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Im Landkreis Neunkirchen sind mehr Saarländer in Wäldern unterwegs

Wertvolle Wälder : Die neue Wertschätzung für die Natur

Die Ausgangsbeschränkungen im Saarland treiben mehr Menschen in die Wälder. Auch Ingo Piechotta, Revierförster der Gemeinden Illingen, Eppelborn und Marpingen, sieht einen Zulauf. Doch auch auf Waldwegen gibt es Regeln.

Es gibt Sachen, die man erst vermisst, wenn sie nicht mehr da sind. Klopapier zum Beispiel. In Zeiten von Corona sind es aber auch immaterielle Dinge, die den Menschen zu fehlen beginnen: Bewegungsfreiheit, körperliche Aktivität oder auch die Möglichkeit zum Rückzug. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute eingeschränkt. Eltern müssen ihren agilen Sprösslingen erklären, warum sie nicht mehr mit den Nachbarskindern spielen dürfen. Selbst geliebte Menschen können anstrengen, wenn man lange Zeit auf engem Raum mit ihnen verbringen muss. Und auch beim standfestesten Stubenhocker reift irgendwann die Erkenntnis, dass die Corona-Krise nicht alleine mit Netflix, Nintendo und Dosenravioli ausgesessen werden kann.

Wenn die Decken in den eigenen vier Wänden niedriger zu werden scheinen, lernen die Menschen aber auch etwas schätzen, was noch immer da ist: die heimischen Wälder. „Wir haben Rückmeldungen aus allen Revieren, dass im Moment mehr los ist als sonst. Ich finde es sehr positiv, dass Menschen diese Chance nutzen“, freut sich Ingrid Schmiedel vom Saarforst Landesbetrieb in Saarbrücken. Auch Ingo Piechotta, Revierförster der Gemeinden Marpingen, Illingen und Eppelborn kann den Zulauf bestätigen. Zwar seien in den ersten Tagen nach dem Erlass der Ausgangsbeschränkungen noch nicht so viele Menschen unterwegs gewesen, aber  „mit den ersten Sonnenstrahlen sind es mehr geworden“. Auch junge Pärchen oder Familien, die man „sonst eher selten“ im Wald sehe, zieht es offenbar in die Natur. „Die üblichen Verdächtigen, die Jogger und die Hundebesitzer sind immer da. Aber bei anderen hab ich mir gedacht: Die haben es zu Hause bestimmt nicht mehr ausgehalten“, sagt Piechotta und muss schmunzeln. Besonders die Naherholungsgebiete seien bei den Besuchern beliebt. „Sonnenscheinstrecken“ etwa an der Hundehütte  in Urexweiler oder am Schwimmbad in Uchtelfangen.

Dass der Wald nun plötzlich von Menschenmaßen überlaufen wird, die ihren Treffpunkt vom Café der Innenstadt auf die Waldwege der Natur verlagert haben, sei aber nicht der Fall. „Wo vorher zehn Leute waren, sind jetzt nicht plötzlich 200. Das Aufkommen ist höher, aber es handelt sich immer noch um Schönwettergrößen“, sagt Piechotta. Wichtig sei, dass „die sich die Leute auch im Wald diszipliniert verhalten“, lobt Schmiedel. Denn die Vorgabe, außerhalb der Familie nur in Kleingruppen von maximal drei Personen unterwegs zu sein, gelte natürlich trotzdem. Auch die Abstandsregelung von zwei Metern habe im Grünen bestand. Und werde eingehalten. „Die Menschen bleiben am Rand stehen und lassen die anderen durch. Oder drehen den Kopf weg. Das ist in der derzeitigen Situation auch nicht unhöflich“, sagt Schmiedel, die selbst regelmäßig mit ihrem Hund im Forst unterwegs ist. Sie findet es gut, dass der Wald dieser Tage vermehrt als Rückzugsort wahrgenommen wird. „Die ersten Triebe entdecken, dem Blattrauschen lauschen, Abstand gewinnen“, nennt Schmiedel einige ihrer liebsten Erfahrungen in der Natur.

„Die Sonne ist positiv für das Gemüt und vertreibt den Winterblues. Und dass frische Luft gesund ist, weiß jeder. Nach einem Spaziergang ist man entspannter“, sagt auch Piechotta. „Außerdem sitzt man sich nicht wie zu Hause direkt auf der Pelle. Und die Kinder können ein bisschen toben. Es stört auch keinen, wenn die mal schreien. Wild wird eher dadurch erschreckt, dass sich jemand leise nähert und erst spät wahrgenommen wird“, erklärt der Revierförster. Eine gesetzliche Vorschrift, sich nur auf den angelegten Wegen aufzuhalten, gebe es zwar nicht, dennoch hofft Piechotta auf Rücksichtnahme. Weil beispielsweise Hasen und Dachse nun ihre Jungtiere bekommen. Wenn ein Knirps mal durch das Unterholz klettert, sei das zwar kein großes Problem, Tabu seien aber etwa freilaufende Hunde, die das Wild aufscheuchen können.  

An seiner Arbeit habe sich für den Revierförster nur wenig geändert. Die Abstandsregelung sei für ihn und seine Kollegen  vorwiegend in den Pausen relevant. Zwar finden die Arbeiten im Wald in Dreiergruppen statt, allerdings wird dann ohnehin ein Abstand von einer doppelten Baumlänge, also rund 60 Metern, eingehalten. Auswirkungen auf die Forstwirtschaft hat das Coronavirus trotzdem. Der Brennholzverkauf, der mit mehreren Personen abgehandelt wird, ist eingestellt. Kundenkontakt erfolgt telefonisch, erklärt Schmiedel.  Und Autofahrten finden nicht mehr zu zweit statt. Auch sei der Absatz von Brennholz geschrumpft, weil Sägewerke Probleme hätten, Leim zu beschaffen, ergänzt Piechotta. „Indirekte Auswirkungen“, nennt er diese Unterbrechung von Lieferketten, die auch zur Folge habe, dass Borkenkäferholz seltener den Weg nach China findet. Wegen Corona kommen nicht genug Container aus Asien zurück, was den Export behindert.

Den wirtschaftlichen Hemmnissen zum Trotz freut man sich beim Saarforst Landesbetrieb vor allem für die neue Wertschätzung der Natur. „Es wäre aber toll, wenn die Menschen auch nach Corona erkennen, wie wertvoll  die Bäume sind“, hofft Schmiedel. Auf dass der Wald nicht einmal zu einem jener unschätzbaren Güter wird, die erst vermisst werden, wenn sie nicht mehr da sind.