Meue Kirchenfenster für die Abtei in Tholey

Künstlerin Mahbuba Maqsoodi : Muslima gestaltet Kirchenfenster für Tholey

In der St. Arnualer Glasmalerei Frese entstehen 14 Fenster für die Tholeyer Abtei. Gestern war die muslimische Künstlerin Mahbuba Elham Maqsoodi vor Ort.

Von jetzt an nur noch positive Nachrichten? Tatsächlich hätte man ob des Denkmal-Streits um das Tholeyer Kirchenportal (die SZ berichtete) um ein Haar all das Schöne vergessen, was die Rundum-Sanierung der Tholeyer Abteikirche St. Mauritius unzweifelhaft bringen wird: ein neues, intensiviertes Farbenspiel im Kirchenraum. Nicht nur die drei Apsis-Fenster des weltbekannten Künstlers Gerhard Richter werden dies leisten, sondern 34 weitere neu konzipierte Bleiglas-Fenster. Sie stammen von der mit religiöser Glaskunst bestens vertrauten Mahbuba Maqsoodi, einer Münchner Künstlerin mit afghanischen Wurzeln, einer Muslima. Deren figürlicher Stil und multikultureller Vermittlungs-Anspruch trifft den Nerv der Tholeyer Bruderschaft offenbar genau. Seit gestern weiß man, welche Motive und Farbkompositionen die Richter-Fenster begleiten werden, zumindest hoch oben im Kirchenschiff. Um zu ermessen, wie sie dort wirken werden, ist ein Fernglas vonnöten.

 Die Entwürfe Maqsoodis für die 14 sogenannten Obergaden-Fenster wurden Journalisten an dem Ort vorgestellt, an dem sie zu Glas-Kunstwerken wachsen: in der St. Arnualer Glasmalerei Frese, die es schon seit 110 Jahren gibt. Mittlerweile wird die Firma in zweiter Generation von der Familie Thomas geleitet. In deren Werkstatt erfuhr man nicht nur, dass ein Kirchenfenster-Großauftrag diesen Umfangs derzeit europaweit einmalig ist, sondern konnte unmittelbar erleben, was es heißt, nicht nur mit Farben, sondern mit Licht zu malen. Denn aufgebaut war eines der Fenster - die Abbildung der Evangelisten Lukas und Johannes. Es steht kurz vor dem letzten Arbeitsgang, wurde in den vergangenen beiden Tagen von Maqsoodi in der Frese-Werkstatt im Detail noch einmal übermalt. Maqsoodi wendet ein eigenes, innovatives  Antikglas-Verfahren an, das die Geschäftsführerin der Firma Frese, Nina Thomas, als „sensationell“ ansieht – und als Herausforderung. So soll bei Maqsoodi das Blei, das Konturen schafft, nicht etwa als starre Linie wahrnehmbar sein, sondern fließen, um Kraft und Energie nicht ein zu zäunen. Die Firma Frese teilt sich den Gesamtauftrag mit der Münchner Traditionsfirma Gustav van Treeck, die die 20 Fenster der Seitenschiffe fertigt, die eine gänzlich andere Farbigkeit erhalten.

Die Begeisterung von Nina Thomas wurde nachvollziehbar. Denn das Maqsoodi-Fenster explodierte nahezu in Blutrot und Königsblau, begleitet von einem sparsamer gesetzten Honigsonnengelb. Dieser Dreiklang zieht sich ebenso durch alle 14 Fenster wie die Paarbildung, oft eine Mann-Frau-Kombination. Wie enorm wichtig die Tholeyer Mönche die Integration des weiblichen Elementes in die Darstellung ist, erläuterte Frater Wendelinus. In der Bibel würden beide Geschlechter als gleichrangig geschildert, die Geschichte habe dies überschrieben, habe die Frauen oft unsichtbar gemacht. In Tholey wolle man die ursprüngliche Botschaft wieder frei legen, durch nachvollziehbare Darstellungen. Diese treten an die Stelle vormals abstrakter Kompositionen, die in den 60er Jahren vom Tholeyer Mönch Bonifatius Robert Köck im Stil seiner Zeit gefertigt wurden. Ein Rückschritt? Ein Stilbruch?

Abtei-Vertreter Wendelinus nutzte die Gelegenheit der Fenster-Präsentation, um das  grundsätzliche Renovierungs-Ziel zu schildern, das auch zum Denkmalstreit geführt hat: Menschen sollen die christliche Botschaft ohne intellektuelle Hürde verstehen. Sein Beispiel unter anderem: Maqsoodis Interpretation des Satansturzes durch den Erzengel Michael, der nun nicht mehr als eine Art Drachentöter-Held daher komme, sondern mit Redner-Gestus agiere. „Es geht um universale Themen. Wenn wir der Kraft unseres Glaubens vertrauen, müssen wir auch darauf vertrauen, dass wir damit nicht nur Menschen christlichen Glaubens erreichen.“ Maqsoodi bekräftigte diese Sichtweise. Ihr sei der Bezug zur heutigen Zeit immens wichtig, „dass ich Menschen erreichen kann“. Sie wolle Kunst „aus dem Herzen Europas“ schaffen und „Brücken aus Glas bauen“. Im Oktober sollen die ersten sieben Obergaden-Fenster in die Abtei eingebaut werden.

Einer der 14 Entwürfe für die Obergadenfenster.  Foto: Mahbuba Maqsoodi. Foto: Mahbuba E. Maqsoodi

Die Künstlerin, die in Russland Kunst studierte, fühlt sich drei Kulturen besonders verbunden: der afghanischen, der russischen und der deutschen. Von ihrer Großmutter habe sie erstmals von Jesus und den Propheten gehört, mit der abendländischen biblischen Ikonografie sei sie über Jahrzehnte bestens vertraut. Mitunter liest Maqsoodi aber auch heute  noch Bibelstellen nach. Denn die Tholeyer Fratres geben der Künstlerin die Themen für jedes einzelne Fenster vor, etwa „Jesaja und Jakob“, „Adam und Eva“ oder „Martha und Maria“. Maqsoodi setzt sie, wie sie sagt, gänzlich frei um. Mit Richter, der in Tholey abstrakt arbeitet,  fühlt sich Maqsoodi keineswegs in Konkurrenz, fürchtet keinen Vergleich. „Ich denke nicht darüber nach, dass ich im Schatten bleibe“, sagt sie. Jeder Künstler, jede Person, haben nun mal seinen eigenen Platz im Leben wie in der Kunst.

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