ASB wollte auf ehemaligem Höllgelände in Illingen Gebäude für verschiedene Formen von Betreuung bauen

Rund um die Brauturmgalerie : In Illinger Mitte geht es jetzt an die freie Fläche

Der Wohlfahrtsverband ASB zieht sich aus dem Projekt der neuen Illinger Mitte zurück. Bürgermeister König hat schon andere Ideen.

Wenn es um die neue Mitte Illingens, das ehemalige Höll-Gelände, und die ASB-Pläne eben dort ging in der jüngeren Vergangenheit, herrschte im Gemeinderat schnell mal dicke Luft. Der Verband wollte dort ein großes Gebäude mit betreutem Wohnen in unterschiedlichen Formen bauen. Während die Brauturmgalerie als Leuchtturm des ambitionierten Projekts nach und nach Gestalt annahm, blieb der Entwurf des angedachten Wohntraktes  in den Kinderschuhen stecken. Jetzt ist diese Planung vom Tisch. Im Gemeinderat an diesem Mittwoch wird es unter anderem auch um das zentrale Illinger Areal gehen, allerdings nicht explizit um das Aus für die Pläne des Wohlfahrtverbandes Arbeiter-Samariter-Bund. Das diskussionsfreudige Gremium dürfte das Reizthema aber kaum ausklammern, wenn es um die weitere Entwicklung des Areals geht. Alleine schon, weil SPD-Fraktionschef Guido Jost Landesvorsitzender des Verbands ASB ist.

Dessen Idee, neben der Brauturmgalerie einen großen Gebäudekomplex zu bauen, in dem insbesondere Menschen mit unterschiedlichem Hilfsbedarf eine Heimat finden könnten, war über Jahre ein integraler Bestandteil des Vorhabens, Illingen zwischen Ortsmitte und Bahnhof voranzubringen. ASB-Landesgeschäftsführer Bernhard Roth will sich zwar auf SZ-Nachfrage nicht zu 100 Prozent festlegen, dass das Tischtuch endgültig zerschnitten ist – die Gemeinde, sagt er, könnte ja theoretisch nochmal auf den Wohlfahrtsverband zukommen –, aber mehr ist es dann auch nicht. Illingens Bürgermeister Armin König macht indes keinerlei Hoffnung: „Das ,ASB-Kreuzfahrtschiff’ auf dem Höllgelände wird nicht kommen, das ursprünglich geplante ASB-Projekt ist nicht zu realisieren. Wir sind in einem so komplexen Projekt zwingend darauf angewiesen, dass Zeitpläne eingehalten werden.“ Kommendes Jahr gehe es an die Freiflächen, schwere Maschinen und Kräne seien dann tabu.

Ärgerlich ist das für den ASB schon, hat er doch nach den Worten des Geschäftsführers bereits 140 000 Euro Planungskosten in die Geschichte gesteckt. In einer Pressemitteilung heißt es etwas nebulös, es sei sehr bedauerlich, dass es in der Gemeinde Illingen nicht gelungen sei, die Rahmenbedingungen herzustellen, wie sie der ASB an anderen Standorten im Saarland vorgefunden habe. Der Wohlfahrtsverband könne schließlich auf gelungene Entwicklungen in der Pflegelandschaft hinweisen, etwa in Kirkel, Erbach oder auch mit dem Illinger Seniorenheim. Das war mithin im Umkehrschluss bei diesem Projekt nicht möglich. Letztlich geht es darum, dass der ASB nicht die Kosten für eine Hangsicherung Richtung Bahnhof und das Umlegen von Kanälen tragen möchte. Die Gemeinde will dies aber auch nicht.

Wer trägt nun Verantwortung für den Flop? Auch in diesem Punkt ist Roth zurückhaltend. Er wisse nicht, wer letztlich alles Schuld trage an der Entwicklung. Der ASB allerdings habe mehrfach umgeplant und damit den Wünschen der Sparringspartner Rechnung getragen. Bei seinem Verband könne er ein Versagen nicht erkennen. Mit in Bord bei dem ambitionierten Projekt mitten in Illingen sind über die Jahre die Gemeinde, Bürger und Bürgerinnen in Beteiligungsmodellen, Saarland Bau- und Boden-Projektgesellschaft (inklusive Tochtergesellschaften), Investorengruppe Brauturm-Galerie und eben der ASB.

