Netzausbau: Im Saarland flammt alter Protest gegen Mobilfunkmasten wieder auf.

Kostenpflichtiger Inhalt: Ausbau im Saarland : Zukunft 5G – Wie gefährlich ist Mobilfunk-Strahlung?

Funklöcher schließen: ja. Mehr Funkmasten: nein. Im Saarland flammt alter Protest wieder auf.

Wer das Weltraumatelier von Familie Voltmer besucht, hat das Gefühl, auf dem Mond gelandet zu sein. Nicht nur, weil dort das Modell einer Apollo-Raumkapsel in einer Scheune steht. Nein. Hier, fernab vom Schuss, ist der Empfang so tot wie Neil Amstrong. Telefonieren unmöglich. „Unsere Gäste sind oft genervt davon“, sagt Hausherr Manfred Voltmer, während es am anderen Ende wegen schlechter Verbindung rauscht. In der St. Wendeler Gemeinde Nohfelden sind die Atelier-Besucher erst wieder erreichbar, wenn sie „zehn Meter höher Richtung Walhausen“ laufen. Ein Geheimtipp von Herrn Voltmer. Eine andere Art von Tipp können Saarländer seit Juni 2018 über www.breitband-saarland.de abgeben. Nämlich dann, wenn es ihnen so ergeht wie den Atelier-Gästen. Die Landesregierung und das Breitbandbüro Saar richteten damals die Funkloch-Meldestelle im Netz ein. Mit mehr als 3200 Einträgen bisher. Detailliert kann man über das Formular seinen Funkloch-Zustand beschreiben. Besonders viele Probleme scheinen die Einwohner von Freisen und Rehlingen-Siersburg zu haben. „Die Telefonie sollte eigentlich immer gehen, es sei denn, man steht im Wald zwischen lauter Bäumen“, sagte Projektleiter Thomas Haböck erst kürzlich gegenüber der SZ.

5000 Funkmasten will Deutschland nach bisherigen Berechnungen bis Ende 2024 zusätzlich aufbauen. Ein geförderter Mast soll im Schnitt 21 Haushalte versorgen. Das Ziel: 99,7 Prozent Funkloch-Freiheit. Etwa 15 Masten sollen ins Saarland, schreibt die Staatskanzlei. 869 stehen hierzulande bereits. Auch dank Privatfirmen. So will beispielsweise die Deutsche Telekom bis Jahresende 25 000 saarländische Haushalte an den Grenzen zu Frankreich und Luxemburg mit besserer Netzqualität versorgen (wir berichteten). Außerdem will der Konzern 30 LTE-Stationen mit besserer Leistung ausstatten und 15 Funkmasten bauen.

Funkloecher_im_Saarland. Foto: SZ/Steffen, Michael

Das dürfte nicht jedem gefallen. Die „Anschlagsserie auf Handymasten im Saarland“, wie die SZ Ende 2006 titelte, ist schon lange her, aber nicht vergessen. Damals hatten Mobilfunkgegner an einem Mast in Freisen Kabel durchtrennt. Jetzt brandet der Protest wieder auf – wenn auch bislang in abgeschwächter Form. Die Staatskanzlei schreibt vom zunehmenden „Widerstand gegen Neubaumaßnahmen“. Aufklärung sei jetzt gefragt. Die Kritik der Mobilfunkgegner, die im Netz mit Parolen wie „Das Volk hat immer recht, selbst wenn das der Verfassung widerspricht“ aufwarten: Der Mobilfunkstandard 5G berge Risiken für die Gesundheit. Sowohl die Landesregierung als auch die Ärztekammer im Saarland sagen: Die Befürchtungen sind wissenschaftlich nicht belegt. Die strengen Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung würden eingehalten. Und auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) schreibt auf seiner Webseite: Sofern die Grenzen gelten und Handys so genutzt werden wie vorgesehen, „gibt es demnach keine bestätigten Belege für eine schädigende Wirkung des Mobilfunks“. Allerdings sieht das BfS Forschungsbedarf, gerade mit Blick auf neue Frequenzen. In der entsprechenden Passage heißt es: „Die Absorption der hochfrequenten elektromagnetischen Felder findet im Milli- oder Zentimeterwellenbereich sehr nahe an der Körperoberfläche statt. Mögliche Auswirkungen betreffen also Haut und Augen.“ Innere Organe aber nie, so die Ergänzung. 5G, das Netz für die selbstfahrenden Autos der Zukunft: Es muss noch unter die Lupe. 

Die Gemeinde Kirkel hatte Anfang der 2000er Jahre einen Sonderweg eingeschlagen, „um vorzusorgen“, wie der Diplomchemiker Hans-Josef Regneri bei rauschender Festnetzverbindung fast 20 Jahre danach erzählt. Er war damals erster Beigeordneter und hatte eine wichtige Mission: „Gesundheitsvorsorge“. Deshalb legte die Gemeinde im Bebauungsplan das fest, was seinen Aussagen zufolge nirgendwo sonst im Saarland gilt: 300 Meter Abstand zwischen Mobilfunkmast und Wohnsiedlung. Antennen innerorts verboten. Alles andere wäre Regneri nicht genug gewesen. Auch wenn er zugibt, dass es damals „keine seriösen Belege für Erkrankungen“ gab. Sicher ist sicher. Das findet auch die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) im Saarland, die den 5G-Ausbau scharf kritisiert.

Manfred Voltmer schlägt trotz Dauerfunkloch mildere Töne an. Er würde einen Mast auf dem Acker vor dem Atelier akzeptieren. Hätte nur ein etwas profaneres Gegenargument als gesundheitliche Risiken: „Es kommt auf die Hässlichkeit an.“

Mehr von Saarbrücker Zeitung