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Erziehung ist Knochenarbeit

Spiesen-Elversberg. "Das Schicksal des Staates hängt vom Zustand der Familien ab." Mit diesem Zitat von Alexandre Vinet eröffnete Thomas Thiel, Spieser Ortsvorsteher, am Donnerstagabend die Diskussionsrunde zum Thema "Familienpolitik" im evangelischen Gemeindehaus in Elversberg Von SZ-Mitarbeiterin Jennifer Klein

Spiesen-Elversberg. "Das Schicksal des Staates hängt vom Zustand der Familien ab." Mit diesem Zitat von Alexandre Vinet eröffnete Thomas Thiel, Spieser Ortsvorsteher, am Donnerstagabend die Diskussionsrunde zum Thema "Familienpolitik" im evangelischen Gemeindehaus in Elversberg. Eingeladen hatte die CDU-Landtagsfraktion in der Reihe "Fraktion in der Region", gekommen waren rund 40 Besucher. Auf dem Podium: Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerin für Bildung, Familie, Frauen und Kultur des Saarlandes, Reiner Pirrung, Bürgermeister der Gemeinde Spiesen-Elversberg, Christiane Schäfer, Mitglied im Landesfachausschuss für Familien, Jörn Ludt, Rektor der Erweiterten Realschule (ERS), und Markus Bischof, Vorsitzender des örtlichen Kinderschutzbundes. Folgt man dem Eingangs-Zitat, dann dürfte es um den Staat zurzeit ziemlich schlecht stehen: Traditionelle Strukturen brechen weg, immer mehr Eltern stehen zwischen Beruf und Kind, sind verunsichert und überfordert, was Erziehung angeht. Komasaufen, Jugendkriminalität und emotionale Verrohung nehmen zu. Medienkonsum, Gewaltspiele am PC tun ein Übriges - Markus Bischof vom Kinderschutzpunkt redete Tacheles, als er die Problematik umriss. Welche Antworten kann da die Politik haben? Ein umfangreiches Angebot wurde aufgebaut: Familienhebammen beispielsweise helfen ein Jahr lang nach der Geburt eines Kindes in problematischen Fällen. Krippenplätze werden eingerichtet, das dritte Kindergartenjahr ist beitragsfrei. Die Gemeinde Spiesen-Elversberg führte ein Babygeld von 500 Euro ein, das nach einem Jahr ausgezahlt wird, so Bürgermeister Reiner Pirrung, der Spiesen-Elversberg als "familien- und kinderfreundliche Gemeinde" lobte, aber zugleich einräumte: "Auch Gutes kann noch besser werden." Trotz der stets betonten "Wahlfreiheit" (Christiane Schäfer) der Eltern für oder gegen Betreuung war der Grundtenor: Betreuung der Kinder tut Not, und zwar - überspitzt formuliert, von klein auf, rund um die Uhr, auch in den Ferien. Dass man mit intensiver und systematischer Betreuung durchaus Erfolge erzielen kann, berichtete Jörn Ludt von der ERS: Ein Bündel von Maßnahmen wurde geschnürt, vom Besinnungsraum bis zum Fußballangebot am Nachmittag. Der Erfolg gibt dem Konzept recht: Jeder Schüler schaffte bislang den Abschluss. Bei Ludts Ausführungen wurde klar: "Erziehung ist Knochenarbeit", wie es Kramp-Karrenbauer auf den Punkt brachte. Und wer seinen Kindern eine Chance geben will, der muss diese Verantwortung auf sich nehmen - und im besten Falle engagierte Erzieher und Lehrer finden, die es ebenfalls tun. "Pädagogik heißt, Kinder da abzuholen, wo sie stehen", formulierte es Markus Bischof. Doch scheint Familienpolitik die Quadratur des Kreises: Denn längst nicht alle, die's bräuchten, nutzen die bestehenden Unterstützungs- und Betreuungsangebote. Und: Nicht jeder will sein Kind in Vollzeit "abgeben". Viele, die ihr Kind eigentlich gerne selbst betreuen möchten, können es sich nicht leisten, zuhause zu bleiben und müssen arbeiten. "Da muss man noch nachdenken", räumt die Ministerin auf Nachfrage ein, unter Umständen auch über ein Familiengeld - "ohne, dass es gleich heißt, das ist Die Linke." (Der "politische Mitbewerber" hatte ein "Erziehungsgehalt" von 1000 Euro vorgeschlagen). Bis zur angestrebten "passgenauen Familienpolitik" (Kramp-Karrenbauer), die sich nach der Lebenssituation der Familien richtet, bleibt also noch einiges zu tun. "Pädagogik heißt, Kinder da abzuholen, wo sie stehen."Markus Bischof, Kinderschutzbund Spiesen-Elversberg