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Grubenwasser
Die verbogenen Masten und Königs Fragen

Seit einiger Zeit sind mehrere Strommasten an der L 262 zwischen Bildstock und Reden mit Stahlseilen stabilisiert. Sie stehen auf einem Damm eines alten Absinkweihers.
Seit einiger Zeit sind mehrere Strommasten an der L 262 zwischen Bildstock und Reden mit Stahlseilen stabilisiert. Sie stehen auf einem Damm eines alten Absinkweihers. FOTO: Heike Jungmann
Kreis Neunkirchen. Illingens Bürgermeister vermutet, dass das Wasser in den Gruben bereits gestiegen sei. Die RAG dementiert dies. Von Michael Kipp und Marc Prams

Armin König hat Fragen. Als Bürgermeister der Gemeinde Illingen – und auch als Initiator der „Volksinitiative Wasser ist Leben – Saarheimat schützen - Grubenflutung stoppen“. Seine Leitfrage vergangene Woche lautete: „Wird heimlich geflutet?“ Flankiert hat der CDU-Mann diese mit weiteren Vermutungen. Verpackt in Fragen. Beispielsweise: „Gehen Strommasten zwischen Landsweiler und Bildstock in die Knie, weil es im Bereich der Wasserprovinz Reden massive Veränderungen der Erdoberfläche und des Untergrunds gegeben hat?“ „Können Ereignisse wie diese damit zusammenhängen, dass die RAG in Reden Pumpen ausgebaut oder ausgetauscht hat und damit das Grubenwasserniveau unplanmäßig ansteigen ließ?“


Die von König angesprochene RAG ist Bergwerksbetreiberin, hat ihren Sitz im Ruhrgebiet und verwaltet „den Rückzug“ der Gruben im Saarland. Ob König seine Fragen auch an sie geschickt hat? Fest steht: Er hat sie vergangenen Mittwoch per Mail in Redaktionen gesendet. Weitere König-Fragen aus der Mail: „Hat es in Illingen, Merchweiler und Schiffweiler im Februar 2018 schwerwiegende Erdbewegungen (Grubenschäden, Tektonik, Hebungen, Schieflagen, Risse in Häusern und Gewerbeimmobilien) gegeben, weil es zu einer nicht planmäßigen Grubenflutung im Bereich der Wasserprovinz Reden […] gekommen ist?“ „Oder sind dies alles Zufälle? Reißen Wände durch Geisterhand auf?“

Verlässliche Antworten sind schwierig. Zumindest gibt es keine, die jeder glauben will. Denn: Der Antwortgeber genießt kaum Vertrauen im Saarland: die RAG. Die Erderschütterungen 2008 in der Primsmulde, Bergschäden, Streit bei deren Regulierung. Die Saarländer beäugen die RAG-Pläne, das Grubenwasser ansteigen zu lassen, sehr kritisch (wir berichteten mehrfach). Gifte im Grubenwasser, befürchtete Bergschäden. König führt die Proteste im Ostsaarland an. Auch mit seinen Fragen, die er der Öffentlichkeit stellt - und die die RAG auf unser Bitten hin versucht zu beantworten. So schreibt uns Pressesprecher Christof Beike aus Essen auf die Frage, ob vermehrt Schadensmeldungen aus Illingen, Schiffweiler und Merchweiler bekannt sind. „Im gesamten Saarrevier sind in 2017 noch etwas mehr als 2000 Schadensmeldungen eingegangen, die aus Bewegungen aus dem früheren Abbau herrühren. Das ist normal. Im Ruhrgebiet sind es 20 000 pro Jahr.“ Mit anderen Worten: Die RAG hat jedes Jahr so viele Schadensmeldungen, dass drei, vier weitere aus dem genannten Gebiet nicht ins Gewicht fallen. Auffällig ist: Auch bei der SZ sind Schadensmeldungen von Lesern eingegangen. Eine Halle im Landsweiler Industriegebiet „Nusskopf“ hat es offenbar erwischt und ein Haus in Illingen. Prüfungen, ob es wirklich Bergeschäden sind, stehen noch aus. In Merchweiler liegen der Gemeinde keine neuen Schadensmeldungen vor. „Da sich an dem Wasserhaltungsniveau nichts geändert hat, kann dadurch auch keine Hebung und auch kein Schaden ausgelöst werden“, sagt Beike. „Dies zeigen auch unsere Messungen. Es gibt keine signifikanten Hebungen im Raum Illingen, Merchweiler und Schiffweiler.“ Diese Messungen zweifelt König an, verlangt ein satellitengestütztes Messsystem. Beike dazu: „Ein solches Bodenbewegungskataster ist seitens der Landesregierung geplant. Daneben hat die RAG eigene Überwachungsnetze.“

Bliebe noch die Frage nach den nun abgesicherten Strommasten auf der Landstraße zwischen Bildstock und Landsweiler (L162/wir berichteten). Da hat sich das Gestänge verborgen. „Die Masten befinden sich am Fuß des Dammes des ehemaligen Absinkweihers Brönnchesthal“, erklärt Beike. Und: Der Damm stünde noch unter Bergaufsicht. „Wir beabsichtigen dort, ein Untersuchungsprogramm durchzuführen, um mittels Bohrungen und Schürfen festzustellen, ob der Damm standsicher ist und ob in diesem Bereich Beeinträchtigungen durch tagesnahen Abbau bestehen.“   Die RAG weiß also nicht, ob die Masten auf Grund von Bergschäden verbiegen. Als weitere Ursachen kommen in Frage: Ein zu weicher Damm, der sich bewegt - oder einfach nur schlechte Fundamente. Auch die Firma Creos, die die Stromtrassen betreut, teilt der SZ mit, dass die Ursachen für das Problem mit den Masten noch nicht feststünden.

Und wie sieht es mit dem vermeintlichen und heimlichen Anstieg des Grubenwassers aus, den König als Ursache für die Bergschäden vermutet. Beike sagt dazu: „Seit der Zeit der Abbaueinstellung des Bergwerks Göttelborn/Reden (2000) ist der Grubenwasserspiegel konstant.“ Die RAG streitet also ab, das Wasser bereits steigen zu lassen. Sie streitet auch ab, dass ein Anstieg des Wassers und die Hebungen mit einem eventuellen Pumpentausch zusammenhängen könnten: „Wäre das so, würden die Wasserhaltungen, in denen heute noch Menschen arbeiten, unter Wasser stehen. Auch ein Wechsel von Pumpen kann nicht zu einem Wasseranstieg führen“, beantwortet Beike die sicher nicht letzte Frage von Bürgermeister Armin König.