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ASB Pflegedienst Saar in Neunkirchen und Kirkel

Häusliche Pflege in Coronazeiten im Kreis Neunkirchen : „Wir können das Meiste abfangen“

Anlässlich des Tags der ambulanten Pflege im Mai führten wir ein Gespräch mit Yvonne Mang, Pflegedienstleitung des ASB Pflegedienst Saar, zu den erschwerten Arbeitsbedingungen während der Pandemie.

(red) Hinter Yvonne Mang und ihrem Team des ASB Pflegedienst Saar liegen turbulente Monate: „Es war kein schönes Jahr“, sagt die gelernte Krankenschwester und Fachwirtin für Gesundheit und Sozialwesen rückblickend. Bis heute „hat die Pandemie die Pflege im Griff. Auch wenn jetzt mehr Routine eingekehrt ist und sich einiges eingespielt hat“.

Was sie in den letzten Monaten gelernt hat: Pflege ist nicht gleich Pflege. Zwischen stationär und ambulant liegen – jedenfalls in Zeiten von Corona – Welten. Als Pflegedienstleiterin koordiniert Yvonne Mang aktuell die Einsätze von 29 Kollegen in 314 Haushalten im Saarpfalz-Kreis und im Landkreis Neunkirchen. Dort übernehmen die Fachkräfte die Grundpflege und ärztlich verordnete Behandlungspflege genauso wie hauswirtschaftliche Arbeiten. Hinzu kommen sonstige Unterstützungsangebote des ASB, etwa Urlaubsvertretung (Verhinderungspflege).

Schon vor der Pandemie waren die Bedingungen für die Versorgung kranker Menschen in ihrem gewohnten Umfeld weit weniger optimal als im stationären Bereich, um es vorsichtig auszudrücken. „Etliche der Haushalte verfügen über kein Badezimmer, manchmal auch keine Toilette im Haus, sondern draußen im Hof. Gewaschen wird sich am Spülbecken in der Küche“, also wie vor 100 Jahren. „Ja, das gibt’s immer noch“, bekräftigt Yvonne Mang. Als erschwerend hinzu kommt, dass mittlerweile rund 20 Prozent der Klienten dement sind, Tendenz steigend. „Zusätzlich helfen wir beim Beantragen von Hilfen, begleiten zu Behördengängen und Arztbesuchen, vermitteln Pflegehilfsmittel und Hilfeleistungen Dritter und beraten pflegende Angehörige bei ihnen daheim.“ Ambulante Pflege ist eben deutlich mehr als „nur“ um ein bisschen Körperhygiene, wie manche denken.

Als Covid-19 für unsere Breiten relevant wurde, schauten Politiker und Öffentlichkeit lange Zeit mit Tunnelblick auf die Krankenhäuser und Pflegeheime. Dort gingen Masken, Schutzausrüstungen, Hygieneartikel hin, während man die Hilferufe der ambulanten Pflege weitgehend ignorierte. „Viele Ämter, Behörden, Abteilungen der Ministerien, Kassen, Sozialhilfeträger und Institutionen waren über Wochen und Monate abgetaucht, im Homeoffice“ – und immer „save“ dank des Schutzmaterials, das man der direkten Pflege vorenthielt. Noch immer ärgert Yvonne Mang, „wie wenig Verständnis für die Situation vor Ort da war. Heute stellen diese Verantwortlichen ihren positiven Beitrag bei der Bewältigung der Gesamtaufgabe Covid-19 heraus“. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so prekär gewesen wäre.

„Wir sahen uns plötzlich mit dem Sicherstellungsauftrag, der normaler Weise den Kassen obliegt, konfrontiert“. Auf dessen Erfüllung haben die Krankenkassen immer wieder gepocht, ungeachtet dessen, ob das überhaupt zu realisieren ist. „Je weniger Mitarbeiter zur Verfügung stehen, umso schwieriger ist die Aufrechterhaltung unseres Dienst- und Tourenplans“, das müsste eigentlich jedem einleuchten. Zaubern gehört nicht zum Angebotskatalog des ASB Pflegedienstes.

Ab einem gewissen Zeitpunkt, so Yvonne Mang, „mussten wir unser Angebot dann tatsächlich mangels Personal auf das absolut Notwendigste konzentrieren“. Sprich, in erster Linie dafür Sorge tragen, ärztliche Verordnungen korrekt und voll umfänglich umzusetzen. Dazu gehören Medikamentengaben, Blutzucker-Kontrollen, Insulingaben, Wechsel von Wundverbänden, um nur die Wichtigsten zu nennen. „Das ist das Allerwichtigste, dass wir lebensnotwendige, behandlungspflegerische Maßnahmen mit allem, was uns zur Verfügung steht, aufrechterhalten.“ In anderen Bereichen, etwa den haushaltsnahen Dienstleistungen, aber auch was Grund- und Körperpflege anbetrifft, „blieb uns nichts anderes übrig, als zu reduzieren oder vorübergehend ganz einzustellen“. Froh macht so etwas niemanden, am allerwenigsten die Mitarbeiter, denen das zum Teil sehr nahe ging.

