1. Saarland
  2. Neunkirchen
  3. Eppelborn

Schmetterlingsexperte Rainer Ulrich stellt in Bestimmungsführer tagaktive Nachtfalter vor

Saarländischer Schmetterlingsexperte : Unterwegs mit lichtverliebten Nachtfaltern

Bunte Schmetterlinge sind Tagfalter, alle anderen also Nachtfalter? Der Wiesbacher Biologe Rainer Ulrich zeigt, dass das zarte Treiben auf den Wiesen komplex ist.

„In sie die große Freiheit reinzuinterpretieren, wäre zu viel“, sagt Rainer Ulrich über seine liebsten Forschungsobjekte. „Es ist ihr Erbgut, das sie handeln lässt“, stellt er klar. „Aber es ist einfach ein beglückendes Gefühl zu beobachten, wie sie sich schwerelos treiben lassen und gaukeln.“ Der Biologe und Autor aus Eppelborn-Wiesbach widmet sich seit seiner Jugend der Beobachtung und Untersuchung von Tag- und Nachtfaltern. Aber da fängt die Problematik an, und zwar doppelt. Zum einen sind Schmetterlinge auf den Wiesen des Saarlandes nicht mehr so zahlreich anzutreffen wie früher – das kann Ulrich für seinen Geburts- und Heimatort anhand seiner eigenen Aufzeichnungen bis in die 70er Jahre zurückverfolgen.

Und zum anderen ist ein Schmetterlingsdasein zwischen seinen hauchdünnen Flügelschlägen komplexer, als dass es in die starren Kategorien von ausschließlich tag- und ausschließlich nachtaktiv passen würde. „Quer durch alle Arten gibt es mehr tagaktive Nachtfalter als Tagfalter“, sagt Ulrich. Nach Auskunft des Experten sind – von rund 1200 in Deutschland bekannten Nachtfalterarten – mehr als 300 Arten auch am Tag unterwegs. Davon fliegen 130 Arten ausschließlich tagsüber, wobei der bekannteste Vertreter wohl das kolibriartig schwirrende Taubenschwänzchen ist. Die etwa 190 Tagfalterarten, die nur im sonnenhellen Luftraum gaukeln, sind tagsüber nach Arten also eindeutig in der Unterzahl.

Aber was treibt Nachtfalter tagsüber aus den Federn? Zunächst ist Nachtfalter kein systematischer Begriff, die so zusammengefassten Familien sind – im Gegensatz zu den Echten Tagfaltern – nicht nach Verwandtschaft gruppiert und weisen nicht immer einen einheitlichen Körperbau auf. In bestimmten Höhen, etwa im Alpenraum, sei es ihnen nachts schlicht zu kalt, so der Schmetterlingsexperte, andernorts sei tagsüber das bevorzugte Nahrungsangebot besser. Klimawandel habe nichts damit zu tun. „Das ist keine Entwicklung, die jetzt eingesetzt hat, es hat sich bis jetzt nur niemand darum gekümmert“, meint Ulrich. Ob rotgeflecktes Esparsetten-Widderchen oder türkisfarbener Steppenheiden-Grünspanner – dabei sind doch viele tagaktive Nachtfalter auch recht bunt und stehen einem Echten Tagfalter, wie etwa dem Tagpfauenauge oder einem Bläuling, nicht in Schönheit nach.

Dass sie nicht erkannt werden, will der Falterforscher ändern. Zwei Jahre Recherche und in der Schlussphase 60 Arbeitsstunden pro Woche hat er in sein jüngstes Buch investiert, den Bestimmungsführer „Tagaktive Nachtfalter“ mit 350 Freilandfotos von ihm und 36 anderen Schmetterlingsfotografen. Das Nachschlagewerk über 339 mitteleuropäische Falterarten schließt eine Lücke und erschien jüngst auch als Übersetzung bei dem französischen Verlag Delachaux et Niestlé.

Ulrich, der bereits zwei weitere Schmetterlingsbücher in der Naturführerreihe des Kosmos Verlag veröffentlicht, auch ein Kinderbuch und die „Saarländische Gartenfibel“ mitverfasst hat, erhob auch Dreiviertel der saarländischen Daten für den Tagfalteratlas Deutschland. Seine jahrzehntelangen Forschungen füllen ihn aus, aber optimistisch machen sie ihn nicht. Der Naturgarten, den er um sein Haus angelegt hat, kann ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die zarten Wunderwerke schlecht bestellt ist: „Mehr als ein Drittel der Tagfalter, die ich als 15-jähriger Bub beobachtet habe, gibt es heute nicht mehr.“ Die wenigen Arten, die durch den Klimawandel hinzukommen, glichen das Sterben nicht aus. „In der Gemeinde Illingen gab es damals  65 verschiedene Tagfalter-Arten, heute sind es noch 40“, betont der Experte.

Wer über Jahrzehnte so nah dran ist an den hauchzarten, scheinbar gewichtslosen Flatterwesen muss dieses Feld ausgiebig ergründet haben. Ulrich verneint. „Ich brauche mir nicht einzubilden, dass ich nach 20 Jahren alles über den Goldenen Scheckenfalter weiß“. Nicht zuletzt servieren die Spanner, Schwärmer, Spinner, Widderchen, Wickler und Weißlinge und die anderen mehr als 120 Familien aus der Überordnung der Neuflügler auch ihm immer wieder Überraschungen. Zuletzt in Mimbach im Bliesgau, wo Ulrich überraschend die Malveneule gesichtet hat. „Das ist der erste Nachweis dieses schönen Eulenfalters im Saarland“, sagt er und leistet, noch immer etwas perplex über die seltene Begegnung, selbst die Probe aufs Exempel: „Den hätte ich vor dem Schreiben meines jüngsten Buches nicht erkannt.“ Wer die mal auffälligen, oft aber unscheinbaren Gaukler sehen will, muss erst um ihre Existenz wissen.

Rang zwei: die Gammaeule (961 Tiere in 118 Transekten). Foto: Rainer Ulrich
Im Bunde der Dritte ist der Heidekraut-Spanner (761 Tiere, 62 Transekte ). Foto: Rainer Ulrich
Auf Platz fünf folgt diese Schönheit: der Klee-Gitterspanner (488 Tiere, 83 Transekte). Foto: Rainer Ulrich
Rang sechs: Taubenschwänzchen (421 Individuen, 98 Transekte).  Foto: Rainer Ulrich
Platz acht: der Hartheu-Spanner (317 Individuen, 59 Transekte).  Foto: Rainer Ulrich
305 Tiere auf 49 Transekten: Der Ockergelbe Blattspanner kam auf Rang neun. Foto: DPA Foto: picture alliance/imageBROKER/dpa Picture-Alliance / Sunbird Images
Jeder zehnte dieser Falter war ein Labkraut-Spanner (300 Individuen, 2 7 Transekte). Foto: Rainer Ulrich
Rainer Ulrich füllt mit seinem Buch eine Lücke. Foto: Rainer Ulrich
Cover des Buches "Tagaktive Nachtfalter" Foto: Rainer Ulrich
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby
Foto: SZ/Lorenz, Robby

Rainer Ulrich: Tagaktive Nachtfalter. 312 Seiten, mit mehr als 600 Fotos, 30 ganzseitigen Bestimmungstafeln und sieben Kurzgeschichten. 32 Euro