Die Halden des Saarlandes: Die Gipfel der Berge

Die Halden des Saarlandes : Die Gipfel der Berge

Für viele Menschen sind sie nur Abraum, unschöne Relikte des Bergbaus: die Bergehalden des Saarlandes. Dabei sind sie „von oben herab“ ein echter Hingucker. Exotisch wie Reiseziele in südlichen Ländern wirken sie auf den Bildern.

Der Mann mit der Drohne ist außer Atem. In Berlin ist er gebürtig, lebt seit 14 Jahren im Saarland, liebt die Fotografie - und quält sich gerne saarländische Berge hoch, sagt er. Diesmal auf die Halde Grühlingsstraße. Seine Drohne mit verbauter Kamera in einem Rucksack. In seinem Rücken die Ruine des Ludwigsparkstadions in Saarbrücken. Zu seinen Füßen ein Bergrücken, dessen 300 Millionen Jahre altes Gestein wie ein Elefantenrücken grau, gewellt in der Landschaft ruht.

Die Müllhaufen des Landes

Dabei ist die Bergehalde an der Autobahn kein „Berg“ im Wortsinne. „Berge“ nennt der Kumpel das Gestein, das über bleibt, wenn er die Kohle abgewaschen hat. Diesen Steinmüll schütten die Bergleute ab 1957 in unfassbaren Massen auf die Grühlingshöhe. Semantisch ist die „Bergehalde“ also ein „Abfallhaufen“. Im speziellen Fall ein etwa 60 Meter hoher - mit grandiosem Ausblick auf den Saarkohlenwald. Das größte zusammenhängende Waldgebiet des Saarlandes. Doch Halden sind mehr: Sie sind Mahnmale, Denkmale, Symbole, Naherholungsgebiete - oder eine Sommeralm. „Gar nicht bescheiden - für einen Müllhaufen“, sagt der Drohnenfotograf und fragt: „Wie konnten Halden all das werden?“

Sexy Saarkohle

Fangen wie mir den Kelten an. Sie finden vor mehr als 2500 Jahren die Saarkohle sexy. Wie die Römer fertigen sie aus ihr Schmuck. Das belegen archäologische Funde. Erstmals schriftlich taucht der Saarbergbau im Jahr 1429 auf. Richtig los geht es erst um 1751, als Fürst Nassau von Saarbrücken beschließt, dass nun alle Gruben ihm gehören. Seither sind sie in Staatsbesitz. Seither ist die Saarkohle Handelsware. Halden sind zur Fürstenzeit noch Mangelware. Zu dieser Zeit fördern die Saar-Bergmänner nicht viel „Berge“. Sie schürfen fast zu 100 Prozent Steinkohle. Miest an der Oberfläche oder aus flachen Stollen. Warum per Hand Berge rauschleppen? Das leuchtet dem Berliner ein.

Mit jeder Industrialisierungswelle steigt der Anteil des „Mülls“. Den kippen die Bergleute zu Beginn irgendwo hin. Neben die Grube. Den Hang runter. Auf Haufen. Für das geübte Auge noch ganz gut zu erkennen im „Urwald vor den Toren der Stadt“ Saarbrücken. Als mehr „Berge“ anfallen, wachsen „Fingerhalden“ wie die „Schnappach“ im Sulzbachtal oder im Frommersbachtal in Püttlingen. Auch hier vom Stil her eher in die Breite als in die Höhe.

14 Millionen Tonnen Saarkohle pro Jahr

1913 ist die Industrialisierung unter Tage angekommen. 56903 Bergleute fördern 14 Millionen Tonnen Saar-Kohle pro Jahr. Der Bergeanteil steigt dabei stets. Auf zuletzt 60 Prozent. Da reicht die Fläche der Fingerhalden nicht mehr aus. Nun bauen sie in die Höhe. Die so genannten Spitzkegel- oder Kegelsturzhalden entstehen. Wie die Grühlingshöhe. Oder Die Viktoria in Püttlingen. Lockere Aufschüttungen. Doch es gibt Probleme. Eines davon: Es kommt zu viel Sauerstoff in die Aufschüttung. Gemeinsam mit dem Druck und der Restkohle entzünden sich solche Kegelhalden im Innern oft selbst. Kleine Vulkane. Wer sie besteigt, läuft Gefahr einzubrechen. Immer wieder verbrennen sich Menschen an oder in den Glutnestern. Wenig gesund und auch wenig umweltgerecht ist das.

