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Schlummernder Akten in Frankreich geöffnet
Neues zu Gestapo-Aktivitäten im Saargebiet vor 1935

Heinrich Welsch, Gestapo-Chef in Trier (1934-35), NS-Sonderrichter und Saar-Ministerpräsident (1955-56).
Heinrich Welsch, Gestapo-Chef in Trier (1934-35), NS-Sonderrichter und Saar-Ministerpräsident (1955-56). FOTO: oettinger
Saarbrücken/Trier.

Das Interesse an den historischen Anfängen des Saarlands ist ungebrochen. So kamen am Montagabend etwa 30 interessierte Zuhörer in den Saarbrücker Schhlosskeller, um dem Vortrag des Trierer Geschichtsforschers Thomas Grotum über „Das Saargebiet im Fokus der Gestapo Trier (1933 bis 1935)“ zu lauschen. Eingeladen hatten dazu die Initiative Neue Bremm, die Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes und der Regionalverband Saarbrücken.


Grotum leitet ein studentisches Forschungsprojekt an der Uni Trier, in dem etwa 30 Studenten Examensarbeiten über die Trierer Gestapo-Dienststelle verfassten. Möglich sei dies durch einen Glücksfall geworden, berichtete Grotum. Denn eines Tages erhielt er einen Anruf aus Paris, ob er Interesse habe, 3529 Ermittlungsakten der Trierer Gestapo einzusehen und wissenschaftlich zu erschließen. „Da habe ich sofort Ja gesagt“, erklärte Grotum. Normalerweise seien diese Akten aus Datenschutzgründen in Frankreich 100 Jahre gesperrt. „Da hätten wir bis 2045 warten müssen“, sagte Grotum. So aber haben die jungen Trierer Historiker jetzt im „Service historique de la Dèfense“ im Schloss von Vincennes im Osten von Paris die Möglichkeit zu erforschen, was die Nazis ab dem Frühjahr 1933 von Trier aus mit ihrer Geheimen Staatspolizei im damals vom Deutschen Reich unabhängigen Saargebiet trieben. Das Saargebiet war nach dem Versailler Vertrag 1920 unter die Verwaltung des Völkerbunds gestellt worden, eines Vorläufers der Uno. Die Nazis hatten ein großes Interesse daran, des Saargebiets unter dem Slogan „Heim ins Reich“ habhaft zu werden. Dazu bot die Volksabstimmung am 13. Janaur 1935 Gelegenheit, bei der mehr als 90 Prozent der Saarländer für den Beitritt zu Hitler-Deutschland stimmten.

Doch vorher galt es dafür den Boden zu bereiten. Grotum schilderte am Beispiel des Juristen Heinrich Welsch (1888-1976), wie das vonstatten ging. Der Obernazi Hermann Göring empfahl dem Reichsinnenminister Wilhelm Frick (NSDAP) Welsch als Gestapo-Chef in Trier. Welsch habe von Februar 1934 bis Frühjahr 1935 Spitzel im Saarland geführt, wie Grotum am Beispiel eines KPD-Manns zeigte. Welsch sei 1944 sogar Leiter des Sondergerichts in Metz gewesen. Und eben nach der zweiten Volksabstimmung im Oktober 1955  für ein paar Monate bis Anfang 1956 Ministerpräsident des Saarlandes. Grotum sagte, dass Welsch nachgesagt werde, den großen Europäer Robert Schumann vor dem KZ gerettet zu haben. Die Gründe dafür seien möglicherweise nicht so lauter gewesen. Welsch könne Schumann für eigene Zwecke, das Eindeutschungsprogramm in Lothringen, vor dem KZ bewahrt haben, sagte Grotum.

(dik)