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Heinitz bekommt neue Böden
Das Dilemma mit dem Gift in Heinitz

Ein Blick auf die Baustelle. Zwölf Stunden am Tag fahren dort Bagger und Laster.
Ein Blick auf die Baustelle. Zwölf Stunden am Tag fahren dort Bagger und Laster. FOTO: Michael Kipp
Neunkirchen. In Heinitz läuft die bisher größte Sanierungsmaßnahme der RAG. 14 Hektar Gelände muss sie sanieren, um giftige Kokerei-Hinterlassenschaften unschädlich zu machen. Die Heinitzer finden das gut, die Bausstelle nervt sie dennoch. Von Michael Kipp

Das ist schon ein Dilemma. Und die Anwohner der Friedrichsthalerstraße in Heinitz leben mittendrin. Vor allem die Bewohner der Hausnummern 46 und 42 müssen derzeit Nerven aus Drahtseil haben. Schließlich ist das freie Baugrundstück zwischen den Häusern seit März dieses Jahres geteert. Und dient als Baustellenzufahrt für bis zu 50 Lkw pro Tag. Denn hinter den Gartenzäunen der Anwohner liegt Gift. Auf mehr als 14 Hektar verteilt. Und das muss weg. Oder besser gesagt: Die RAG muss die kontaminierte Erde verkapseln. Stefan von dem Broch ist Projektleiter der Bodensanierung. Er und seine Bauleiter kamen am Dienstag nach Heinitz, bauten auf der Baustellenzufahrt ein paar Bierbänke auf, stellten einen Pavillon nebst Grillgerät auf und luden die Anwohner ein. Um über die Baustelle hinter ihren Häusern zu reden, um Probleme zu lösen. Denn die gibt es. Auf der Baustelle und daneben.


Blei, Teer, Öle, Cyanide, Naphthalin und Benzoapyren, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Seit mehr als 100 Jahren sind die Böden in Heinitz mit Kokereiabfällen verseucht. Das kam so: Von 1849 bis 1963 verfeuert die Kokerei an der Friedrichsthalerstraße Kohle zu Koks. Auf der anderen Straßenseite das heutige, etwa 14 Hektar große Sanierungsgebiet. Über die Straße führten einst Rohre einer Teergasleitung. Die Leitung zwängte sich zwischen Halden und Häusern vorbei. Als sie in den 1960er Jahren ausgedient hatte, gab es das Wort Umweltschutz noch nicht. Die Folge: Die Arbeiter zerlegten die Rohre direkt vor Ort, Reste der Rohrfracht gelangten in die Erde und kontaminierten sie. Dazu lagerten die Arbeiter Reststoffe vom Kokerei-Abriss auf der Halde. Ebenfalls kontaminiert. Und: Die Giftstoffe verbreiteten sich via Kanalisation. Bis ins Binsenthal. „Als wir im März mit der Sanierung begonnen haben, haben wir noch mehr kontaminierte Böden gefunden als angenommen“, erklärt von dem Broch. Folge: Das Sanierungsgebiet musste Richtung Halde wachsen. „Das ist die bisher größte Sanierungsmaßnahme von uns im Saarland“, erklärt der Projektleiter. Seit März sind sie am arbeiten, in dreieinhalb Jahren soll der erste Bauabschnitt abgeschlossen sein. Etwa zehn Millionen Euro werden die Arbeiten kosten. Die RAG lagert Böden um, nur ganz wenig entsorgt sie. Das wäre zu teuer. Lediglich 7000 Kubikmeter kommen nach Köln in eine Verbrennungsanlage. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro. Der größte Teil des Giftbodens bleibt dort, wo er ist. Und wird von der RAG abgedeckt und abgedichtet. Mit Abdichtfolien — und vor allem mit Bergematerial. Derzeit sind Bagger, Raupen und Laster dabei das Gelände zu modellieren. Den Baugrund herzurichten, damit später die Folie dort „sauber“ liegen kann. „Es gab leider kein Baugrundgutachten“, sagt von dem Broch. Hätte es dies gegeben, wäre vorher klar gewesen, dass der Baugrund kein guter ist. Daher mussten sie ihn erst aufbereiten. Zusatzkosten: eine Million Euro. Die verlorene Zeit will der Projektleiter wieder reinholen. „Es bleibt bei vier Jahren Bauzeit“, sagt er bei der Versammlung auf der Baustellenzufahrt.

Etwa 70 Anwohner waren gekommen. Ihre grundsätzliche Haltung: Gut, das was passiert. Gut, dass saniert wird. Schließlich hat niemand gerne Gift hinter seinen Häusern. Dass sie dazu vier Jahre auf die Zähne beißen müssen, ist mehr als bewusst und schwingt auch gedämpft mit, als sie sich über einige Dinge bei den Bauleitern beschweren. Zum Beispiel: Staub an den Hauswänden. Ist der giftig? „Nein“, sagen die Baustellenchefs. Wurde im Sommer die Baustelle nicht genug bewässert, um den Staub zu vermeiden? Müssen die Videokameras, die die Baustelle bewachen, auch die Gärten der Anwohner mit ins Visier nehmen. Muss alle paar Minuten ein Signalhorn erklingen, wenn ein Lkw voll beladen ist? Dass das ständige Gepiepe nervt, wenn ein Lkw oder Bagger rückwärts fährt. „Arbeitsschutz“ lautet da die kurze Antwort. Leider nötig. Was ist mit den kurzfristig angelegten und geteerten Baustraßen? „Die kommen später wieder weg“, sagt von dem Broch. Das Problem, dass in den Häusern neben der Baustellenzufahrt die Gläser im Schrank vibrieren, wenn ein Lkw auf die Baustelle fährt, verbuchen die Macher als leider nicht änderbar. Dass eine Kehrmaschinen zu laut ist, sollte durch den Einsatz einer neuen lösbar sein, versprechen sie. Was sie auch versprechen, dass sie in den kommenden Jahren immer wieder Info-Veranstaltungen durchführen wollen und den Anwohner auch sonst für Fragen zur Verfügung stehen. Denn auch das war zu spüren. Die Baustellenprofis wissen, dass sie den Anwohner viel zumuten. Doch letztlich haben alle ein Ziel vor Augen: ein Naturschutzgebiet in den Gärten. Dass soll das Gelände nach Abschluss der Sanierung werden.



Etwa 70 Anwohner kamen am Dienstag nach Heinitz, um auf der Baustellzufahrt über die Sanierungsmaßnahmen und deren Umsetzung zu diskutieren.
Etwa 70 Anwohner kamen am Dienstag nach Heinitz, um auf der Baustellzufahrt über die Sanierungsmaßnahmen und deren Umsetzung zu diskutieren. FOTO: Michael Kipp