Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen startet Projekt "Wald macht Schule"

Kostenpflichtiger Inhalt: GGS Neunkirchen : Der Wald wird zum Klassenzimmer

An der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen gibt es ein saarlandweit einmaliges Unterrichts-Projekt.

Viele Schulen veranstalten Wald-Exkursionen, um Kindern das heimische Ökosystem nahe zu bringen. In Neunkirchen geht man noch einen Schritt weiter. Wenn sich die Fünftklässler der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen auf den Weg in den nahen Kasbruch-Wald machen, steht nicht nur Sachkunde auf dem Plan. Egal ob Deutsch, Mathe, Kunst: Zweimal pro Woche findet der halbe Unterrichtstag im Freien statt.

Jedenfalls fast: „Outdoor-Klassenzimmer“ nennt Schulleiter Clemens Wilhelm die Schutzhütte, welche die Schüler unter Anleitung in der einjährigen Vorbereitungszeit selbst gezimmert haben. Nun ist auch die Probephase abgeschlossen: Sogar Umweltminister Reinhold Jost (SPD) und Landrat Sören Meng (SPD) geben sich die Ehre, wenn das Projekt „Wald macht Schule“ am Freitag offiziell eingeweiht wird. Das Konzept hat Wilhelm zusammen mit Bodo Marschall entwickelt, der 2018 nach 45 Jahren als Förster in Rente ging, aber seinem früheren Arbeitsplatz weiterhin als „Waldpädagoge“ treu bleibt. Fördermittel kamen vom Umwelt- und Bildungsministerium und dem Landkreis, das Waldstück selbst gehöre dem Staat, mit dem man einen Nutzungsvertrag abgeschlossen habe, so Wilhelm.

„Das Besondere ist, dass wir den Wald nicht als Erlebnisort sehen, sondern wirklich den Unterricht dorthin verlagern“, erklärt er. Damit ist das Projekt der GGS Neunkirchen saarlandweit einmalig, aber auch vom Rest der Republik ist Wilhelm nichts Ähnliches bekannt. „Ob es einzigartig ist, weiß ich nicht – aber es ist zumindest sehr außergewöhnlich.“

Ein Vorteil ist die praktische Anwendung der Lerninhalte, welcher der Wald als Klassenzimmer mit sich bringt. „Wir haben in Schulen oftmals das Problem, dass die Kinder nicht wissen, wofür sie das Gelernte brauchen können“, so Wilhelm. Im Wald dagegen wird nicht mit Lineal im Heft gemessen, sondern mit dem Zollstock an Brettern, die gesägt werden müssen. Mathematik werde so (be)greifbarer. Aber auch der Deutschunterricht ließe sich gut verlagern. Gegenstandsbeschreibungen, Gedichte, kreative Texte – all das könne man schließlich auch zum Thema Wald und direkt vor Ort verfassen.

Um das wenige Kilometer entfernte Outdoor-Klassenzimmer erreichen zu können, hat die Schule kürzlich erst dreißig Fahrräder angeschafft. Das sei praktisch und gut für die Energiebilanz. Der Weg führe auch hauptsächlich über Fahrradwege, wie Wilhelm betont. Stichwort Sicherheit: Gab es Eltern, die Bedenken gegen das Projekt angemeldet haben? „Mitnichten!“ lacht Wilhelm. Keine Mutter und kein Vater hätte sich bisher beschwert, im Gegenteil: Für einige Eltern sei das neue Konzept sogar der Grund gewesen, ihr Kind an der GGS anzumelden.

„Wir versuchen die Kinder zu erden, ihnen Wurzeln zu geben“, so Wilhelm. Man merkt, dass der Schulleiter selber von seinem Herzblut-Projekt überzeugt ist, doch aktuell nehmen nur drei Klassen der fünften Klassenstufe – knapp 90 Kinder – daran teil. Die Idee, den Wald-Unterricht auch auf die Klassenstufen 6 bis 9 zu erweitern, existiert aber bereits, am Lehrplan werde gerade gefeilt.

Der Unterricht im Wald bietet besseres Lernen durch Anschaulichkeit – aber darüber hinaus? „Die Schüler verhalten sich anders als in der Schule“, berichtet Wilhelm, sie seien ruhiger und aufnahmefähiger. Er betont den gesundheitlichen Effekt eines Aufenthalts unter Bäumen, der wissenschaftlich erwiesen sei. In Japan nutze man diese Erkenntnisse schon lange therapeutisch und habe ein eigenes Wort dafür: Shinrinyoku, zu Deutsch „Waldbaden“.

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