Neuer Völklinger Leitungspfarrer wendet sich gegen die Kritik an Bistumsreform

Kostenpflichtiger Inhalt: Bistumsreform : „Der Glaube hört ja nicht plötzlich auf“

Die Reform im Bistum Trier stößt auf Widerstand wie eine Umfrage zeigt. Demnach drohen bis zu 400 000 Kirchenaustritte. Clemens Kiefer beginnt im Januar 2020 als Leitungspfarrer in der neuen XXL-Pfarrei Völklingen. In einem offenen Brief kritisiert er nun massiv die Umfrage.

Es sind stürmische Zeiten im Bistum Trier. Wird sich dessen Struktur doch massiv ändern. Der Druck durch die schwindende Zahl von Kirchenmitgliedern, sich leerende Kassen und den chronischen Priestermangel zwingen dazu. So stehen den rund 1,3 Millionen Katholiken im Bistum, das das Saarland und Teile von Rheinland-Pfalz umfasst, große Einschnitte ins Haus. Der wichtigste: Aus bislang 887 Pfarreien sollen über zwei Etappen hinweg 35 Großpfarreien werden, zehn davon im Saarland. So sieht es die Strukturreform vor, die der Trierer Bischof Stephan Ackermann angestoßen und die eine Synode Ende 2016 beschlossen hat.

Teile des Kirchenvolks stemmen sich aber mit Macht dagegen – wie die Initiative „Kirchengemeinde von unten“ mit dem Quierschieder Juristen Harald Cronauer an der Spitze. Vor gut einer Woche erst hatte die Initiative eine von ihr beauftragte Umfrage vorgestellt. Demnach sieht die Mehrheit der 500 Befragten die Reform äußerst kritisch. Rund zwei Drittel befürchten, dass „zentralistische Strukturen“ wie sie nun angeblich durch die XXL-Pfarreien entstehen, die Kirchenarbeit vor Ort gefährde. Ähnlich viele votierten dafür, dass die derzeitigen Gemeindeneinheiten nicht gegen ihren Willen aufgelöst werden dürften. Bitter für den Reform-Bischof Ackermann und jene, die die Änderungen nun umsetzen müssen.

„Dürfen, umsetzen dürfen“, korrigiert Clemens Kiefer sofort, der derzeit noch Dechant im Dekanat Birkenfeld ist. Von Januar 2020 an wird der 56-Jährige in einem „Dreier-Team“ (darauf legt er großen Wert) die neue Großpfarrei Völklingen leiten. „Ich freue mich darauf“, sagt Kiefer mit Nachdruck. Er hat sich für die Führungsaufgabe gemeldet. Und ist froh in Völklingen zu landen, schließlich war der gebürtige Saarländer schon als Vikar in Heusweiler. Quasi auch eine Rückkehr zu den Wurzeln. Was nicht selbstverständlich ist. Schließlich gehört es offenbar zum Prinzip von Bischof Ackermann die Spitze der Mega-Pfarreien mit ortsfremden Köpfen zu besetzen. Was ihm neuen Unmut bescherte (wir berichteten).

Wohl wenig überraschend: Als Leiter eines Kirchenbezirks, als höherer Geistlicher im Bistum also, erachtet Kiefer die Reform als „notwendig“, ist überzeugt davon. Doch mehr noch: „Für die katholische Kirche ist das bestmöglich gelaufen“, sagt er. „Es gab viele Möglichkeiten der Partizipation.“ Andere Bistümer stünden vor ähnlichen Problemen, „doch dort entscheidet der Bischof allein“. Darum stößt er sich auch so an der Umfrage der „Kirchengemeinde vor Ort“. Der Geistliche hat sich jetzt mit einem Offenen Brief (liegt der SZ vor) an die Initiative Luft gemacht. Art wie Inhalt der Befragung kritisiert er heftig. Trotz 1,3 Millionen Katholiken im Bistum wurden „nur 500 Katholiken in Interviews befragt“, moniert er, das sei „die absolut unterste Grenze, wenn noch etwas als repräsentativ gelten soll“.

Hinzu komme: Bloß 42 Prozent der Befragten hätten angegeben, sie beschäftigten sich überhaupt mit den Aktivitäten im Bistum. 63 Prozent hätten gar kund getan, nichts von der aktuellen Diskussion wahrgenommen zu haben. „Damit werden aber all die nachfolgenden Fragen der Umfrage meiner Meinung nach ad absurdum geführt“, unterstreicht Kiefer.

Er verweist im Gegenzug auf die Anhörung zur Reform des Bischofs selbst. Dabei gab es fast 1800 Rückmeldungen aus den Räten und von Einzelpersonen. Allerdings, räumt der künftige Leitungspfarrer ein, dass dabei „ein Drittel negative Rückmeldungen waren, macht mich sehr traurig, das ist eine echte Bürde. Und wir müssen uns fragen, wie können wir diese Leute wieder motivieren“. Sein Ansatz, wenn er in Völklingen im Januar startet: „zuhören, zuhören, zuhören, für die Menschen da sein. Jesus Christus ist ja das bestmögliche Produkt, wir haben es bislang nur schlecht verkauft.“

Er wirft der Initiative auch Unredlichkeit vor. Die Fragen seien zum Teil tendenziös gestellt. So gehe es bei der Reform trotz der Pfarreien mit großem Zuschnitt gerade nicht um Zentralisierung, wie die Befragung intendiere, sondern um die Idee der „Orte von Kirche“, die ganz vielfältig sein könnten. Das könne die Kirche im Ort wie bisher, aber auch ein Kindergarten sein. „Der Glaube muss einfach neu gedacht werden“, meint Kiefer. Und dabei sieht er gerade in den neuen Strukturen Chancen. Da sich künftig in den XXL-Pfarreien Leitungsteams mit einem Pfarrer wie ihm um das Organisatorische kümmerten, bliebe seinen Amtsbrüdern, die frei von dieser Last sind, „mehr Zeit für die Seelsorge, das eigentliche also“. „Außerdem war man als Pfarrer bisher letztlich immer allein, wenn es dann darum ging, Entscheidungen zu treffen.“ Jetzt arbeite man zeitgemäßer im Team.

Trotzdem gibt auch ihm zu denken, dass – vertraut man der Umfrage – bis zu 400 000 Kirchenmitglieder im Bistum den Austritt erwägen, zig Tausende Ehrenamtler aufgeben wollen. Seine Erfahrung seien allerdings andere, meint Kiefer. Er habe nach den Messen am vorigen Sonntag Besucher gefragt, ob sie austreten werden. „Es hat sich keiner gemeldet“, sagt Kiefer. Und ist sicher, dass auch die Ehrenamtler vor Ort weitermachen werden, „der Glaube hört ja nicht plötzlich auf“.

„In den Räten könnte es aber schon einige geben, die keine Lust mehr haben“, so der Dechant. Und weiß, dass viel, viel Überzeugungsarbeit und viele kritische Gespräche vor ihm liegen. Auch mit der „Kirchengemeinde vor Ort“. Bislang, sagte er, habe die Initiative noch nicht auf seinen Brief geantwortet. So wie man aber Initiativensprecher Harald Cronauer kennt, dürfte die Antwort nicht allzu lange auf sich warten lassen.

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