlos. Wer wollte, konnte per Paypal online etwas spenden. Was allerdings nicht besonders häufig passierte – einziger kleiner Wermutstropfen einer ansonsten erfolgreichen Aktion. „Die große Resonanz hat alle Erwartungen übertroffen“, bilanzierte der Bürgermeister. Auf eine Wiederholung ist trotzdem niemand wirklich scharf. Live bleibt eben live.