| 20:29 Uhr

Lesung zur Nazi-Vergangenheit Deutschlands in Neunkircher Gymnasium
Die zarte Pflanze Demokratie

Eine spannende Lesung boten Thomas Darchinger (links) und Wolfgang Lackerschmid den Schülern in der Aula des Krebsberg-Gymnasiums.
Eine spannende Lesung boten Thomas Darchinger (links) und Wolfgang Lackerschmid den Schülern in der Aula des Krebsberg-Gymnasiums. FOTO: Thomas Seeber
Neunkirchen. Rund 300 Schüler von Krebsberg- und Steinwaldgymasium erleben eine eindrückliche Lesung über das KZ-Leben. Von Michael Beer

Die Demokratie als eine zarte Pflanze, die gehegt und gepflegt sein will: Einen Beitrag zu ihrem Schutz wollen der Schauspieler und Synchronsprecher Thomas Darchinger und der Vibraphonist Wolfgang Lackerschmid geben.



Es sind rund 300 Schüler, die in der Aula des Neunkircher Krebsberggymnasiums sitzen. Bis auf die erste Reihe gibt es kaum einen freien Platz. Nur einmal wird es laut, als sie vor der Veranstaltung dazu aufgefordert werden, ihre Handys nicht nur lautlos, sondern ganz auszuschalten. Aber das Gemurmel und Kramen in den Jackentaschen verebbt schnell, als Darchinger und Lackerschmid die Bühne betreten. Es geht um Demokratie und ihr Gegenteil, die Nazi-Diktatur, an diesem Montagvormittag. Darchinger liest aus den Erinnerungen Solly Ganors, Lackerschmid begleitet den Text immer wieder mit schwebenden, eindrücklichen Klängen auf seinem Instrument. Solly Ganor, ein Jude aus Litauen, hat die Gräuel der Konzentrationslager während der Nazi-Jahre überlebt. Seine Erinnerungen hat er in dem autobiographischen Buch „Das andere Leben“ niedergeschrieben. In der Krebsberg-Aula hören Schüler zwischen 15 und 18 Jahren der beiden Neunkircher Gymnasien die Lesung.

Darchinger hat schon in der Einführung die volle Aufmerksamkeit seines Auditoriums. Man müsse immer in Erinnerung behalten, wie wertvoll und zugleich verletzlich Demokratie sei, die „Grundlage für unser freies Leben“. Freies Leben entbinde zwar nicht vom Büffeln in der Schule und anderen unliebsamen Dingen, wendet sich der Schauspieler an die jungen Leute, aber es schaffe den Rahmen, so planen zu können, so denken und reden zu können,wir jeder einzelne das wolle. Im Zeitalter der Twitter-Nachrichten sei es nicht einfach, richtige von falschen Nachrichten zu trennen. Und auch zu einem kritischen Umgang mit den klassischen Medien fordert er auf. In einer Video-Einspielung ist auch Solly Ganor zu sehen und hören, der von den schrecklichen Stationen seiner Jugendjahre (als er 13 Jahre alt ist, fallen die deutschen Truppen im Sommer 1941 in seine Heimatstadt Kaunas ein) in aller Kürze berichtet. Nachdem noch eine Klasse mit leichter Verspätung in die Aula geschlüpft ist, beginnt die Lesung. Darchingers Stimme ist rau und eindringlich. Der Text erschütternd. Sätze aus den Tagen der Deportation wie „wir waren in Deuschland und es sah aus wie im Paradies“ oder „es war ein wunderschöner Tag“ bringen einen scharfen Kontrast zum menschenverachtenden Umgang der Nazis mit den Häftlingen im Konzentrationslager.

Als Demokratie-Kampagne ist die Reihe mit Darchinger und Lackerschmid, die damit deutschlandweit schon über 100 Schulen besucht haben und jetzt von der Landeszentrale für politische Bildung eingeladen wurden, überschrieben. Aber ist Demokratie ein Thema für junge Menschen im Schulbetrieb? Johanna und Sophie, beide 17 Jahre, glauben das schon. „Im Politikunterricht haben wir das Thema Sozialstaat. Und wir haben uns zur Wahl das Kandidatenduell angeschaut“, sagt Johanna. Die Parteien hätten sie in diesem Zusammenhang „unter die Lupe genommen“. AfD? Es sei ein Wunder, dass es so was heute noch gebe. Dennoch unterstreicht die junge Frau Darchingers Appell, die Demokratie in ihrer permanenten Gefährdung zu schützen. Bei Hitler habe auch jeder die Möglichkeit gehabt, dessen Gedanken zu kennen. Sein Buch „Mein Kampf“ sei deutlich. Dennoch wurde er gewählt. Ihre Mitschülerin Sophie hält es für wichtig, über all diese Dinge zu reden. Die Wahl in Österreich habe gerade erst gezeigt, wie viel Zulauf Rechtspopulisten haben. Darchingers Lesung imponiert ihr: „Das ist sehr emotional.“

Tatsächlich, Darchinger lässt auf der Bühne den NS-Aufseher brüllen, gibt Solly Ganors Eindrücke mit weicher, manchmal zögerlicher Stimme wieder. Gibt absurde Situationen wieder, die die ganze Grausamkeit jener Zeit deutlich machen. Etwa, wenn der Junge in den Schweinepferch springt, weil er dort unweit der Sau eine gekochte Kartoffel entdeckt. Er fürchtet, die Aufseher könnten ihn entdecken und fragt sich: „Würden sie das arme Schwein vor dem Juden beschützen?“ Musik, Stimme, Text – eine starke Symbiose hält die Schüler in der Aula beim Thema. Anastasia, 17, findet die Geschichte sehr interessant. Die Historie wiederhole sich, sagt sie auf die Frage, ob es heute in Deutschland erneut eine Diktatur geben könne. „Das macht mir Angst.“