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RAG stellt Sanierung der Geisheck vor
Heinitz bekommt neue Böden

Sanierungszone vier in den Gärten der Friedrichsthalerstraße: Die Bäume liegen bereits, links oben ist die Halde Geisheck zu sehen.
Sanierungszone vier in den Gärten der Friedrichsthalerstraße: Die Bäume liegen bereits, links oben ist die Halde Geisheck zu sehen. FOTO: Robby Lorenz / Robbby Lorenz
Neunkirchen. Die RAG Montan stellte am Montag den Heinitzern Pläne für die Bodensanierungen vor. Von Michael Kipp

Blei, Teer, Öle, Cyanide. Oder Naphthalin und Benzoapyren, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. Seit mehr als 100 Jahren sind in Heinitz Böden mit Kokereiabfällen verseucht. Sie kontaminieren die Erde des „Dorfs im Grünen“ so derbe, dass die Besitzerin des Gebietes, die RAG Montan Immobilien, nun Sanierungsmaßnahmen startet. Am Montagabend stellten Vertreter der RAG Montan Immobilien ihre Pläne den Bürgern des Neunkircher Stadtteils vor. In einer Bürger-Versammlung. Etwa 120 der 668 gemeldeten Heinitzer waren in die Aula der alten Grundschule in die Grubenstraße gekommen. Mit den Worten: „Wir sind froh, dass die Sanierung endlich losgeht“, eröffnete der Heinitzer Frank Lorschiedter (SPD) die Versammlung. „Das ist die bisher größte Sanierungsmaßnahme von uns im Saarland“, sollte RAG-Montan-Prokurist Rudolf Krumm dort erklären. In vier Jahren soll der erste Bauabschnitt abgeschlossen sein. Etwa elf Millionen Euro werden die Arbeiten in den kommenden vier Jahren kosten.


Wo das Gift herkommt, ist klar: Von 1849 bis 1963 verfeuert die Kokerei an der Friedrichsthalerstraße Kohle zu Koks. Auf der anderen Straßenseite stehen Wohnhäuser, dahinter eine freie Fläche und die Halde Geisheck. Das heutige, etwa 14 Hektar große Sanierungsgebiet. Über die Straße führten einst Rohre einer Teergasleitung. Die Leitung zwängte sich zwischen Halden und Häusern vorbei. Als sie in den 1960er Jahren ausgedient hatte, gab es das Wort Umweltschutz noch nicht. Die Folge: Die Arbeiter zerlegten die Rohre direkt vor Ort, Reste der Rohrfracht gelangten in die Erde und kontaminierten sie. Dazu lagerten die Arbeiter Reststoffe vom Kokerei-Abriss auf der Halde. Ebenfalls konterminiert. Und: Die Giftstoffe verbreiteten sich via Kanalisation. Bis ins Binsenthal.

All das war in seiner Schlimmheit lange nicht klar - und damit egal. Nach Schließung der Kokerei 1963 und der Gruben Heinitz (1962) und Dechen (1968) hat der Bergwerksbetreiber das Gelände mehr oder weniger sich selbst und der Natur überlassen.



Sie hat es sich mit Vehemenz zurückerobert. Eine einzigartige Flora und Fauna siedelt rund um die Geisheck. Viele Rote-Listen-Geschichten: Vögel, Libellen, Amphibien, Reptilien. Letztlich ist das kontaminierte Gelände zu einem Natura-Gebiets- und Landschaftsschutzgebiet ernannt worden. „Die Naturschützer haben uns gesagt: Hände weg von dem Gebiet“, erklärt Krumm. Doch das Naturidyll wurzelt auf vergifteten Böden. Und kann so nicht aus der Bergaufsicht.

 2007 sanierte die RAG zunächst die Gärten und untersucht das restliche Gebiet systematisch. Ergebnis: viel Gift. 2009 finden sie im Binsenthal ebenfalls giftige Erde. „Das Binsenthal werden wir nach dem ersten Bauabschnitt in Angriff nehmen“, sagte Krumm. 2011 findet ein Workshop in Heintiz statt, bei dem Krumm damals den Beginn der Maßnahmen in der Friedrichsthalerstraße ins Jahr 2013 datiert. 2018 geht es nun los. „Die Planungen haben so lange gedauert, da wir einen Ausgleich zwischen Sanierungs- und Naturschutz finden wollten – und mussten“, sagt Krumm. Daher auch „die vier Sanierungszonen, die wir nach und nach abarbeiten“, erklärt Krumm. Sie gewährleisten, dass die Natur sich zurückziehen könne. Auch in eigens angelegte Ersatzbiotope in der Nachbarschaft. „Wir werden auch Tiere fangen und umsiedeln“, erklärt Projektleiter Stefan von dem Broch, der auch bestätigte, dass die ersten Arbeiten in Sanierungszone vier bereits abgeschlossen seien. Die Bäume sind gefällt.

In den nun folgenden vier Jahren wird die RAG Böden umlagern, nur ganz wenig entsorgen. Das wäre zu teuer. Lediglich 7000 Kubikmeter kommen nach Köln in eine Verbrennungsanlage. Kostenpunkt: zwei Millionen Euro. Der größte Teil des Giftbodens bleibt dort, wo er ist. Und wird von der RAG abgedeckt und abgedichtet. Mit Abdichtfolien - und vor allem mit Bergematerial. Insgesamt 356000 Kubikmeter Böden schleppen die LKWs nach Heinitz.  Den größten Teil aus Fischbach von der Halde Lydia, die die RAG parallel saniert. Das Gelände wird „verkapselt“. „Wie eine Mülldeponie“, erklärt von dem Broch. Das Gift wird eingeschlossen, soll so nicht ins Grundwasser gelangen können. Und auch der Mensch sei so vor ihnen sicher. „Bauen darf man auf solche einem Gelände nicht“, sagt Krumm. Will hier auch keiner. Die neu entstehenden Oberflächen will die RAG der Natur überlassen. Und ins Naturschutz-Großprojekt „Landschaft der Industriekultur“ Nord eingliedern. Kleine Teiche legt sie dazu auf dem Terrain an. Schwarze Erde, Wälle, perfekte Bedingungen für Gelbbauchunke, Wechselkröte, Zauneidechse und Co.

Doch bis dahin ist noch ein langer Weg. Auf dem 20000 LKWs nach Henitz fahren werden. 25 am Tag. Um aufs Gelände zu kommen, rollen sie durch eine Baulücke in der Friedrichsthalerstraße. Zwischen zwei Häusern durch. „Das können wir Ihnen leider nicht ersparen“, sagte Projektleiter Stefan von dem Broch. Er verspricht, die Häuser zuvor begutachten zu lassen, um eventuelle Schäden später zu ersetzen.

In der anschließenden Fragerunde empfehlen einige Bürger, die bereits sanierten Gärten wieder zu untersuchen. Sie gehen davon aus, dass seit 2007 wieder kontaminiertes Wasser in ihre Gärten gesickert sei. Die Vertreter der RAG Montan Immobilien sichern zu, die Hinweise zu prüfen. Und sie versprechen, stets ein offenes Ohr für die Anwohner haben zu wollen. „Sprechen sie uns einfach an“, sagt von dem Broch, „wir sind ja jeden Tag im Ort.“ Mindestens vier Jahre. Danach geht es ins Binsenthal.

Diskutierten mit: Peter Steinmetz, Stefan von dem Broch, Wolf Heer, Christopf Rampendahl und Anja Groß.
Diskutierten mit: Peter Steinmetz, Stefan von dem Broch, Wolf Heer, Christopf Rampendahl und Anja Groß. FOTO: Jörg Jacobi