| 20:35 Uhr

Angst vor Maradona?
Die Angst vor dem kleinen, dicken Mann

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Deutschland gegen Argentinien am 29. Juni 1986: Ich bin elf Jahre alt. Fußballer müssen keine Schienbeinschoner tragen, Rückpässe zum Torhüter sind erlaubt. Es gibt noch kein Facebook, kein Handy, keine EC-Karte, Privatfernsehen nur mit Grieß im Bild. Von Michael Kipp

Damals habe ich ab und an Angst vor dem TV-Bild. Nicht vor dem RTL-Grieß, sondern vor Diego Maradona – wenn er sich mal ins Bild dribbelt. Der kleine, dicke  Mann ist damals für mich übergroß — eine Fußballerscheinung. Wenn Diego den Ball hat, habe ich die 80er-Jahre-Polyester-Sport-Hose voll. Weil er Pässe spielt, die einfach aussehen, dennoch genial sind. Pässe, bei denen sich die damalige deutsche Fußball-Generation nahezu ausnahmslos die Zehen und Fußgelenke gebrochen hätte. Und so kommt es im Azteken-Stadion in Mexiko, wie es kommen muss: Argentinien führt 2:0, ehe Rummenigge und Völler in der Schlussviertelstunde ausgleichen. Doch in Minute 84 nimmt Diego sich den Ball, passt easy mit dem linken Fuß in den Lauf von Jorge Burruchaga, der das Kunst-Leder zum WM-Titel an Schumacher vorbei ins Netz schiebt. Ich weine bitterlich vorm TV. Diego jubelt provozierend. Vier Jahre später bin ich abgebrühter: wieder WM. Finale. 8. Juli 1990 in Rom. Wieder Maradona. Wieder ist er geil drauf. Doch ich weiß: wir auch. Maradona gewinnt keinen Zweikampf gegen Buchwald und wir das Finale mit 1:0. Buchwald nennen sie danach Diego, Maradona weint – und tat mir leid. Ich ging direkt nach dem Spiel schlafen. Warum auch immer.


Und heute? Maradona spielt nicht mit. Gut so. Er übernimmt kommende Saison als Präsident den weißrussischen Club Dinamo Brest. Davor braucht nun wirklich niemand Angst zu haben.