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"Messfehler" zulasten der Linken?

"Messfehler" zulasten der Linken?

Saarbrücken. Die Meinungsforscher haben sich bei der Landtagswahl 2009 nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Noch Tage vor der Abstimmung sahen sie die Linke bei 15 bis 16 Prozent; am Ende wurden es 21,3 Prozent

Saarbrücken. Die Meinungsforscher haben sich bei der Landtagswahl 2009 nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Noch Tage vor der Abstimmung sahen sie die Linke bei 15 bis 16 Prozent; am Ende wurden es 21,3 Prozent. In diesen Tagen weist Linken-Chef Rolf Linsler deshalb gerne darauf hin, dass seine Partei "immer sechs Prozent niedriger eingeschätzt wird", als sie dann bei der Wahl abschneide. "Man kann also von einem systematischen Messfehler sprechen."Träfe Linslers Theorie zu, wäre die Linke bei aktuellen Werten von 15 Prozent bei ihrem Ergebnis von 2009 angelangt. Die Diskrepanz von Umfrage- und Wahlergebnis erklärt die Linke auch damit, dass viele ihrer Wähler kein Geld für einen Festnetzanschluss hätten und daher bei Umfragen auch nicht ausgewählt werden könnten.

Führende Meinungsforscher halten diese Erklärung nicht für stichhaltig. "Das ist ein wohlfeiles politisches Argument, für das es kaum empirische Anhaltspunkte gibt", sagt Jürgen Hofrichter, der bei Infratest-Dimap den Bereich Wahlforschung leitet, der SZ. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hätten bundesweit etwa acht Prozent der Haushalte und damit etwa sechs Prozent der Wahlberechtigten keinen Festnetzanschluss. Er bezweifle, dass dies eine Größenordnung sei, die sich "deutlich in Prozentpunkten für eine Partei niederschlägt". Bei den sieben Landtagswahlen im Jahr 2011 habe der Vergleich zwischen Umfrage und Wahlergebnis gezeigt, "dass es keine systematischen Unterschätzungen der Linken gibt".

Der Chef der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, gibt zu bedenken, dass unter jenen, die keinen Festnetzanschluss haben, auch Wähler seien, die mit der Linken gar nichts am Hut hätten - etwa Spitzenverdiener, die beruflich viel unterwegs seien. Mit der Frage, wie Menschen, die nur per Handy telefonieren, bei Umfragen berücksichtigt werden können, beschäftigen sich die Institute schon länger. Das Problem ist, dass Handy-Nummern, anders als Festnetznummern mittels Vorwahl, keinem Ort zugeordnet werden können. Gerade viele junge Menschen nutzen kein Festnetz mehr. "Am ehesten könnten sich damit noch die Piraten herausreden", sagt Jung deshalb über das Argument der Linken.

Warum die Meinungsforscher vor der Wahl 2009 beim Linken-Ergebnis so gründlich daneben lagen, dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Hofrichter bestreitet, dass es einen Messfehler gab. Die letzte Umfrage zehn Tage vor der Wahl habe damals die Stimmungslage zu diesem Zeitpunkt wiedergegeben. Ungefähr jeder zweite Wähler habe sich den Erhebungen zufolge aber erst sehr kurzfristig entschieden. Und der charismatische Oskar Lafontaine habe "in der Endphase des Wahlkampfes noch einiges bewirkt".

Jung räumt hingegen einen Messfehler ein und erklärt ihn damit, dass die "Dunkelziffer" von Linken-Wählern im Saarland besonders hoch sei. 2009 hätten viele Wähler, die aufgrund ihrer politischen Sozialisation eigentlich eine Distanz zu dieser Partei hätten, erstmals für die Lafontaine-Partei gestimmt, bei Umfragen ihre Wahlabsicht aber verborgen. "Die Erfahrungswerte aus anderen Ländern, um diese Schweigedimension zu korrigieren, haben im Saarland deshalb nicht gepasst", sagt Jung. "Wir haben aus diesem einmaligen Fehler Konsequenzen gezogen." Faktoren, die die Linke begünstigen, würden vor der anstehenden Landtagswahl deshalb stärker berücksichtigt. Dass sein Institut diesmal wieder so daneben liegen könnte wie 2009, hält Jung deshalb für unwahrscheinlich. Ansehen und Mobilisierung der Linken seien "wesentlich niedriger" als 2009. kir

Foto: Infratest-Dimap

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