Der 99,9-Prozent-Absage des ASB vorausgegangen war ein Votum der aus der Mitte des Illinger Gemeinderates gewählten Baukommission. Im April hatte sie Bürgermeister Armin König beauftragt, das für den ASB vorgesehene Grundstück zu kaufen und dem ASB mitzuteilen, dass dessen Antrag auf Klärung offener Punkte aus „rechtlichen, finanziellen und zeitlichen Gründen nicht zustimmungsfähig“ sei. Der Gemeinderat folgte diesem Beschluss. Dessen Sorge: Um die hohen Zuschüsse der EU nicht zu gefährden, muss alles bis Ende 2022 abgerechnet sein. Damit gemeint, erklärt Bürgermeister König, seien die Freiflächen auf dem Areal. Die EU-Mittel haben mit der ASB-Geschichte nach seinen Worten nichts zu tun, allerdings hätte dessen Bau die anderen Arbeiten verzögert und mithin die hohen Zuschüsse gefährdet.

Die Illinger Verwaltung hat im Disput um die jüngste Entwicklung eine Chronologie des ASB-Projektes aus ihrer Sicht zusammengestellt. Die ersten Ideen eines „Service- und Pflegewohnens“ in Illingen datieren demnach auf Ende 2012. Ein erster Entwurf wurde bei einem Festakt im Seniorenheim im April 2014 präsentiert. Der Bebauungsplan kam im Sommer 2015. In der Folge gab es Änderungen, heißt es weiter. Im August 2018 habe die Verwaltung den Verband erstmals auf den engen Zeitrahmen hingewiesen. Im Oktober dann eine Mitteilung des Bauunternehmens OBG an die Verwaltung, es fehle eine tiefergehende Entwurfsplanung. Offene Fragen wollte der ASB demnach bis Jahresende klären. Im Januar 2019 ging es um einen städtebaulichen Vertrag, ein neues Nutzungskonzept ohne Pflegewohnungen und die Bedenken der Verwaltung. Es folgten Abstimmungstermine, Bitten um notwendige Informationen und schließlich der Beschluss der Baukommission, die Gemeinde solle das betreffende Areal selbst erwerben. Während diese Chronologie im Kern das aktive Handeln des Rathauses darstellt inklusive wiederkehrender Verzögerungen, hat ASB-Chef Roth eine andere Historie im Köcher. Von vier größeren Umplanungen spricht er in 2011, 2014, 2015 und 2016. Wobei er betont: „Wir waren nie Bauherr.“ Mehr in der Form eines Ideengebers habe der Verband aufgrund veränderter Rahmenbedingungen umgeplant: Änderungen gab es demnach zum Standort, zur Frage, wie viele Etagen das Haus bekommen sollte, zur Lage der Freitreppe (mal durch das Gebäude, mal außerhalb), zur Frage der Zufahrten. Erst auf die Anfrage der SBB, ob der ASB das Areal erwerben wolle, sei es im Zuge des Bodengutachtens zu den offenen Fragen mit Hangsicherung und Kanalsituation gekommen. Und so zur aktuellen Situation.

Und wie geht es jetzt weiter? Bürgermeister Armin König: „Dass wir dort keine Brache liegen lassen dürfen, versteht jeder. Vermutlich wird es dort zunächst eine temporäre Begrünung geben. Wir werden unverzüglich ein städtebauliches Konzept vorschlagen, das förderfähig ist und gehen in die Ideenfindung mit der Lenkungsgruppe, dem Zentrumsmanager und der Öffentlichkeit.“ Er selbst, erläutert der Verwaltungschef, könne sich dort eine öffentliche Einrichtung (Kindergarten mit Krippe) ebenso gut vorstellen wie soziales Wohnen in Kleingruppen für Menschen mit und ohne Behinderung. Oder auch ein kleines Starterzentrum. König: „Wir sind da völlig offen. Es muss passen. Und wenn dort junge Leute hinkommen oder Familien, stärkt dies das Zentrum.“ Vor 2022 sei dies nicht wahrscheinlich, weil zunächst die Baustelle Freifläche mit Treppe und Anlagen realisiert werden müsse. König zuversichtlich: „Bis 2022/23 haben wir auch einen Investor oder eine Finanzierung für ein neues Projekt.“

Am Mittwoch, 19. Juni, 18 Uhr, kommt der Gemeinderat Illingen, noch in „alter“ Besetzung im Sitzungssaal des Rathauses zusammen. Auf der Tagesordnung steht unter anderem die Präsentation der Freiflächenplanung an der Brauturmgalerie durch das Planungsbüro HDK Dutt & Kist. Das Thema „neue Ortsmitte“ wird  die Illinger noch weiter beschäftigen.

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