Nach Vorwurf von Fehldiagnosen: Vorläufiges Berufsverbot für Pathologen

Kostenpflichtiger Inhalt: Aufsichtsbehörde greift gegen Arzt durch : Vorläufiges Berufsverbot wegen Fehldiagnosen

Chefärztin vom Winterberg schlägt Alarm: Staatsanwalt ermittelt gegen niedergelassenen Pathologen. Viele Patienten betroffen.

Die alarmierenden Ergebnisse, die Rosemarie Weimann, Chefärztin der Pathologie am Klinikum Saarbrücken (Winterberg), ihren Kollegen, Anwälten und Vertretern der Aufsichtsbehörden im Gesundheitswesen präsentierte, sorgten für Krisenstimmung. Schnelles Handeln war im Interesse von Patienten angesagt. Deshalb kam es am Freitag noch zu Hausdurchsuchungen und zur Anordnung eines vorläufigen Berufsverbotes für einen niedergelassenen Pathologen (60).

Die Fachärztin mit Zivilcourage, die teilweise auch selbstständig in einem eigenen Institut arbeitet, hatte in den letzten Monaten Diagnosen zu Gewebeproben eines im Saarpfalz-Kreis niedergelassenen Pathologen exakt unter die Lupe genommen. Und sie kam in mehr als 20 Fällen zu dem schlimmen Verdacht, dass es sich hier um fatale Fehldiagnosen, falsche Befunde handeln müsste. Meist sollen es falsche Krebsdiagnosen gewesen sein, auf deren Grundlage Patienten operiert wurden. So wurde nach SZ-Informationen etwa einem Mann die Prostata entfernt. Bei einer Gewebeuntersuchung nach der OP soll sich herausgestellt haben, dass dessen Vorsteherdrüse gesund war.

Zum Hintergrund: Niedergelassene Fachmediziner, etwa Gastroenterologen, Urologen oder Gynäkologen, schicken Gewebeproben, die sie ihren Patienten – beispielsweise bei Darmspiegelungen – entnommen haben zur Befundung an einen Pathologen. Je nach dessen Diagnose kommt es dann in einer Klinik zu einer Operation. Das bei dem Eingriff entfernte Gewebematerial wird später erneut im Auftrag der Klinik untersucht. In der Regel von einem anderen Pathologen. Und hier kam es offenbar zu erheblichen Widersprüchen bei den Befunden vor und nach der OP. Im Klartext: Es kam zu Krebsoperationen, wobei die anfängliche Krebsdiagnose falsch gewesen sein soll.

Das Saarbrücker Klinikum unterstützt nach eigenen Angaben in einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung seine Chefärztin in deren „Vorhaben, den verdachtsbegründeten Sachverhalt anzuzeigen“. Über einen Fachanwalt für Strafrecht wurde deshalb Strafanzeige erstattet.

So kam es Anfang letzter Woche zu einer Krisensitzung mit Vertretern von Ärztekammer, Kassenärztlicher Vereinigung, Klinikleitung und der Approbationsbehörde beim Landesamt für Soziales, das dem Gesundheitsministerium unterstellt ist. Bei dieser Gelegenheit wurde, so SZ-Informationen, auch darauf hingewiesen, dass neben dem Saarbrücker Klinikum noch in weiteren Krankenhäusern, etwa in Sulzbach, Püttlingen und St. Wendel, Patienten nach Befunden des niedergelassenen Pathologen operiert wurden.

Die betroffenen Patienten des Saarbrücker Klinikums wurden zwischenzeitlich nach Angaben von Sprecherin Kristin Schäfer von ihren behandelnden Ärzten informiert. Sarah Joseph vom Gesundheitsministerium teilte am Wochenende auf SZ-Anfrage mit, weder dem Ministerium noch dem Landesamt seien Namen der Patienten oder Behandlungslisten bekannt. Das Ministerium habe die zuständige Ärztekammer aufgefordert Stellung zu nehmen, ob gegen den Mediziner in der Vergangenheit strafrechtliche Verfahren eingeleitet waren. Zudem soll die Kammer darauf hinwirken, dass der Arzt die Daten seiner Patienten offenbart, damit diese über mögliche „Qualitätsmängel“ informiert werden können. Diese Unterlagen hat zwischenzeitlich die Staatsanwaltschaft beschlagnahmen lassen.

Ärztekammer-Präsident Josef Mischo kündigte gegenüber unserer Zeitung „interne Ermittlungen“ an. „Wir wissen im Moment noch viel zu wenig“, sagte er. Zu den mehr als 20 möglichen Fehldiagnosen meinte der Kammerchef: „Das gibt Anlass zur Sorge.“

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