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Ein Bäumchen wahrt die Erinnerung an den Onkel

Ein Bäumchen wahrt die Erinnerung an den Onkel

Die Advents- und Weihnachtszeit wird bestimmt von Liedern. Für die SZ-Serie „Klingender Advent“ haben wir uns das weihnachtliche Liedgut vorgenommen und eine Geschichte geschrieben, die dazu passt.

. Mit großen Augen guckt er in die Welt. Dem Mund will kein zaghaftes Lächeln gelingen. Irgendwie wirkt der junge Mann traurig und älter, als er ist, auf diesem Schwarz-Weiß-Porträt. Gerade so, möchte man glauben, als habe er gewusst, dass es eines der letzten Fotos sein wird, als dürfe er viel älter nicht werden. Josef Zewe, geboren am 19. Februar 1919 wurde gerade mal 24 Jahre alt. Gefallen ist er am 1. Dezember 1942 in Nordafrika. Das ist lange her. Vergessen aber ist Josef deshalb keineswegs. Und Jahr für Jahr um die Weihnachtszeit wird die Erinnerung an ihn in der Familie noch einmal lebendig. Dann werden nicht nur die liebevoll verwahrten Fotos, die Auszeichnungen, der Wehrpass und sogar die Panzerfahrer-Brille wieder ausgekramt - dann kommt der große Augenblick für ein kleines Bäumchen. Josef Zewe, jüngster Sohn von Maria Zewe, wurde mehr oder weniger aufgezogen von der 17 Jahre älteren Schwester Maria Dörr. Ihr und ihren Kindern war er ganz besonders verbunden. "Er hat uns immer was mitgebracht, wenn er gekommen ist", erinnert sich Nichte Maria Kleer beim Besuch der SZ auch an von ihm gebaute Schlitten und anderes Holzspielzeug. Die 83-Jährige lebt zusammen mit ihren Kindern Jürgen und Ulrike im Geburtshaus von Josef Zewe. Hier ist die Erinnerung an die Menschen aus der Vergangenheit noch sehr lebendig. An den Wänden hängen Porträts all der lieben Menschen, die einst Teil der Familie waren.

Aber zurück zum Bäumchen. Josef Zewe hatte sich in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit freiwillig zum Militär gemeldet. "Als dann 1939 der Zweite Weltkrieg begann, waren die Freiwilligen als erste dran", weiß Jürgen Kleer. Aber Weihnachten fern der Heimat, ganz allein und dann noch Krieg? Josefs Schwester Maria wollte sich das gar nicht vorstellen - deshalb schenkte sie ihm ein kleines, elektrisch betriebenes Weihnachtsbäumchen. Gerade mal etwa 30 Zentimeter hoch, zehn bunte Lichter dran - noch heute steht es in der schweren schwarzen Eletronik und hat den ursprünglichen Stecker. "Da ist noch nie was ausgetauscht worden", ist sich Maria Kleer sicher. Das Bäumchen war beim Polenfeldzug dabei, in Frankreich und beim Russlandfeldzug. Am 27. November 1942 kam es gemeinsam mit seinem Besitzer in Afrika an. Zum Leuchten kam es dort nicht mehr. Beim ersten Angriff wurden Josef Zewe und vier seiner Kameraden getötet. Begraben wurden sie am Straßenrand in Tobruk, später umgebettet in die Kriegsgräberstätte des Ortes. "Meine Cousine war vor nicht allzu langer Zeit dort. Die kannte den Josef zwar nicht, die Stätte hat sie aber besucht und seinen Namen gefunden", erzählt Maria Kleer. Mit all den Habseligkeiten des Soldaten kam nach Josefs Tod dann auch das Bäumchen zurück in die Heimat. Den weiten Weg aus Afrika bis in sein Geburtshaus in der Provinzialstraße. Einen "militärischen Einsatz" hatte es nochmal 1978 bis 1980. Damals absolvierte Jürgen Kleer seine Bundeswehrzeit und nahm im Gedenken an den Großonkel das Bäumchen mit. "Dort, in Sonthofen hat es dann von Weihnachten an die ganze Zeit als Fernsehbeleuchtung gedient", erinnert er sich. Beim SZ-Besuch steht das Bäumchen auf einem Tischchen in der Ecke des Esszimmers. "Das wechselt aber immer mal", erzählt Ulrike Kleer. Was sich allerdings nicht ändert, ist die Erinnerung an den mit 24 Jahren in Afrika gefallenen Josef Zewe. Die wird einmal im Jahr immer ganz besonders intensiv, immer dann wenn "Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen".

Zum Thema:

Der LiedtextAm Weihnachtsbaume die Lichter brennen, Hermann Kletke (1841) Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen,/wie glänzt er festlich, lieb und mild,/als spräch' er: "Wollt in mir erkennen/ getreuer Hoffnung stilles Bild!"//Die Kinder stehn mit hellen Blicken,/das Auge lacht,/s lacht das Herz,/o fröhlich seliges Entzücken!/Die Alten schauen himmelwärts.//Zwei Engel sind hereingetreten,/kein Auge hat sie kommen seh'n,/sie gehen zum Weihnachtstisch und beten,/ und wenden wieder sich und geh'n.//"Gesegnet seid, ihr alten Leute,/gesegnet sei, du kleine Schar!/Wir bringen Gottes Segen heute/dem braunen wie dem weißen Haar.//Zu guten Menschen, die sich lieben,/schickt uns der Herr als Boten aus,/und seid ihr treu und fromm geblieben,/ wir treten wieder in dies Haus."//Kein Ohr hat ihren Spruch vernommen,/unsichtbar jedes Menschen Blick/sind sie gegangen wie gekommen,/doch Gottes Segen blieb zurück.