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Jahresbilanz
Besonderer Gast sucht besondere Familie

Thomas Heib, Leiter des Neunkircher Beratungs- und Behandlungszentrums der Caritas.
Thomas Heib, Leiter des Neunkircher Beratungs- und Behandlungszentrums der Caritas. FOTO: Willi Hiegel
Neunkirchen. Beim Beratungs- und Behandlungszentrum der Caritas hat sich ein ungewöhnliches Projekt erfolgreich etabliert. Von Marc Prams

Ein Zahlenwerk, das die Bilanz einer einjährigen Arbeit darstellen soll, kann durchaus falsch interpretiert werden. Darauf wies Thomas Heib, Leiter des Beratungs- und Behandlungszentrums der Caritas in Neunkirchen, eingangs des Pressegesprächs zum Jahresbericht für 2017 hin. Ein Beispiel: 19 drogenabhängige junge Menschen wurden nach ihrer Haftentlassung von einer der Beratungsstellen, Die Brigg (für Jugendliche und junge Erwachsene) und der psychosoziale Dienst (für Erwachsene mit Suchtproblemen), betreut. „19 klingt zunächst  eher wenig“, erklärte Heib, „man muss aber bedenken, dass die Kollegin diese jungen Menschen schon ein halbes Jahr vor ihrer Entlassung besucht und danach mit ihnen in engem Kontakt steht.“ So kommt es dann auch zu 463 Beratungskontakten, beziehungsweise Behandlungssitzungen dieser 19 jungen Leute.


Schwerpunkt-Thema bei der Vorstellung des Jahresberichts 2017 war „Begleitetes Wohnen für psychisch kranke Menschen in Gastfamilien“. Ein Projekt, das vor 20 Jahren mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, Menschen mit psychischer Erkrankung nicht etwa in Altenheimen unter zu bringen, wo sie eher „fremdplatziert“ sind, oder spezielle Einrichtungen für sie zu schaffen,  sondern in Familien zu integrieren. „Wenn das gelingt, kann das im besten Falle weniger Bedarf an medizinischer Betreuung mit sich bringen und zu geringerer Medikation führen“, erklärte Caritas-Direktor Michael Schütz. Er dankte den „ganz normalen Familien, die mit sehr viel Engagement dabei sind“.

Wie man sich die Integration psychisch kranker Menschen in Gastfamilien vorstellen muss, schilderten die Caritas-Mitarbeiterinnen Birgit Dabrowski und Ines Peipe. Es seien nicht selten Familien, die bereits Erfahrung mit psychischen Erkrankungen gemacht hätten, die sich dazu entschließen würden, als „Gastfamilien“ aufzutreten. Würde die Chemie zwischen Gast und Familie nach einem ersten Treffen passen, käme es zum einwöchigen „Probewohnen“. Wichtig sei natürlich, dass der Gast zumindest ein eigenes Zimmer habe. Danach könnten beide Seiten entscheiden, ob ein Zusammenleben infrage komme. „Wichtig ist dabei die Toleranz der Familie. Die Gäste sind wegen ihrer Erkrankung oder der Medikation oft antriebslos. Die Familien müssen sie in vielerlei Hinsicht motivieren und können dem Alltag ihrer Gäste durch Integration in die Familie eine Struktur verleihen“, erklärte Thomas Heib. Der Zuverdienst beträgt für die Familien inklusive Miete und Verpflegungsgeld rund 900 Euro. „Klar, das Geld ist auch Motivation, aber niemand macht das nur des Geldes wegen.“ Zwar sei es das Ziel, dass die Gäste irgendwann alleine wohnen würden, manch einer sei aber schon von Beginn des Projektes  an in seiner Familie. Also seit 20 Jahren.



Gastfamilien werden im Landkreis gesucht. Interessenten können sich bei Birgit Dabrowski melden Tel. (0 68 21) 2 90 25 45; E-Mail: b.dabrowski@caritas-nk.de.