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Autogrammstunde in der GGS Neunkirchen

GGS NK : Autogrammstunden zwischen Mathe und Deutsch

„Hallo Leute, ich bin Ward und das ist George. Wir haben den „Eine-Welt-Song“-Contest gewonnen.“ Für die 6b dürfte das jetzt nicht so ganz überraschend kommen: Schließlich sind die preisgekrönten Rapper Georg Byrd und Ward Hanna ihre Mitschüler an der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen (GGS NK), denen sie theoretisch jeden Tag über den Weg laufen.

Normalerweise. Aber normal ist gerade herzlich wenig: im Leben von Ward und Georg nicht und in dem der Kinder vor ihnen auch nicht. Die halbe 6b hat sich maskiert und unter Einhaltung des Sicherheitsabstands in der Aula verteilt, um sich CDs schenken und signieren zu lassen.

Für die beiden Elftklässer sind die Autogrammstunden der erste Schulbesuch seit dem 16. März. Covid-19-bedingt hat der Unterricht für sie noch nicht wieder begonnen. Eigentlich stand in Kürze das finale Konzert, das „Eine Welt-Festival“, an, das nun in den Herbst verschoben wurde. Und auch beim Ferien-Open-Air in St. Wendel hätten sie auf der Bühne mitmischen dürfen. Alles abgesagt. Was sie so machen mit der freien Zeit? „Man hört nie auf, Texte zu schreiben und Musik zu machen“, verrät Georg. Ansonsten das Übliche, „mit Freunden abhängen“ und ab und zu mal in die Bücher schauen und lernen.

Genutzt hat das Duo die Pause auch, um in Berlin ein Video für ihren Gewinner-Song zu drehen. Zwei Tage waren die beiden mit dem Kamerateam in Kreuzberg unterwegs. „Das war schon anstrengend“, erinnert sich Ward. Extra für den Dreh wurde eine Wand mit einem aufwändigen Graffiti versehen: die Initialen des Songs „Molotov zum Blumenstrauß“ MZB, eingerahmt von überdimensionalen Blüten und Flammen. „Krass“, meint Georg, „wenn man aus Neunkirchen kommt und da so ein großes Graffiti für einen gesprayt wird. Da gehen wir in zehn Jahren noch mal hin und besuchen es.“

Zwölf Drehstunden-Material entstanden in der Hauptstadt, aus dem schlussendlich das drei Minuten und 15 Sekunden lange Video zusammengeschnitten wurde. Bis jetzt erreichte der Clip bei youtube schon fast 67 000 Aufrufe.

Von den Sechsklässlern haben es sich immerhin drei angeschaut. Einer der Schüler will wissen, ob Ward, der vor sechs Jahren mit seiner Familie aus Syrien fliehe musste, selbst jemanden verloren hat und bezieht sich damit auf eine Zeile aus dem Song: „Geh in Deckung, Bruder, duck dich! Sonst zieht der nächste Schuss unter deinem Leben einen Schlusstrich! Walla, Habibi, wo ich herkomm, is’ nicht lustig, wenn eine Mama ihrem Sohn den letzten Kuss gibt!“ Ward verneint, „Gott sei Dank nicht“. Reingeschrieben hat er die Zeile, „weil du im Krieg nicht weißt, wann du jemanden verlierst, das kann immer schnell gehen“. Es sei der „perfekte Zeitpunkt“ für ihren Aufweck-und Mutmach-Song, findet Georg. „Momentan läuft alles schief, was schief gehen kann.“

Umso wichtiger sei es, Farbe zu bekennen und für die eigenen Werte einzustehen: „Wir sind für eine Welt, die frei ist, wo jeder leben und lieben kann, wie er will, ohne dass er diskriminiert wird.“

Ob sie Fans haben, fragt ein Mädchen. So richtig nicht, schütteln die zwei Rapper die Köpfe. Und dann ist die von Coach/Mentor Manuel Nicklaus begleitete Autogramm„stunde“ auch schon vorbei, die nächste halbe Sechserklasse steht bereit. Insgesamt wurden an den beiden Terminen 300 CDs an alle Fünft- und Sechstklässler verteilt. Warum gerade an die Jüngsten in der Schule? „Wir haben uns überlegt, wo und wie man Kinder bei diesem Thema am besten abholt“, verrät Schuleiter Clemens Wilhelm. Jedes Jahr zählt, deshalb am besten so früh wie möglich. „Im letzten Jahr sind Georg und Ward gewachsen an ihrer Rolle“ und zu Persönlichkeiten gereift, stellt Wilhelm fest. Dass sie jetzt Vorbildcharakter haben, ist den 17-jährigen Freunden bewusst. „Man trägt Verantwortung, klar“, nickt Ward und Georg ergänzt: „Jetzt muss man mehr aufpassen, was man sagt.“ An diesem Vormittag war jedenfalls alles korrekt.