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Kleingärten
Anpfiff in der Wellesweiler Gartensparte

FOTO: Jörg Jacobi
Wellesweiler. Der Kleingartenverein Wellesweiler steht im Finale der bundesweit besten 20. Hoher Besuch von der Meisterschaftsjury Von Anja Kernig

Ohne sich zu weit aus dem Laubenfenster zu lehnen: Anders als gewisse hochbezahlte Ballkünstler haben die Wellesweiler Kleingärtner allemal das Zeug dazu, den Pokal zu holen. Vor acht Jahren gab es für sie schon mal Silber beim Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“, Anno 2018 stehen sie erneut im Finale. Während sich das halbe Saarland am Samstag mental und verpflegungstechnisch auf das heikle WM-Vorrundenspiel Schweden gegen Deutschland einstimmte, stattete die von Filmteams und Presse begleitete Meisterschaftsjury den Überzeugungstätern im Volkspark einen Besuch ab.


Alle vier Jahre lassen Bundesregierung und Bundesverband Deutscher Gartenfreunde die Kleingärtner zur Meisterschaft antreten. Bei der Besichtigung der 20 Finalisten im gesamten Bundesgebiet – wofür man immerhin satte 3500 Kilometer im Bus zurücklegt, so Jurychef Jürgen Sheldon - überprüft die siebenköpfige Jury genau, ob die Anlagen auch wirklich halten, was sie in ihren hübschen Bewerbungsmappen versprechen. Penibel gestutzte Hecken und polierte Gartenzwerge beeindrucken sie jedenfalls nicht. Was zählt, sind ökologische, städtebauliche und soziale Leistungen, dieses Jahr explizit zum Thema „Kleine Gärten – bunte Vielfalt“.

Und bunt ist er allemal, der 1936 gegründete KGV „Wellesweiler“ – in vielerlei Hinsicht. Mit 50 bewirtschafteten Parzellen gehört er zu den traditionsreichsten Vereinen entlang der Saar und gleichzeitig zu den integrativsten: 80 Prozent der Mitglieder stammen in dieser oder vorhergehender Generation aus dem „Ostblock“, informierte Vorsitzender Seppl Bosic. Das Durchschnittsalter liegt bei erfreulichen 56,3 Jahren, Tendenz fallend.



Als Teil einer wichtigen, sieben Hektar großen Klimaausgleichsfläche wird Natur- und Ressourcenschutz großgeschrieben: Regenwasser sammelt man im mit Schilf und Seerosen besetzten Feuchtbiotop. Nach der Klärung in zwei kleinen Becken steht es per Brunnen allen Pächtern kostenlos zum Gießen zur Verfügung.

Chemie bleibt generell außen vor. Stattdessen rät der Vorstand zu biologischer Schädlingsbekämpfung à la Seifenlauge. Das „Rezept“ dazu hängt im Schaukasten am Vereinsheim. Was Adalbert Niemeyer-Lüllwitz, auf Ökologie spezialisiertes Jurymitglied, imponiert. Weniger gefallen ihm die imposanten Lauben, die mit bis zu 70 Quadratmetern ein Vielfaches der empfohlenen Größe aufweisen - Fehlentwicklungen, die nur schwer zu korrigieren sind. „Dafür sind die Wege nicht versiegelt“, lobt der BUND-Aktivist. „Ich habe sogar Rasenwege gesehen.“ Auch die großen Solitärgehölze wie Fichte, Eiche und Walnussbäume punkten bei ihm.

Ganz zu schweigen von der kleinen Oase von Waltraud Boltz, die das Vielfalt-Motto verinnerlicht hat. Im Naturparadies der Verwaltungsangestellten aus Bexbach tummeln sich Mauereidechsen, brütet eine Amsel und laben sich Bienen und Schmetterlinge, darunter so prominente wie Schwalbenschwänze, am Nektar der Stauden und Gehölze. Totholzhaufen, Brennesselecke, möglichst viele „offene“ Blüten, Wildkräuter stehen lassen – einige Aspekte des naturgemäßen Gärtnerns ist für traditionelle Laubenpieper erstmal gewöhnungsbedürftig. „Manche finden das unordentlich“, weiß Waltraud Boltz. „Die Diskussion gibt es überall“, bestätigt Thomas Kleinworth von der Jury und winkt grinsend ab: „So lange gärtnern zu erkennen ist, ist alles in Ordnung.“

Was er dagegen nicht mehr hören kann, ist dieses Draufrumhacken auf der per Bundeskleingartengesetz vorgeschriebenen Pflicht zum Obst- und Gemüseanbau. „Wieso heißt es immer: Man muss das tun. Man darf“, betont Kleinworth. „Für junge Familien ist das sogar die eigentliche Motivation, einen Schrebergarten zu übernehmen: die frischen, ökologischen Lebensmittel, die man 365 Tage im Jahr anbauen darf.“

Wobei eines selbstverständlich nicht zu kurz kommen darf, fügt der Fachberater des Landesverbands Schleswig-Holstein hinzu: „die Seele baumeln lassen“.