Fridays for Future Neunkirchen im Interview

Kostenpflichtiger Inhalt: Fridays for Future in Neunkirchen : „Wir müssen den Schaden begrenzen“

Fridays for Future Neunkirchen hat mit Ida Diercks und Santino Klos ein Sprecher-Team.

Die Mahnungen, was das Klima unseres Planeten anbelangt, werden zunehmend lauter und eindringlicher. „Fridays for Future“ hat in den vergangenen Monaten ein gutes Stück beigetragen, das Thema in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte zu rücken. Die jungen Leute, die die Umweltbewegung tragen, wollen dabei mehr als einen Achtungserfolg, als ein wenig Aufmerksamkeit. Sie wollen Veränderungen. Konkrete Veränderungen in der Umweltpolitik. Deshalb gehen Schüler immer freitags auf die Straße, verschaffen sich Gehör. Neunkirchen ist bislang kein Zentrum des Klimaprotestes, aber auch hier engagiert sich eine Ortsgruppe der Schüler-Bewegung. Ihre beiden Sprecher sind Ida Diercks und Santino Klos.

Nach dem ersten Schulstreik in Saarbrücken im Januar ging es in weitere saarländische Städte. St. Wendel, Saarlouis, St. Ingbert haben mittlerweile größere und kleinere Klimaproteste erlebt. Neunkircher Schüler gingen im April erstmals auf die Straße. Ihren Protest wollen die jungen Leute weiterführen. Ein schnelles Einbrechen befürchten die Neunkircher FFF-Sprecher nicht. Klos: „Wir haben ein halbes Jahr durchgehalten, wenn man die Sommerferien wegrechnet. Am 20. September rufen wir zum Zentralstreik in Saarbrücken auf. Verdi-Chef Frank Bsirske hat zur Teilnahme aufgerufen, das finde ich sehr cool.“ Es wird weitergehen, ist er sicher. Eine Aktion pro Woche in Neunkirchen sei natürlich illusorisch, aber eine Aktion immer freitags im Saarland soll es weiter geben. Seine Mitstreiterin Diercks erinnert an das Motto der Bewegung: „Wir streiken, bis ihr handelt.“ Deshalb: „Wir wollen streiken, bis unsere Forderungen umgesetzt werden.“ Das beinhalte den Kohleausstieg bis 2030 und Null-CO2-Ausstoß bis 2035. Diercks betont, jeder müsse etwas ändern in seinem Verhalten: „Unser Ziel ist es, Bewusstsein zu schärfen.“

Die eigene Lebensgrundlage zu erhalten, müsste eigentlich ein Ziel sein, hinter dem sich ein überwältigender Teil der Menschheit vereinen könnte. Aber schon vor Ort in Neunkirchen gibt es kritische bis verächtliche Stimmen. Leute, die sagen, die Schüler wollten nur die Schule schwänzen. Oder: In Urlaub fliegen würden die Aktivisten ja schon, und ein Smartphone habe auch jeder. „Es geht nicht darum, sich gegenseitig Schuld zuzuweisen“, sagt Diercks. Klos stimmt ihr zu: „Jeder Mensch verbraucht Umwelt. Aber wir müssen den Schaden begrenzen.“ In den sozialen Netzwerken schlügen den jungen Aktivisten schon beleidigende Kommentare entgegen. Klos: „Kritik nehmen wir gerne an.“ Hässliche Kommentare lese er aber mittlerweile nicht mehr. Diercks tut das auch nicht: „Es entspricht nicht meinem Verständnis von Respekt.“ Warum dieser Hass? Klos: „Ich erkläre mir das mit Angst. Die Leute müssen aus ihrer Komfortzone raus.“ Diercks sieht eine Polarisierung in Gut und Böse. Wenn man jemanden kritisiere für das, was er macht, ändere das nichts am Klimawandel. Es sei ein Prozess, den die Fridays-Bewegung anstoßen wolle. Dranbleiben, bis die Politik grundlegend etwas ändert. Das kann lange dauern. Wann wäre der Zeitpunkt erreicht, um die Proteste einzustellen? Es müssten schon entsprechende Verträge geschlossen sein, sagt Klos, um aufzuhören. Und die müssten dann auch eingehalten werden. Einzelne Aktionen wie das Einberufen eines Klimakabinetts in der deutschen Politik oder die Bewerbungsrede Ursula von der Leyens für das Amt der EU-Kommissionspräsidentin mit Aussagen zur Klima-Problematik reichen den jungen Leuten nicht. Wann tatsächlich ein Punkt erreicht sei, den Protest einzustellen, lasse sich derzeit nicht sagen, sagt Klos. Zunächst gelte es, mit den Leuten, die jetzt aktiviert sind, am Thema dranzubleiben. Neue Gesichter seien willkommen.

Klos ist bei den Grünen aktiv, will die FFF-Bewegung aber nicht mit seinem parteipolitischen Engagement verquicken. Sprecherin Diercks engagiert sich in keiner Partei. Es sei das Thema Klimaschutz, das sie interessiere: „Wir wollen eine lebenswerte Zukunft, Klimagerechtigkeit.“ Zu Beginn waren die Schülerproteste sehr allgemein, mittlerweile gibt es konkrete Forderungen. Neben dem Abschalten von Kohlekraftwerken fordern die Neunkircher Aktivisten unter anderem einen deutlich besseren öffentlichen Verkehr. Bus und Bahn seien zu teuer, selbst im kleinen Saarland sei man für kurze Wege zu lange unterwegs. Die Radwege müssten ausgebaut werden. In Neunkirchen wollen die Schüler eine Müllsammel-Aktion machen, um auf ökologische Schäden aufmerksam zu machen.

Der nächste große Schritt ist die Demo in Saarbrücken am 20. September. Weitere Aktionen sollen folgen. Und wenn die Politik doch wieder in ihr übliches Procedere verfällt? „Es lohnt sich immer, für seine Ziele einzustehen“, sagt Klos, „wenn wir nicht vorankommen, haben wir es wenigstens probiert.“ Diercks: „Ich denke, es soll ein gesellschaftliches Ziel und nicht ein Konflikt werden.“

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