1. Saarland

Narben, die nicht verheilen

Narben, die nicht verheilen

St. Wendel. "Ich kannte kein anderes Leben als das im KZ", schilderte die Holocaust-Überlebende Emmie Arbel ihre Kindheitserinnerungen. Vor über 120 Schülern des St. Wendeler Gymnasiums Wendalinum berichtete die 74-Jährige über ihren Leidens- und Lebensweg. Begleitet wurde sie von der Schauspielerin Alice Hoffmann und ihrer Tochter Machal

St. Wendel. "Ich kannte kein anderes Leben als das im KZ", schilderte die Holocaust-Überlebende Emmie Arbel ihre Kindheitserinnerungen. Vor über 120 Schülern des St. Wendeler Gymnasiums Wendalinum berichtete die 74-Jährige über ihren Leidens- und Lebensweg. Begleitet wurde sie von der Schauspielerin Alice Hoffmann und ihrer Tochter Machal. Hoffmann übersetzte für Arbel, die auf Holländisch sprach. Zwei Wochen werden sie Schulen im Saarland und in Rheinland-Pfalz besuchen, um Vorträge zu halten.Arbel kam 1938 im niederländischen Den Haag auf die Welt. Zwei Jahre später wurde ihre Heimat von der Wehrmacht erobert. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden die Juden gesellschaftlich isoliert und wirtschaftlich entrechtet. Wie die Familie Arbel. "Mit vier Jahren spürte ich, dass etwas Schlimmes vorgeht", sagte Arbel. 1942 drangen Polizisten in die Wohnung der Arbels ein, befahlen, in einer halben Stunde zu packen. Die Vierjährige konnte dies nicht verstehen.

Die Arbels kamen in das holländische Durchgangslager Westerborg - ein Lager, von wo aus Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Arbel: "Wir trafen meine Großeltern. Eines Tages wurden sie nach Auschwitz gebracht. Nach einem Jahr wurde mein Vater nach Buchenwald deportiert. Ich habe ihn nie wieder gesehen."

Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Menachem Kallus musste Arbel wenig später in einen Zug einsteigen. Vier Tage waren sie unterwegs, zusammengepfercht mit anderen, ohne Fenster, ohne Wasser. Ziel: das Konzentrationslager Ravensbrück. "Dort waren alle Frauen kahl und trugen die gleiche Sträflingskleidung. Wir mussten uns in Reihen aufstellen. Bis heute kann ich mich nicht in Menschenschlangen anstellen, auch nicht im Supermarkt", berichtete Arbel. Bei kargen Lebensmittelportionen versuchte sie, am Leben zu bleiben: "Ich habe nicht geweint, denn wer weinte, der war schwach. Und wer schwach war, überlebte nicht." Auch als Erwachsene konnte sie viele Jahre nicht weinen.

Ende 1944 wurde sie ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Kurz vor der Befreiung des Lagers durch britische Soldaten im Frühjahr 1945 starb ihre Mutter.

Die Waise wurde mit anderen jungen Überlebenden nach Schweden gebracht. Dort sollten die Kinder wieder zu Kräften kommen. Nach einem halben Jahr meldete sich das Internationale Rote Kreuz: Ihr Bruder lebte noch. Anfangs sollten sie bei Verwandten untergebracht werden, doch diese hatten selbst Kinder und keinen Platz. Arbel: "Ein Ehepaar aus den Niederlanden hat uns aufgenommen. Der Mann überlebte Auschwitz, die Frau versteckte sich während des gesamten Krieges mit ihren drei Kindern." Das Paar nahm 15 Kinder auf, die nicht Opfer des Holocausts wurden. Arbel war anfangs krank, erst mit neun Jahren konnte sie das erste Mal in ihrem Leben eine Schule besuchen. Nach über einem Jahr beschlossen ihre Pflegeeltern, nach Israel auszuwandern. Sie zogen in einen Kibbuz, eine Kollektivsiedlung, in der die Gemeinschaft basisdemokratisch bestimmte. Arbel: "Ich konnte mich nicht unterordnen, wollte nicht die Schule besuchen." Mit 18 verließ sie die Siedlung, musste zum Militär, fand dann Arbeit und heiratete.

Die Narben der Vergangenheit können nicht verheilen. In einer Therapie lernte sie, mit ihren Erinnerungen umzugehen. Sie fand die Kraft, das Werk ihres Bruders, der Vorträge zu seiner Zeit im KZ hielt und nun krank ist, weiterzuführen. Sie wolle vor allem die jungen Deutschen erreichen. Mit ruhiger Stimme sagte sie ihren Zuhörern: "Ihr seit bald alt genug, um zu wählen, Eure Regierung zu bestimmen. Lasst nicht zu, dass sich so etwas wiederholt."