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Das Ehepaar Lyn Riccardo und Helmut Frank stellt Keramikarbeiten in der Galerie des Künstlerkreises aus

Ausstellung Künstlerkreis Neunkirchen : Zarte Poesie zur besten Tea-Time

Das Ehepaar Lyn Riccardo und Helmut Frank stellt ab heute Keramikarbeiten unter dem Motto: „Nicht gerade normal“ in der Galerie des Künstlerkreises vor.

Nein, hier stand der Zufall garantiert nicht Pate. Im Gegenteil: Dass Lyn Riccardo und Helmut Frank just in jener Zeit ihre Vasen und Schalen in der Galerie des Künstlerkreises zeigen, in der parallel in der Städtischen Galerie „Brennpunkt Keramik“ Teil II der Sammlerin Hannelore Seiffert läuft, ist gewollt. Hofft Vorsitzende Annelie Scherschel-Freudenberger doch auf einen gewissen Mitnahmeeffekt. Wer als Kunstliebhaber im Allgemeinen und als Keramikfreund im Besonderen eigens nach Neunkirchen ins Kult pilgert, macht von diesem zweiten Angebot bestimmt gern Gebrauch. Zumal es nur wenige Schritte bis zum Oberen Markt sind. Dort, in der ehemaligen Metzgerei Merscher, besteht die Möglichkeit, zusätzlich drei, vier weitere höchst reizvolle Facetten zeitgenössischer Unikatkeramik zu entdecken.

Überschrieben ist die bis zum 10. Oktober währende Ausstellung mit „Nicht gerade normal“ – was man durchaus als eine Art Prädikat, ein Gütesiegel, ein Versprechen deuten kann. Tatsächlich handelt es sich bei den Arbeiten des gebürtigen Mettlachers Helmut Frank um alles andere als Stangenware. Fast papierartig dünn und ungemein filigran zeichnen sich seine großen, schneeweißen Schalen durch eine hohe Transparenz aus. Frank kitzelt aus dem Porzellan raus, was nur irgend geht – weil er es kann.

Nach seiner Lehre als Kerammodelleur bei Villeroy & Boch war er in der Firma über 40 Jahre als formaler Designer in der Produktentwicklung und als Ausbilder tätig. Unter anderem entwickelte er 2003 die patentierte New-Wave-Tasse von V & B. Als es darum ging, sein Lebensthema Porzellan künstlerisch zu interpretieren – öffentlich in Erscheinung trat er damit erstmals 2014 bei „Spielraum 122. Kunst trifft Industrie“ in Triptis – stand für ihn die Frage: „Was soll ich machen, was reizt mich?“ Die Antwort war letztlich ganz einfach: Sich dorthin vortasten, wo es bisher eng wurde.

„Wenn Porzellan ganz dünn verarbeitet wird und großflächig, ist das sehr problematisch.“ Zudem hat Frank immer schon das Thema Relief fasziniert: Voila, beeindruckende Ergebnisse dieses Auslotens sind nun in der Wursttheke zu bewundern. Erreicht wird die enorme Fragilität (man sollte die Objekte besser nicht „zu fest ankucken“, witzelte Frank) durch das Erhitzen der in Form gegossenen Porzellanmasse fast bis zum Schmelzpunkt. Dabei kollabiert das Objekt im Ofen und verzieht sich spontan. Soll heißen: Wie sich das Material verhält, ist nicht vorhersehbar und damit ein Stück weit chaotisch-magisch.

Auch Lyn Riccardo hat sich der Tonkeramik gewidmet. Geboren in Plainfiel, New Jersey, studierte sie in New York und Louisana, woraus 1979 zunächst ein Bachelorabschluss in Keramik (BFA) und 1985 dann das Meisterdiplom hervorgingen. Sechs Jahre wirkte die Design- und Keramikkünstlerin in ihrem Atelier in Brooklyn, seit 1992 betreibt sie eine eigene Werkstatt in Mettlach-Weiden. Zu sehen waren die Bedarfs- und nicht Bedarfs-Keramiken Lyn Riccardos bisher nicht nur daheim in den Staaten und Europa, sondern auch in Neuseeland und Japan.

Für V & B designte Lyn Riccardo 1998 eine Neuinterpretation der Dose „La Boule“ namens „Spiral Puzzle“ – eine der eher seltenen Ausflüge in die Welt des Funktionalen. Sind die Vasen und Schalen der Wahlsaarländerin doch „oft mehr Objekt als Gebrauchsgegenstand“, so Annelie Scherschel-Freudenberger. Form und Farbe spielen eine große Rolle. Für die Vasen in der Ausstellung dienten japanische Samurai-Kostüme und Rüstungen als Vorbild“, eine ziemlich „ungewöhnliche Inspirationsquelle“, findet die Gastgeberin. Und dann wären da noch ihre „Tea Partys“: Konstruktionen aus miteinander verbundenen Trinkgefäßen, die an Kerzenleuchter erinnern. Für sie benutzt Lyn Riccardo stets die gleichen Tassen, Variationen erfolgen bei den Glasuren oder auch durch die Gestaltung mit Zwiebelmustern („Fine Ladies Tea Party“). „Alles war ordentlich“, kommentiert die Künstlerin ironisch die jüngsten Ereignisse und deren Einfluss auf ihre Arbeit. „Dann kam Corona.“ Was sich auch in der Namensgebung widerspiegelt: „Tea Party out of control“.

Kontrolle lautet auch das Stichwort für den Ausstellungsbetrieb. Aktuellen Hygienevorschriften Rechnung tragend, dürfen sich derzeit nur vier Besucher gleichzeitig in der Galerie des Künstlerkreises aufhalten. Alle Objekte können käuflich erworben werden – zu vergleichsweise moderaten Preisen. Geöffnet ist immer samstags von 12 bis 16 Uhr sowie sonntags von 14 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt. Zu den ersten begeisterten Gästen zählte übrigens niemand geringeres als Hannelore Seiffert.