1. Saarland

Neues Buch über Champagner

Neues Buch über das Luxusgetränk : Champagner prickelt auch deutsch

Santé und Prost: Volker Hildisch erklärt in seinem Buch, warum das Luxusgetränk gar nicht so französisch ist wie gedacht.

Als der deutsche Kaiser Wilhelm II. seinen Kanzler einst dazu verdonnern wollte, nur noch deutschen Sekt zu trinken, soll Otto von Bismarck geantwortet haben: „Mein Patriotismus endet oberhalb meines Mageneingangs.“ Hätten die beiden mehr gewusst über die eng verwobene deutsch-französische Entstehungsgeschichte des prickelnden Getränkes, sie hätten sich fröhlich zugeprostet, der eine mit Sekt, der andere mit Champagner. Stößchen! Santé! Nur kein Neid unter Verwandten. Denn das weltweit geschätzte Luxusgetränk sprudelt aus einer von Franzosen und Deutschen gemeinsam erarbeiteten Quelle, dem handwerklichen und über Jahrhunderte perfektionierten Wissen um die Herstellung von Schaumwein.

Die Produktion von Champagner ist in Frankreich ein fettes fünf Milliarden Euro-Geschäft, das, obwohl es kaum zwei Stunden entfernt vom Saarland läuft, hierzulande keiner so recht auf dem Zettel hat. Etwa 16 000 Winzer drehen in der Champagne seit bereits drei Jahrhunderten ein prestigeträchtiges großes Rad – das ohne deutsche Unterstützung freilich nie ins Laufen gekommen wäre. Erstmals erfahren wir das in aller Ausführlichkeit durch Volker Hildischs Buch „Als Rotkäppchen Frankreich verlassen musste. Champagner und Sekt – eine deutsch-französische Geschichte“ (Seume-Verlag). Heute wird es in Saarbrücken vorgestellt.

Der Publizist und Filmemacher, 30 Jahre lang Mitarbeiter des Saarländischen Rundfunks, zugleich Weinkenner, stieß bei Recherchen für Dokumentationen über berühmte Weingüter auf das Schloss Vaux in Eltville am Rhein. Beziehungsweise darauf, dass dessen Gründungs-Ort in Frankreich liegt, im Dorf Vaux in der Champagne. Die deutschen Besitzer der 1868 im Chateau de Vaux gegründeten Champagnerkellerei wurden nach dem Ersten Weltkrieg von den siegreichen Franzosen enteignet und gingen zurück nach Deutschland. Kein Einzelschicksal, sondern ein Wirtschafts-Phänomen. Und just davon handelt dieses Buch, mitunter wie ein Krimi, von einem deutsch-französischen, nicht selten unfairen, Wettlauf um ein imageträchtiges Markenprofil: Glamour, Feierlichkeit, Qualität.

Die Krone des Erfinders hat freilich ein Franzose auf, Dom Perignon (1638-1715), Kellermeister des Benediktinerklosters Hautvillers bei Epernay. „Ich trinke Sterne!“, soll er angesichts der „Perlage“ im Wein ausgerufen haben. Oder war’s doch Teufelszeug? Zumindest trugen Dom Perignons Kollegen damals eiserne Masken wie Folterknechte, um sich vor explodierenden Flaschen zu schützen. Der Schrecken wich schnell höchstem Entzücken, denn das Zeug trat seinen Siegeszug an den Höfen an. Man trank Champagner aus rund geformten Schalen, die angeblich dem Busen der französischen Königin Marie Antoinette (1755-1793) nachempfunden waren. Übrigens: Ein Deutscher, Florenz-Ludwig Heidsieck, hatte ihr den moussierenden Wein nahe gebracht. Champagner und Erotik, dieser Kurzschluss hält sich als Phänomen bis heute. Oder warum  schwenken Formel-Eins-Superhelden spritzende Magnum-Flaschen auf Hüfthöhe? 

Bis ins frühe 19. Jahrhundert war der Schaumwein jedenfalls fest in französischer Hand. Dann erfand 1806 eine Witwe Clicquot die eigentliche „méthode champenoise“: das Rütteln und Drehen, um den in der Flasche abgesetzten Hefe-Pfropfen los zu werden. Sie tat es nicht allein, sondern zusammen mit ihrem deutschen Geschäfts- und wohl auch Liebespartner Antoine Müller. Von da an war Champagner ein deutsch-französisches Projekt. Denn es kamen die  deutschen Einwanderer, die in der Champagne – als Handelsvertreter, Weinmacher, Buchhalter oder Compagnons von französischen Winzern – für nachhaltige Fortune des Getränkes sorgten und ihre Namen hinterließen, etwa Krug, Mumm, Roederer oder Deutz.

Der Wohlstand im Wilheminischen Deutschland heizte nach 1871 die Nachfrage an und führte zu einem Gründungsboom deutscher Sekthäuser wie Henkell oder Rotkäppchen in der Champagne und Lothringen, nicht selten verkaufte man die Produkte unter dem Namen Champagner. Nach 1919 war es damit vorbei, dank zweier „Champagner-Paragraphen“ im Versailler Friedensvertrag. Nur mehr im Gebiet Champagne hergestellte Schaumweine durften und dürfen sich seitdem Champagner nennen. Bis heute leidet der deutsche Sekt an diesem Umstand und an seinem profaner klingenden Namen.

All dies und mehr erfährt man in Hildischs Buch fast im Nebenher, er  prunkt nicht mit historischer Tiefenbohrung, sondern tritt – höchst abwechslungsreich – mal als  Firmen-Chronist, als Champagner-Experte oder Reiseführer auf. Das liest sich süffig weg. Denn unverhofft trifft man immer wieder auf Ankedotisches, bisher nie Gehörtes oder längst Vergessenes. Erfährt, dass Champagner Leben rettet: Die Zivilbevölkerung von Reims fand während deutscher Bombardements im Ersten Weltkrieg in den kilometerlangen Kreidekellern der Champagnerhäuser Schutz. Oder Hildisch berichtet von einem gefürchteten Champagner-„Führer“ während der Besatzungszeit. Der in Frankreich geborene Otto Klaebisch, Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, riss sich im Auftrag des NS-Staates rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu festgesetzten Dumpingpreisen unter den Nagel. Und wahrlich überrascht nimmt man zur Kenntnis, dass das Metzer Centre Pompidou auf deutschem Sekt-Boden steht. Dort führte  zwischen 1871 und 1915, als Metz deutsche Kaiserstadt war, der Deutsche Anton Bisinger einen Champagner-Betrieb. Oder doch eine Sekt-Manufaktur? Wer wollte das  entscheiden?

Deutschsein verpflichtet zu Sekt:  In Kaiser Wilhelms Zeiten wollte man Kunden mit Patriotismus vom Champagner weg locken. Foto: Rotkäppchen

Volker Hildisch: Als Rotkäppchen Frankreich verlassen musste. Champagner und Sekt – eine deutsch-französische Geschichte. Seume-Verlag, 24,90 Euro. Buchvorstellung heute, 19 Uhr, Villa Lessing, Saarbrücken.