Notfallszenarien, Richtlinien, Handlungsempfehlungen der Behörden? All das gab es nicht. „Obwohl allen klar war, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir den ersten Corona-Fall unter den Kollegen haben.“ Der dann natürlich auch eintraf – wenngleich glücklicherweise, und das bis heute, nur als Verdacht. Infiziert hat sich zum Glück bislang noch niemand vom Team des ASB Pflegedienst Saar. Der Tag des ersten Verdachtsfalls hat sich in Yvonne Mangs Gedächtnis geprägt: „Danach hat jemand vom Gesundheitsamt angerufen und der Mitarbeiterin erklärt, dass sie bis zum Vorliegen eines Testergebnisses ab sofort unter häuslicher Quarantäne steht. Sie durfte nicht einmal mehr mit dem Hund raus. Aber zu den alten Menschen soll man weitergehen, solange man nicht positiv getestet ist.“ Die potentiellen Folgen dort wurden der Pflegedienstleiterin zufolge total unterschätzt: „Wenn eine Infektionskette einmal in Gang kommt, ist das mindestens so schlimm wie im Heim.“

Zunächst hatte der Pflegedienst aber mit einem ganz anderen, quasi gegenläufigen Problem zu tun. Bestellten doch viele Klienten bzw. Angehörige die ambulante Pflege zu Beginn der Pandemie ab. Von insgesamt 300 Verträgen betraf das im März 130, „die Hauswirtschaft fiel komplett weg“. Finanziell und organisatorisch ein Desaster. Keine drei Monate später ruderten viele Angehörige aber zurück und entschieden sich für eine Wiederaufnahme der Pflege: „Wir haben klar kommuniziert: Es kann etwas passieren, wir können da keine Gewährleistung übernehmen.“ Trotzdem gingen die Meisten das Risiko ein, „weil sie ohne unsere Hilfe einfach nicht klar kamen“ Die ersten Anrufe kamen nach sechs Wochen. O-Ton: Wir schaffen das nicht. „Da haben die Leute ruckzuck gemerkt, das ist doch nicht so wenig, das die ambulante Pflege da jeden Tag leistet.“ Den MitarbeiterInnen bot sich vor Ort teilweise ein schlimmer Anblick: „Bei den bettlägerigen Klienten waren in der Zwischenzeit Wunden vom Liegen entstanden. Das mussten wir wieder auffangen.“ Jede Menge Mehrarbeit also.

Dass es anfangs zu relativ vielen Sterbefällen untern den Klienten kam, hat mit der Pflege selbst nichts zu tun. „Kranke ältere Menschen haben sich vielfach nicht ins Krankenhaus getraut, um akute Beschwerden ärztlich abklären zu lassen“. Und bezahlten diese Vorsicht im schlimmsten Fall mit dem Leben. Prinzipiell ist eine reguläre, umfängliche ambulante Pflege auch unter den erschwerten Umständen sicher möglich: „Man kann die Leute daheim versorgen“, vorausgesetzt, man trägt die Schutzausrüstung. Keine leichte Bürde, aber eine notwendige.

Aktuell geht der Bedarf durch die Decke: „Es kommen immer wieder Anfragen, ob wir Klienten von anderen Pflegediensten annehmen können, weil die mit Personalengpässen zu kämpfen haben. Allein im April 18 Fälle.“ Verschärft wird die Lage durch den Wegfall der meist osteuropäischen 24 Stunden-Kräfte. „Was wir am Anfang an Klienten verloren haben, bekommen wie längst doppelt zurück.“ Auch, weil Mitbewerber in der ambulanten Pflege aufgeben. Unverschuldet, liegt doch die Ursache in der mangelhaften Zahlungsmoral der Kranken- und Pflegekassen. „Einige haben seit einem Jahr nichts mehr überwiesen“, macht Yvonne Mang ihrem Ärger Luft. Das heißt, die vertraglich vereinbarte Leistung ist längst erbracht, aber noch nicht bezahlt. „Wir sprechen hier nicht über Bagatellbeträge! Bei uns steht momentan ein Drittel aller Forderungen aus.“ Für kleinere Pflegedienste bedeutet das schnell das wirtschaftliche Aus.

 Der Arbeitersamariterbund stellt auch während der Pandemie häusliche Pflege sicher.
Der Arbeitersamariterbund stellt auch während der Pandemie häusliche Pflege sicher. Foto: Markus Nowak/ASB

Wer das Nachsehen hat, sind die Klienten und ihre Familien. Die dann auch bei Yvonne Mang durchklingeln: „Absagen fallen mir schwer“, sagt die Pflegedienstleiterin und versucht das Menschenmögliche, um genau das zu Umgehen. „Oft läuft es auf einen Kompromiss raus: statt 100 Prozent biete ich dann wenigstens 60 Prozent der gewünschten Pflege- und Hilfsleistungen an.“ Immerhin: „So können wir das Meiste abfangen.“