Kleine Vulkane

Auch das, was zeitgleich an den Füßen der Vulkane geschieht. Die Stahl- und Kohleindustrie fräst sich tief und massiv in die Landschaft zwischen Saarbrücken, Dillingen und Neunkirchen. Nichts ist mehr, wie es jahrhundertelang war. Keine Auen- und unendliche Waldlandschaften mehr. Fördertürme, Wasserspeicher, Gasometer, Hochöfen, Straßen, Autobahnen und Schienen revolutionieren das Terrain. Rauch, Ruß, Schwefel und Feinstaub vom Feinsten verseuchen die Luft der Stahlstädte. Begradigte Bäche, neue Absinkweiher, die Saar in einem neuen Bett, die Stadtautobahn. Stahlkocher, Bergleute, Eisenbahner. Tausende Eigenheime poppen in der Landschaft auf. Suburban bauen die vielen neuen Saarländer. In den Dörfern. Rund um die Städte. Die Landschaft verändert sich gravierend, die Wälder machen sich klein. Und die Halden machen es sich als Landmarken in der Landschaft gemütlich.

Und wachsen wieder: Ab den 70er Jahren geht der Trend von den Spitzkegel- hin zu den Tafelberghalden - wie die Lydia nun eine ist. Zunächst besteht sie aus zwei Kegelhalden. Zwischen 1979 und 1982 überschütten sie die beiden Kegel, der Tafelberg entsteht. Eine Kegelspitze spitzt noch heute auf der Nordseite aus dem Plateau in die Landschaft. Solche Halden haben etwa doppelte Baumhöhe. Die Lydia ist meist 60 Meter hoch, der höchste Punkt auf der Kegelspitze liegt inzwischen bei 120 Metern. Großes Volumen, weniger Sauerstoff, weniger Brände. So ist es dem deutschen Gesetzgeber recht, der Ende der 80er Jahre beschließt: Halden sind Landschaftsbauwerke. Von nun an müssen sie allen strukturellen, ökologischen, landschaftsgestalterischen und sicherheitstechnischen Anforderungen standhalten. Was zur Folge hat, dass die Tafelberge nochmals wachsen, massiver und höher werden. Bis zu 120 Meter.

Die Gruben schließen

Auch als es bergab geht. Die Kohlekrise in den 60er schließt bereits zwölf der 18 Gruben. Drei weitere machen zwischen 1990 und 2000 dicht. 2008 fördert in Ensdorf nur noch eine aktive saarländische Grube. 4000 Bergleute heben noch 3,7 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr aus dem Nordschacht. 2008 das schwere Grubenbeben. Daran erinnert sich auch der Berliner, da war er schon im Saarland. 2012 das endgültige Aus. Für die Gruben. Nicht für die Halden.

Sie wandeln sich weiter. Zuständig für sie ist derzeit die Besitzerin „RAG“. Sie muss als Halterin der Halden diese gemäß Bundes-Berggesetz rekultivieren. Bis in die 1990er versuchte der damalige „Besitzer“ Saarbergwerke, die Halden mit Bäumen zu begrünen, sie so unauffällig in die Landschaft zu integrieren.

Minimalistischer Zeitgeist

Inzwischen ist der Zeitgeist auch beim Thema Halden eher minimalistisch. So hat die „RAG“ zwischen 2013 und 2015 die Halde Göttelborn nebst Absinkweiher rekultiviert. Dazu bewegte sie etwa eine halbe Million Kubikmeter Berge von A nach B. Ein neuer Damm am Weiher ist gebaut. Und die Halde? Die Südseite schimmert nun schwarz, ist verdichtet. Wege ziehen sich wie schwarze Bänder die Hänge hinauf. Kein Grün. Nicht aufgeforstet. Klare Kanten zum grünen Wald. Die Halde ist als solche wahrzunehmen. Gut entwässert. Insgesamt sechs Millionen Euro ließ sich die RAG die Verwandlung in Göttelborn kosten. Die bisher teuerste Investition der RAG in eine Haldenlandschaft. So entstanden nach und nach die kahlen Erhebungen, diese künstlichen Landschaftsbausteine. Die Lydia, die Halde in Landsweiler-Reden oder die Ensdorfer Duhamel - mit dem Polygon als Gipfel der Industriekultur.

Inzwischen hat die RAG viele Halden frei gegeben. Einige noch nicht. Wie die Halde Camphausen oder die Halde in Brefeld. Die großen sind inzwischen für den Tourismus freigegeben. Für Freizeitsportler. Für Menschen, die die Aussicht bis zu den Vogesen oder zum Hunsrück genießen wollen. So einer ist der Ex-Berliner. Mit seiner Drohne im Rucksack ist er fast auf jede Halde gestiegen. Nicht nur, um von ihr runterzuschauen, sondern um sie von oben zu fotografieren. Den Halden hat das gefallen. Sie zeigen mitunter ihr schönstes Gesicht. Mal minimalistisch, schön grafisch, mal sehen sie aus wie ein Tropenstrand, mal wie ein Elefantenrücken. Ein von Menschenhand erschaffenes Landschaftsbild, diese „Berge“ im Saarland.