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Auf Wiedersehen - in Völklingen

Auf Wiedersehen - in Völklingen

Neunkirchen. Totgesagte leben länger. Aber nicht ewig. Schon mehrfach stand das Corona Kino auf der Kippe, diesmal fiel es endgültig. Am späten Mittwochabend gaben exakt 51 zahlende Besucher der über hundertjährigen Dame die letzte Ehre

Neunkirchen. Totgesagte leben länger. Aber nicht ewig. Schon mehrfach stand das Corona Kino auf der Kippe, diesmal fiel es endgültig. Am späten Mittwochabend gaben exakt 51 zahlende Besucher der über hundertjährigen Dame die letzte Ehre. Die letzten abgespulten Filmmeter gehörten zu "Sex and the City", einer harmlosen Komödie um vier modeverrückte New Yorkerinnen. "Was gezeigt wird, war uns egal", meinte Bernd Schneider. "Hauptsache letzte Vorstellung." "Wir hätten uns auch einen Horrorfilm rein gezogen und die Augen zugehalten", ergänzte Begleiterin Karin Lieblang. Schneider, Cineast mit Ambitionen, ein eigenes Kino aufzumachen, schaut sich Filme prinzipiell nur in alten Kinos an. Das extra aus Wadern her gepilgerte Duo griff beherzt bei Sekt und kalten Häppchen zu, die Chefin Irene Holbach zur (Trauer)Feier des Tages aufgefahren hatte. Seit 1973 betrieb sie das Lichtspielhaus, für das es nach einem Eigentümerwechsel des Gebäudes keinen Pachtvertrag mehr gibt (wir berichteten). Wirklich realisiert hat das die 72-Jährige noch nicht. "Erst wenn ich durch den leeregeräumten Saal gehe, wird es mir schwer ums Herz", wusste Irene Holbach. Zum Glück gibt es ein neues Projekt. Mit städtischer Unterstützung übernimmt sie das vor zwei Jahren geschlossene Residenz-Theater in Völklingen. Wenn im Sommer "die dicken Filme", sprich Mumie 3, Batman - The Dark Knight und Akte X2 anlaufen, soll es schon in Betrieb sein. Ein bisschen Corona wird dann auch im Residenz wieder zu finden sein. "Die Theke nehme ich mit und was sonst noch rein geht", erklärte Irene Holbach. Doch zuvor war die Frage, ob vier hellblaue Polstersessel in einen Pkw rein passen. Das beschäftigte zumindest Luigi Comito. Der Italiener schraubte zusammen mit Vanessa Koch und einer Handvoll weiterer Freaks nach der Vorstellung Kinositze aus. "Die kommen in die Küche oder ins Musikzimmer", verriet der Sulzbacher. "Klassischen alten Kinos" gibt der 25-Jährige stets den Vorzug vor modernen Multiplexen. Die Gründe sind rein pragmatischer Natur: "Dort ist der Eintritt günstiger und weniger los." Das erste und letzte Mal war Denise Huber im Corona - der Sessel wegen. "Beim reinkommen dachte ich, oh, ich bin in Amerika", beschrieb die Pfälzerin ihren ersten Eindruck. "Gemütlich, cool, urig", das waren die Attribute, die der Pfälzerin spontan zur Lokation einfielen. Auch Denise gewinnt Hochglanz-Filmpalästen wenig ab: "Ich bevorzuge die Kinos, wo die richtigen Filme laufen." Emotionaler fiel der Abschied für Stammbesucher Klaus Müller aus. "Ich hab hier als kleiner Bub Bambi mit meiner Schule gesehen." Das ist auch schon wieder 60 Jahre her. Ob er sich in Zukunft mit den verbliebenen zwei Neunkircher Kinos arrangieren kann? "Nö, da fahr ich lieber nach Völklingen." "Kino ist mein Leben."Ex-Corona- und zukünftige Residenz-Inhaberin Irene Holbach