Zukunft aller Standorte ungewiss: Millionenverluste für evangelische Kliniken

Zukunft aller Standorte ungewiss : Millionenverluste für evangelische Kliniken

Stiftung Kreuznacher Diakonie schließt betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Bis Jahresende soll Entscheidung über Neubau in Neunkirchen fallen.

Auf die Einrichtungen der Stiftung Kreuznacher Diakonie im Saarland und in Rheinland-Pfalz, darunter Krankenhäuser, Hospize und Seniorenheime sowie die Kinder- und Familienhilfe, kommen tiefe Einschnitte zu. Das hat der Vorstand der Stiftung gestern angekündigt. Dazu, ob Krankenhäuser oder Heime ganz aufgegeben werden, wollte sich der Vorstand gestern nicht äußern. Angesprochen auf die sechs Krankenhäuser, darunter drei im Saarland (Evangelisches Stadtkrankenhaus Saarbrücken, Fliednerkrankenhaus Neunkirchen, Diakonie Krankenhaus Neunkirchen), sagte Finanzvorstand Frank Rippel: „Eine Bestandsgarantie kann ich für keinen Standort aussprechen.“ Für den Prozess der „substanziellen Neuordnung“, so nennt es die Stiftung, könne er betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen.

Hintergrund für die geplanten Einschnitte ist die schwierige wirtschaftliche Situation der Kreuznacher Diakonie mit ihren rund 6800 Mitarbeitern. Im Saarland beschäftigt sie 1500 Mitarbeiter in drei Kliniken und fünf Seniorenheimen. Erwirtschaftete die Stiftung im Jahr 2017 noch ein Plus von rund sieben Millionen Euro, fuhr sie im Vorjahr ein Defizit von 10,2 Millionen Euro ein. Der Gesamtumsatz liegt bei mehr als 400 Millionen Euro. „Die Dimension ist erschütternd. Da ist gewaltig etwas schief gelaufen“, sagte Rippel. 2018 habe die Stiftung steigende Einnahmen von 300 000 Euro verbucht, jedoch gestiegene Kosten in Höhe von 16,3 Millionen Euro schultern müssen. Auch der Trend für 2019 zeige deutlich rote Zahlen. Die Situation sei aber für die Kreuznacher Diakonie nicht existenzbedrohend. „Wir sind zuversichtlich, dass wir das Problem in den Griff kriegen, aber ein ,Weiter so‘ wird es nicht geben“, stellte der Finanzvorstand klar. Alle Dienstleistungen in der Krankenversorgung wie in den sozialen Geschäftsfeldern müssten sich künftig in der Gesamtheit eines Verantwortungsbereichs rechnen. „Leistungen für die wir keine kostendeckenden Erlöse erhalten, können wir nicht mehr anbieten“, sagte Rippel. Konkrete Bereiche oder Abteilungen nannte er nicht. Ausgenommen seien Bereiche wie etwa die Palliativmedizin, die zwar nicht wirtschaftlich sei, aber ein zentraler diakonischer Gedanke sei, sagte Dennis Göbel, als Vorstand zuständig für die Bereiche Krankenhäuser und Hospize.

Alle sechs Krankenhäuser hätten 2018 zusammen ein Defizit von 15,6 Millionen Euro eingefahren, die Planungen seien jedoch nur von einem Minus von 2,3 Millionen ausgegangen, erläuterte Göbel. Alle Häuser seien – nehme man die jüngste Bertelsmann-Studie als Grundlage – nicht „bedarfsnotwendig“.

Bundesweit sei eine ernste finanzielle Lage der Krankenhäuser zu beobachten. „Insbesondere kleinere Häuser haben es immer schwerer, die steigenden Kosten mit den Erlösen aus der Krankenversorgung zu decken. Bund und Länder hielten sich bei der Förderung von Investitionen zurück, erhöhten aber gleichzeitig die Anforderungen an die Versorgungsqualität“, sagte Göbel.

Auch in der Behinderten- und Sozialarbeit rechnet die Kreuznacher Diakonie für 2019 erstmals mit Verlusten. Von sozialen Arbeitsfeldern, für die es keine auskömmliche Refinanzierung durch Bundesländer und Kommunen gebe, werde sich die Stiftung trennen, kündigte Vorstandsmitglied Sven Lange an.

Doch neben den äußeren Rahmenbedingen habe die Stiftung in den vergangenen Jahren auch interne Fehlentscheidungen getroffen. So habe man an einigen Stellen versäumt, neue Wege zu gehen und an den richtigen Stellen in Geräte und Räume zu investieren. Hinzu kämen zahlreiche kleinere, standortspezifische Probleme.

Der Vorstand werde im August bei einer Klausurtagung ein Maßnahmenpaket als Konsequenz aus dem Millionendefizit erarbeiten. Gegen Jahresende werde er dem Kuratorium eine Strategie vorlegen, wie Kosten und Erlöse wieder in Balance kommen sollen. Dabei müsse das Leistungsspektrum analysiert werden und geschaut werden, an welchen Stellen man sich breiter aufstelle. Die Stiftung verfüge über finanzielle Reserven und sei in der Lage zu investieren, betonte Rippel: „Wir wollen investieren und werden das auch tun, ungeachtet des unbefriedigenden Jahresergebnisses. Aber nicht nach dem Gießkannenprinzip. Vielmehr werden wir Prioritäten und Stärken ausbauen.“ So solle perspektivisch wieder Rendite erwirtschaftet werden. „Es muss bei uns mehr unternehmerisches Denken rein. Wir sind gesund, wir wollen wachsen“, sagte Rippel. So investiere man in Gebäude und Geräte, stelle neue Chefärzte an, um dort das Behandlungsspektrum auszubauen, wo es sich rechne.

Zur Zukunft des Diakonie-Krankenhauses in Neunkirchen sagte Rippel: „Das Gebäude ist, wenn man es nett beschreibt, völlig abgängig. Man kommt aus unserer Sicht gar nicht um einen Neubau umhin.“ Die Stadt habe ihnen dafür auch bereits ein „schönes, großes Grundstück auf der grünen Wiese“ reserviert. Offen sei jedoch die Frage der Finanzierung. Investitionskosten seien Ländersache. Bis Jahresende müsse eine Entscheidung her.

Von der Politik im Saarland und in Rheinland-Pfalz wünsche man sich mehr Unterstützung: „Ministerien schließen keine Standorte, das möchte man auch nicht politisch verantworten“, sagte Göbel. „Man möchte, dass die Träger Standorte schließen.“

Zur Neuordnung gehöre auch die zum Jahresbeginn installierte neue interne Struktur der Stiftung. Der Vorstand – bisher waren dies Rippel und der theologische Vorstand Pfarrer Christian Schucht – seien um den Vorstand für Krankenhäuser und Hospize und den Vorstand für die sozialen Geschäftsfelder, erweitert worden. Zentrale Aufgaben würden im zum Jahresbeginn gegründeten Service Center gebündelt, das für effizientere Verwaltungsstrukturen sorgen soll.

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