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Alterstraumatologie: „Den alten Menschen als Gesamtheit sehen“

Alterstraumatologie : „Den alten Menschen als Gesamtheit sehen“

Seit einem Jahr läuft das Projekt Alterstraumatologie. Mediziner aus Illingen und Saarlouis kooperieren miteinander.

Edith Schumacher aus Dillingen ist 91 Jahre alt und in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in der Fachklinik St. Hedwig in Illingen zur Reha. Nach einem Schenkelhalsbruch im Frühjahr, der operiert werden musste, ist sie erneut gestürzt, trug diesmal einen Beckenbruch davon. Der, so erklärt Dr. Michael Weber, Chefarzt der Unfallklinik im St. Elisabeth-Krankenhaus in Saarlouis, heilt von selbst aus.

Nach zehn Tagen in der Klinik, in der die Schmerzen gelindert wurden, ging es für Schumacher erneut nach Illingen. Die alte Dame mobilisieren, ihr weiterhin ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen, das ist das erklärte Ziel von Dr. Johannes Ratermann, Chefarzt der Geriatrie in St. Hedwig. Gemeinsam statten die beiden Mediziner der Patientin am frühen Morgen einen Besuch ab. Zuvor haben sich die beiden Ärzte bereits intensiv die Röntgenaufnahmen aller Patienten, die sie gemeinsam auf der Station besuchen werden, angesehen. Getreu dem „Vier-Augen-Prinzip“ betrachten sie die unterschiedlichsten Faktoren, die für die Behandlung der älteren Menschen wichtig sein können. „Den alten Menschen als Gesamtheit sehen, statt nur den Bruch zu heilen“, so formulierte Dr. Weber vor gut einem Jahr den Auftrag, den er mit seinem Kollegen in Illingen an das Projekt Alterstraumatologie in Saarlouis stellt.

Vor gut einem Jahr gegründet, kann das Projekt schon auf etliche Erfolge blicken. So wurden in der Zeit von Juni 2016 bis Juni 2017 exakt 421 Patienten in der neuen Abteilung behandelt. Viele von ihnen, sagt Weber, sind deutlich über 80 Jahre alt, einige mit Mehrfacherkrankungen wurden auch schon ab einem Alter von 70 Jahren ganzheitlich in der Alterstraumatologie versorgt. Rund ein Drittel aller Patienten in der Unfallchirurgie, sagt der Chirurg, sind Patienten für die Alterstraumatologie. Und noch eine Zahl hat er parat: „Täglich gibt es im Saarland allein drei Schenkelhalsbrüche ab 65 Jahren.“ Diese Zahlen zeigen, die Einrichtung dieses neuen Angebots, in Saarlouis in dieser Form einmalig im Saarland, ist mehr als gerechtfertigt.

„In den Köpfen unserer Mitarbeiter ist die neue Vorgehensweise an den Patienten mittlerweile angekommen, doch noch gibt es sehr viel zu tun“, erklärt Weber. Von Anfang an mit im Boot beim Projekt war Dr. Johannes Ratermann. „Wir haben in der Planung des Projektes einen Partner gesucht und sind in der Klinik in Illingen fündig geworden“, erklärt Weber. Ein Glücksfall, denn Ratermann kommt sehr gerne zu den wöchentlichen Visiten nach Saarlouis, auch, wenn es einen deutlichen Mehraufwand bedeutet. „Es wäre schlimm, wenn wir Ärzte das Ideelle verlieren würden. Gerade die alten Menschen haben die bestmögliche Behandlung und Pflege verdient“, betont der Geriater. Und er ist froh, dass sein Kollege freitags den Gegenbesuch in Illingen abstattet. Zwischen zwei und acht Patienten, so erklärt Weber, trifft er nach dem stationären Aufenthalt in Saarlouis in Illingen wieder.

„Jeder Patient hat die freie Wahl, wo er seine Reha antritt“, sagt er. Während einige auf die Wohnortnähe setzen, hat sich Schumacher erneut für die Behandlung von dem ihr anvertrauten Team entschieden. Und die zwei nehmen sich gerne ein paar Minuten Zeit, kommen mit ihr ins Gespräch, erfragen die Wohnsituation und ob sie denn auch genug isst und trinkt. Verärgert haben die beiden die Vorwürfe der Krankenkassen verfolgt, in denen behauptet wird, die Krankenhäuser seien nicht auf alte Menschen vorbereitet. „Das stimmt bei uns so absolut nicht. Wir haben schon vieles bewirkt mit der Alterstraumatologie, arbeiten interdisziplinär und an zwei Standorten zum Wohle der Patienten“, betont Ratermann.

Auch Weber wünscht sich, dass die Kostenträger die Wichtigkeit der speziellen Behandlung der alten Menschen endlich anerkennen. „Noch können wir das Ganze mit den bisherigen Ressourcen finanzieren. Doch, schon wenn einer von uns in Urlaub oder krank ist, dann ruht dieses Angebot, dabei wäre es so wichtig, dass die Kostenträger das Engagement würdigen. Schließlich werden wir doch alle einmal älter“, sagt er. Ratermann ergänzt, es habe sich zwar schon viel getan, doch der Wunsch, ein Neuro-geriatrisches-Zentrum in Illingen aufzubauen, dazu eine Akutklinik in der unmittelbaren Nachbarschaft, das werde sich wohl nur durch eine Stiftung realisieren lassen.