ADFC-Fahrradklima-Test bringt schlechte Beurteilung für Neunkirchen

Zweirad-Verkehr : Warum Radler Neunkirchen nicht lieben

Der ADFC fordert im Stadtgebiet durchgehende Wege fürs Velo. Bürgermeister Jörg Aumann erklärt, sich für Geld stark zu machen, das ein „schlüssiges Radwegekonzept“ finanziert.

Radfahrer gehören nicht unbedingt zu den beliebtesten Verkehrsteilnehmern. Viele Autofahrer sehen in ihnen auf der Straße eine Zumutung. Auf Freizeitwegen fürchten Skater, Wanderer, Familien mit Kindern ihre Geschwindigkeit. Auf den Bürgersteig dürfen sie nicht. Radwege? Beginnen und enden gerne im Nirwana oder sind gar nicht erst da. Jetzt kommt der E-Scooter auf die Straßen – und soll auch mit auf den Radwegen rollen. Wird es dann dort noch enger? Oder wächst dadurch der Druck, mehr für den sanften Verkehr zu tun. Axel Birtel vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Neunkirchen sagt dazu: „Grundsätzlich begrüßen wir vom ADFC die E-Scooter. Die gesetzliche Regelung, wonach diese Fahrzeuge auf Radwegen und der Straße eingesetzt werden dürfen, ist für mich persönlich und auch für den ADFC nachvollziehbar.“ Birtel geht nicht von einem großen Boom der kleinen Flitzer in der Kreisstadt aus. Die Topografie der Stadt, das viele Auf und Ab, werde dies verhindern. Die Anschaffung eines gutes Gerätes sei zudem nicht ganz billig. Der Sprecher weiter: „Wenn es durch die E-Scooter zu einem verstärkten Ausbau des Radwegenetzes kommt, ist das auch für uns Radfahrer gut. Aber vor den neuen Wegen für die E- Mobilität brauchen wir ganz dringend ein durchdachtes Wege-Konzept für Neunkirchen.“ Die Kommunalwahlen hätten in den vergangenen Monaten das Thema in den Hintergrund gedrängt. Jetzt müsste es wieder auf die Tagesordnung rücken. Neben Radwegen, so der ADFC-Sprecher, müssten auch bessere Abstellmöglichkeiten  für Räder her.

Bedeutet ein Ausbau von Radwegen, dem motorisierten Verkehr ein Stück von der Straße streitig zu machen? Das müsse im Einzelfall entschieden werden, heißt es bei den Freunden des sanften Verkehrs. Prinzipiell sei es dem ADFC lieber, den Radverkehr in die kleineren, verkehrsärmeren Straßen abseits der Hauptrouten zu verlegen. Allerdings gebe es auch Beispiele, wo breite Straßen durchaus zum Wohle aller ein anderes Gesicht bekommen könnten. Birtel: „Nehmen wir die Fernstraße. Wenn hier Schutzstreifen für den Radverkehr abgetrennt werden, bleibt für den Autoverkehr immer noch genügend Verkehrsraum übrig. Das gleiche gilt im übrigen auch für die Bliesstraße, wenn die Baumaßnahmen in 2020 fertiggestellt sind.“ Konfliktträchtig sei in diesem Zusammenhang das Parken auf Geh- und Radwegen. Polizei und Ordnungsamt müssten geltendes Recht durchsetzen und die Wege dann auch freihalten.

Mit den Möglichkeiten für Radfahrer sind die am Zweirad Interessierten in der Kreisstadt sowieso nicht besonders zufrieden.  Das ist das Ergebnis des ADFC-Fahrradklima-Tests vom vergangenen Herbst. Als Schulnote bekommt Neunkirchen eine vier minus (4,4). Das ist schlechter als noch vor zwei Jahren. Der Fahrradklima-Test untersucht, wie es um die Fahrradfreundlichkeit in Deutschlands Städten und Gemeinden bestellt ist. Mitgemacht haben bei dieser jüngsten Erhebung deutschlandweit rund 170 000 Menschen. 40 Prozent mehr als 2016, erläutern der ADFC Neunkirchen. Dreiviertel der Befragten sind demnach sowohl Rad- als auch Autofahrende und kennen somit beide Perspektiven. Die Befragung ist nicht repräsentativ. Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Befragten beim Radfahren, hat sich nach Einschätzung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiter verschlechtert. 2014 wurde das Fahrradklima noch nach Schulnoten mit 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8 – zuletzt mit 3,9. In Neunkirchen haben sich 75 Radfahrer an der Umfrage beteiligt – und der Kommune ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Im Detail gibt es kaum Probleme zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern. Die Diebstahlsquote scheint sehr gering. Bemängelt wird von den Fahrradfahrern hingegen, erläutert ADFC-Sprecher Birtel, dass das unberechtigte Parken auf Rad- und Fußwegen kaum geahndet wird und das es mit dem Winterdienst auf Rad- und Fußwegen schlecht bestellt sei. Für einigen Verdruss unter den Radlern sorgt die Radwegsituation in Neunkirchen. Birtel: „Die Bliesstraße ist zwischen der Zoo-Straße und dem Dekoladen Pink wegen einer Baustelle voll gesperrt. Auf einem sehr schmalen Fußweg kann man an der Baustelle vorbei. Dabei könnte man aber mit gutem Willen eine Radwegeumleitung über die Waldwiesenstraße und einen Anliegerweg ausweisen.“ Durch eine Baustelle des Neunkircher Energieversorger KEW ist auch noch der  Saar-Nahe-Höhenradweg, ein Premiumradweg, zwischen dem Autohaus Palumbo und dem ehemaligen Zollhaus voll gesperrt. Birtel: „Nur mutige Radfahrer benutzen die Wellesweiler Straße, die als einzige Möglichkeit noch offen ist. Der ortskundige Radfahrer hat Ausweichmöglichkeiten. Die ortsunkundigen Radfahrer stehen ohne Umleitung oder Hinweise vor den Absperrungen.“ Ein unmöglicher Zustand, findet Birtel. Solche Zustände seien dafür verantwortlich, dass kaum einer das Rad für die kurzen Wege des Alltags nutzt.

Neunkirchens heutiger Bürgermeister und künftiger Oberbürgermeister Jörg Aumann sagt zum Klimatest: „Die Radfahrerzahlen nehmen zu, insbesondere im E-Bike-Bereich, und so erklärt sich auch die schlechtere Benotung. Vor allem die Menschen, die nicht schon jahrelang darin geübt und versiert sind, sich im Straßenverkehr zu bewegen, sondern die erst anfangen oder wieder anfangen, Rad zu fahren, merken am besten, woran es fehlt.“ Aumann will mit den Radlern der Stadt den regelmäßigen Austausch im Gespräch voranbringen. Und er sagt weiter: „Ich möchte künftig ins Pflichtenheft für jede einzelne Straßenbaumaßnahme in der Stadt einen wichtigen Punkt hinzufügen: Kann diese Maßnahme (auch) genutzt werden, um konkret an dieser Stelle die Situation für Radfahrer zu erleichtern? Bei den Maßnahmen in der Unteren Bliesstraße wird genau das jetzt schon geschehen.“ An den Bahnhof sollen Radboxen kommen, für ein schlüssiges Radwegekonzept will er Fördergeld beim Land freieisen. Aumann: „Bisher sind Radfahrer auf unseren Straßen leider noch Exoten.“ Das solle sich ändern, er wolle mehr Radler auf die Straße bringen, damit sie sich dort einen Platz im Verkehrsraum erobern.

Mehr von Saarbrücker Zeitung