Zurückgezogene Tradition : Die Mühlen an der Saar

Die Mühlen an der Saar sind vielen Saarländern gänzlich unbekannt. Denn die meisten, die heute noch existieren, stehen an der Oberen Saar in Frankreich. Zwischen Abreschviller und Großbliederstroff reihen sie sich auf.

Mal uralt und verfallen, mal schick saniert als Hipsterheim, mal als Restaurant, mal als originäre Mühle, die noch in Betrieb ist. Auffällig: Lediglich an der Oberen Saar stehen die Mühlen direkt am Fluss. Ab Großbliederstroff nicht mehr. Ab dort sind die Nebenflüsse die Energielieferanten der Mühlen. Wie der Seffersbach in Merzig. Oder die Leuk in Saarburg. Das ist nur teilweise mit dem mangelnden Gefälle der Saar zu erklären. Hauptgrund für den Mühlenschwund ist wohl die Schifffahrt auf der mittleren und unteren Saar. Da es dort damals viele Untiefen, Stromschnellen und Felsen gab, wären Mühlen ein unnötig weiteres Hindernis gewesen. Zumal es ja knapp 100 Nebenflüsse gibt, an denen sich Mühlen ansiedeln konnten.

Erstmals offiziell erwähnt sind Saar-Mühlen im Jahr 999 – in einer Schenkungsurkunde von Otto III. Darin vermacht er dem Bischof von Metz Getreidemühlen an der oberen Saar. Seit dem Jahr 1213 ist die Mühle von Gosselming belegt. Seit 1244 die Welferdinger Mühle. Walk- und Lohmühlen sind seit dem 15. Jahrhundert belegt. Tuchmacher und Weißgerber brauchen Walkmühlen, Rotgerber Lohmühlen. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte jedes Dorf mindestens eine Getreide- und Ölmühle. Sägemühlen kommen insbesondere im 16. Jahrhundert dazu. Vor allem in den Tälern der Roten und Weißen Saar, in deren Wäldern genug Holz steht und das Gefälle des Flusses für die Flößerei groß genug ist. Ab Abreschviller und Hermelange flößen sie meist Eichenholz auf der Saar. Bis zu 65 Meter sind diese Flöße lang. Über Mosel und Rhein treibt das sogenannte „Holländerholz“ bis nach Rotterdam. Die Niederländer bauen Schiffe und Grachten aus den Eichen.

Startet damals ein Floß bei Abreschviller, muss es an mehr als 40 Mühlen vorbei, bevor es in Großbliederstroff ist. Die Müller müssen bei jedem Flößzug die Räder anhalten. Manche Flöße krachen in die Mühlenanlagen, zerstören Wehre. Streit. Stress. Ein Kompromiss muss her. Und der heißt: Flößergasse. Jede Mühle muss eine solche anlegen. Dort können Flöße passieren. Je mehr Mühlen es an der Oberen Saar gibt, desto mehr Wehre haben Müller gebaut, desto mehr Wasser ist gestaut. Die ersten Umbaumaßnahmen der Saar sozusagen. Die stinken den Müllern talabwärts. Vor allem im Sommer, wenn die Saar Niedrigwasser hat und selbst die Wehre nicht mehr genug Wasser für einen sauberen Mühlenbetrieb stauen. Wenn noch im Winter Hochwasser und Eisschollen den Müllern und Mühlen zusetzen, sind sie in ihrer Existenz bedroht. Bereits Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es daher Verordnungen. Mühlenordnung folgt auf Mühlenordnung. Rechtsstreite über die Höhe der Stauwehre und Stauhöhen. Über Wasserrechte. Immer wieder stehen Mühlen still, weil kein Wasser da ist. Auch Getreidemühlen, die 1766 zum Beispiel in Lothringen bei Wassermangel „wasservorberechtigt“ sind vor den Gewerbemühlen. Sie müssen das Wasser durchlassen, damit Mehl für Brot da ist.

In Saarbrücken dürfen die Weißgerber bei Niedrigwasser den Rotgerbern das Wasser abgraben. 1756 beschweren sich die Weißgerber beim Saarbrücker Fürsten darüber, dass die Rotgerber ihnen das Wasser abdrehen. Trotz Gesetz. Ihre Häute für die Lederherstellung würden vertrocknen. Sie können sie nicht walken. Den Papiermüllern setzt vor allem die Umweltverschmutzung zu. Auch wenn es das Wort damals noch nicht gibt. Sägespäne aus Sägemühlen verschlammen das Wasser. Die Erzwäsche-Abwasser der Hammerwerke sind schmutzig.

Walkmühlen nutzen Bäder aus Urin und Natronlauge, um Tuche zu bearbeiten, Gerber legen Häute in Alaunlösungen ein, Gerbsäure, Salze. 1860 verklagt die Dillinger Papiermühle die daneben liegende Dillinger Hütte. Die Hütte würde fast das ganze Wasser der Prims verbrauchen und ihr Abwasser wäre so verschmutzt, dass es für die Papierproduktion unbrauchbar geworden sei. Doch die Papiermühle hat keine Chance. Preußen entscheidet zugunsten der Industrie. Die Hütte ist mächtiger und ertragreicher als das alteingesessene Mühlengewerbe, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 400 Betriebe im Saarland hat. Die meisten sind dem Niedergang geweiht. Die Dampfmaschine macht Anfang des 19. Jahrhunderts die Industrie unabhängig von der Wasserkraft, lässt Großmühlen auch abseits des Wassers wachsen und die Mehlpreise fallen. Viele kleine und mittelgroße Mühlen geben auf. Die Tradition zieht sich nach und nach zurück. Deren pittoresk schönen Zeugnisse heute die Obere Saar schmücken.