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Nazi-Glocke von Rilchingen-Hanweiler schweigt jetzt
Nazi-Glocke in Erlöserkirche schweigt

In Hanweiler hat die evangelische Kirchengemeinde Obere Saar die Hakenkreuze an der Glocke der Erlöserkirche gestern mit schwarzem Klebeband abgedeckt.
In Hanweiler hat die evangelische Kirchengemeinde Obere Saar die Hakenkreuze an der Glocke der Erlöserkirche gestern mit schwarzem Klebeband abgedeckt. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken/Rilchingen-Hanweiler. 72 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur wollen die Protestanten an der Oberen Saar ihre Hakenkreuz-Glocke nicht mehr läuten. Von Dietmar Klostermann

Auch im Saarland hängt noch eine Kirchenglocke, die mit Hakenkreuzen und Nazi-Sprüchen versehen ist. Nach den politischen Wirrungen um die „Hitler-Glocke“ im pfälzischen Herxheim haben die Protestanten in der evengelischen Kirchengemeinde Obere Saar beschlossen, die mit vier Hakenkreuzen „geschmückte“ Glocke in der Erlöserkirche in Rilchingen-Hanweiler nicht mehr zu läuten. „Die Hakenkreuze werden abgedeckt. Das Läuten der Glocke wird ab sofort eingestellt“, sagte das Presbyteriumsmitglied Martin Kunz gestern der SZ. Der evangelische Superintendent des Kirchenkreises Saar-West, Christian Weyer, erklärte, dass es schon länger bekannt gewesen sei, dass es diese Glocke mit den Hakenkreuzen dort gebe. „Wir waren davon ausgegangen, dass es ein historisches Dokument ist“, sagte Weyer. Aber die Erfahrungen mit der Hitler gewidmeten Glocke in der evangelischen Kirche in Herx­heim hätten gezeigt, „dass wir umdenken müssen“. Natürlich habe sich nach 1945 niemand in der Gemeinde mit der Glocke identifiziert. „Die Glocke gehört zu unserer Geschichte“, so Weyer.


Nach Angaben des Presbyters Kunz ist die Glocke im Oktober 1933 in der damals neu vom Saarbrücker Architekten Rudolf Krüger erbauten Erlöserkirche aufgehängt worden. Anfangs waren sogar fünf Hakenkreuze in die Glocke eingeprägt, eines sei nach 1945 entfernt worden. Neben den Hakenkreuzen prangt der Satz „Gott war in Gnaden, daß bald tue kund die Rückkehr zu Deutschland dein eherner Mund 1933“. Das Saarland war von 1919 bis 1935 unter der Verwaltung des Völkerbunds, der Vorläuferorganisation der Uno in Genf. Am 13. Januar 1935 stimmten mehr als 90 Prozent der Saarländer für den Anschluss an Hitler-Deutschland, tausende Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten und Zentrumsangehörige mussten danach vor dem NS-Terror fliehen. Die Inschrift von 1933 beziehe sich auf die Abstimmung 1935, teilte das Presbyterium mit.

Nach Angaben des Heimathistorikers und Studiendirektors Franz-Ludwig Strauss war damals Pfarrer Ernst Rieth Chef des Presbyteriums. Ob Rieth selbst der NSDAP angehörte oder den NS-treuen „Deutschen Christen“ sei bisher nicht bekannt, sagten Strauss und Kunz. „Eine Glocke, die Hakenkreuze trägt, sollte nicht länger zum Gottesdienst rufen und die Zeit ansagen“, betonte Superintendent Weyer. In einer Zeit, in der der Nationalsozialismus immer wieder verharmlost werde, sei das Abhängen der Glocke ein deutliches und wichtiges Zeichen der Protestanten, dass sie sich gegen diese Tendenzen zur Wehr setzten. Weyer unterrichtete den parteilosen Bürgermeister Stephan Strichertz von Kleinblittersdorf, wozu Rilchingen-Hanweiler gehört, in einem Brief über den Umgang mit der Nazi-Glocke.



Die Glocke soll nun in ein paar Wochen von einem Fachunternehmen abgehängt werden, sagte Weyer. Presbyter Kunz sagte, das Gremium denke derzeit über die Zukunft der Glocke nach. „Eine Idee ist es, die Glocke dem Historischen Museum am Saarbrücker Schloss zu geben“, sagte Kunz. Die „Glocken-Geschichte“ werde auch Thema der Gemeindeversammlung am ersten Advent werden. Die Gemeinde müsse sich intensiv mit der eigenen Geschichte beschäftigen. „Nur die Glocke abzuhängen, ist ein bisschen wenig“, betonte Kunz.

In Herxheim gehört die Glocke mit dem Hitler-Spruch der Orts-Kommune, die ein Gutachten dazu in Auftrag gab. Der Ortsbürgermeister von Herxheim hatte nach relativierenden Äußerungen zum Nationalsozialismus seinen Hut nehmen müssen. Der Heimathistoriker Strauss sagte der SZ: „Ich finde es ein wenig schade, dass die Glocke abgehängt wird. Nach dem Krieg hat sich niemand im Presbyterium daran gestört.“ Man solle „die Kirche im Dorf lassen“. Er sei wahrlich kein Rechter, aber man müsse bedenken, dass die Glocke über Jahrzehnte zu Freud’ und Leid geläutet habe. Dennis Lander von der Linksfraktion im Landtag sagte: „Es ist erschreckend, dass über sieben Jahrzehnte hinweg offenbar kaum jemand Anstoß an diesem Symbol des menschenverachtenden Mord-Systems der Nazis mitten im beschaulichen Hanweiler genommen hat.“