1. Saarland

Neue Kampagne gegen sexuelle Gewalt an Schulen

Startschuss für Initiative : Neue Kampagne gegen sexuelle Gewalt an Schulen

Schüler sollen besser geschützt werden. Saar-Bildungsminister Commerçon räumt ein, dass bisherige Bemühungen nicht reichen.

Ein Lehrer umarmt liebkosend eine junge Schülerin und nennt sie „Mäusezähnchen“, Kinder und Jugendliche konfrontieren Mitschüler auf dem Pausenhof mit Pornos vom Smartphone und im bisher extremsten Fall kommt es gar zu einer Vergewaltigung durch einen 15-Jährigen an einer Saarbrücker Schule. Über all diese Fälle debattierten Fachleute am Donnerstag zu Beginn einer neuen Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“. Zu der gaben der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, und Saar-Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) an der Saarbrücker Gemeinschaftsschule im Rastbachtal den Startschuss.

„Kinder und Jugendliche sollen besser vor sexualisierter Gewalt geschützt und Schulen zu Orten werden, an denen Betroffene kompetente Ansprechpartner, Schutz und Hilfe bekommen“, gab Commerçon die Zielrichtung vor und betonte: „Statistisch gesehen gibt es in jeder Klasse ein bis zwei Schülerinnen und Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Unsere bisherigen Bemühungen reichen hier offensichtlich noch nicht aus.“ Angefangen von den schon bestehenden Sexualkunderichtlinien, über spezielle Lehrerfortbildungen, Ansprachen von Lehrerkollegen und Eltern über zusätzliche Präventionsmaßnahmen bis hin zu Verhaltenskodex und Notfallplan soll nun an möglichst jeder Schule im Saarland das Problem besser angegangen werden. Verstärkt werden soll dabei auch die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen sowie den Beratungs- und Fachstellen wie Nele, Phoenix, Pro Familia und SOS-Kinderschutz und in Extremfällen auch der Polizei.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gab es im Jahr 2017 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) im Saarland 658 registrierte Sex-Straftaten, darunter 117 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern, was – bezogen auf die Einwohnerzahl – deutlich unter dem Bundesdurchschnitt lag. „Die Dunkelziffer solcher Fälle dürfte allerdings sieben- bis zehnmal so hoch sein“, sagte der Missbrauchsbeauftragte Rörig dazu der SZ. Häufiger als im Bundesschnitt sind im Saarland die bis in manche Schulen hineinspielenden Fälle von Kinder- und Jugendpornographie. Der Neunkircher Jürgen-Wolfgang Stein, Senior-Mitglied eines beratenden Fachgremiums von Betroffenen, appellierte an Minister Commerçon, jede Schule im Land zu einem möglichst maßgeschneiderten Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt zu verpflichten. Doch einen solchen Erlass lehnt Commerçon, der mehr auf Freiwilligkeit setzt, derzeit ab, wie er sagte.

Unterdessen können alle Schulen im Saarland Wanderausstellungen gegen sexuellen Missbrauch („Echt Klasse“ für Grundschulen oder „Echt krass“ für weiterführende Schulen) anfordern, die von Nele und dem Petze-Institut für Gewaltprävention konzipiert wurden. Mit Slogans wie „Netter Flirt – aber keine Anmache“ oder „Wo hört der Spaß auf ? Kennst Du gute, schlechte und komische Berührungen?“ wird hier auf teils interaktiven Informationssäulen aufgeklärt. Nele registriert laut ihren Sprecherinnen Waltraud Jäger und Margit Leist pro Jahr etwa 300 Fälle gegen sexuelle Ausbeutung von Mädchen im Saarland. Bei sexuell belästigten oder missbrauchten Jungen sind es nach Angaben von Marco Flatau etwa 160 Fälle pro Jahr, „Tendenz steigend“. Jonathan Straß von der Gesamtschülervertretung an der Rastbachtalschule findet die neue Kampagne gegen sexuelle Gewalt super. „Das sollte kein Tabuthema sein, sondern überall sensibel angegangen werden, damit es gar nicht erst zum Schlimmsten kommt“, ist er sich mit Minister Commerçon einig.