| 20:23 Uhr

Aktion im Berufsbildungszentrum Neunkirchen
„Man weiß, man tut was Gutes“

Lehrwerkmeister Vincenzo Marsala, rechts, zeigt der Auszubildenden Julia-Christin Keller, wie man Haare föhnt und legt. Kundin Badra Geib war mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Lehrwerkmeister Vincenzo Marsala, rechts, zeigt der Auszubildenden Julia-Christin Keller, wie man Haare föhnt und legt. Kundin Badra Geib war mit dem Ergebnis sehr zufrieden. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Im Berufsbildungszentrum: Neunkircher Lehrlinge im Friseurhandwerk schneiden Bedürftigen kostenlos die Haare. Von Anja Kernig

. Tüchtig Betrieb hier im Salon Parkstraße. Wasser plätschert am Kopfwaschbecken, ein Föhn lärmt, diverse Glätteisen sind dampfend im Einsatz. „Herzlich willkommen“ hat jemand auf die Wandtafel geschrieben und kleine Herzen und Scheren dazu gemalt. Kundschaft trifft ein. Der Mann wird freundlich begrüßt, von seiner Winterjacke befreit und zu einem der Plätze vor den großen Spiegeln geführt. Was darf’s denn sein? Das Übliche halt: waschen, schneiden, föhnen – und „stylen am Schluss“, ergänzt Friseurmeister Vincenzo Marsala. So weit, so normal.


Na gut, es gibt heute kein Trinkgeld. Genau genommen wechselt kein einziger Euro den Besitzer. Denn das hier ist der Lehrsalon des Sozialpflegerischen Berufsbildungszentrums. Und es sind auch keine normalen Kunden. Zum zweiten Mal boten dort Lehrlinge die Aktion „Haare schneiden für Bedürftige“ an. Initiator Marsala: „Es ging uns darum, der kommerziellen Weihnacht etwas entgegen zu setzen.“ Ein Signal der Liebe und Geborgenheit wollte man geben und gleichzeitig „die Schüler in jungen Jahren“ an soziales Denken und Handeln heranführen. 62 Frauen und Männer hatten bei der Premiere 2017 von dem kostenlosen Angebot Gebrauch gemacht. Diesmal rechne man mit mindestens genau so vielen, schätzte der Ausbilder am Montagmittag. Kommen darf übrigens jeder. „Wir weisen keinen ab.“

Zwölf angehende Friseure und sechs Teilnehmer des Berufsgrundbildungsjahres kümmern sich um die Gäste. „Anfangs sind sie immer etwas ängstlich und zurückhaltend“, weiß Marsala. Aber mit der Zeit werden sie lockerer, vor allem, wenn es immer wieder positive Rückmeldungen seitens der „Kunden“ gibt. Schon zum zweiten Mal dabei ist Melissa. „Man fühlt sich auf der einen Seite gut“, erzählt die 23-Jährige. Anderseits besteht da eine gewisse Scham. Hat man es doch mit Menschen zu tun, denen es materiell nicht so gut geht. Schon allein so simple Dinge wie Gesprächsthemen können da zu einem Problem werden: In ihrem Ausbildungssalon Haarmonie in der Bliesstraße plaudere man derzeit gern darüber, ob man schon alle Geschenke beisammen hat und wie man die Feiertage verbringt. Solche Themen hier anzuschneiden, traut sich Melissa nicht. Trotzdem macht die Arbeit heute Freude: „Man weiß, man tut was Gutes.“ Und das fühlt sich prima an. „Sie freuen sich von Herzen. Das sieht man.“ Etwa bei Badra („Das bedeutet Mond“) Geip. Die 78-Jährige stammt aus Algerien und ist glücklich über ihren frisch frisierten Kopf. Seit 58 Jahren lebt sie in Deutschland, hat vier Kinder groß gezogen und, als diese groß waren, „alte Leute gepflegt“. Ihr Mann starb vor 25 Jahren, sie muss sehen, wie sie klar kommt. Sie selbst habe früher mal auf dem Laufsteg gestanden, bei Modenschauen für den guten Zweck vom Ottweiler Modehaus Neufang-Rennwald. „Der Erlös ging ins Seid getrost-Heim und an die Lebenshilfe Mainzweiler.“



Sagt’s und begibt sich mit ihrem Einkaufswägelchen eine Etage tiefer, wo Hauswirtschaftsschüler belegte Brötchen und Gewürzkuchen vorbereitet haben. Hier sitzt schon Ralf Behringer. Der bärtige 50-jährige Berufskraftfahrer, der wegen seiner Diabeteserkrankung mit 38 frühberentet wurde, genießt noch ein bisschen die Wärme und die Gesellschaft. Er ist nicht gut zu Fuß, ein Auto kann er sich nicht leisten und vieles andere auch nicht. „Ich finde es gut, dass sich jemand um Leute kümmert, die nicht so viel Geld haben.“ Zum Schluss gibt’s noch eine Tüte „Heidesand“ oder Zimtwaffeln mit auf den Weg. „Danke und frohe Weihnachten“ kommt im Gegenzug zurück – manchmal nur leise gemurmelt, aber so ehrlich und froh, wie man es nur selten vernimmt.