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Zeitzeugen berichten vom Holocaust
„Ich werde heute eine traurige Geschichte erzählen, damit sie sich nicht wiederholt.“

Zeitzeugen aus der Ukraine haben vor Schülern über ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg gesprochen.
Zeitzeugen aus der Ukraine haben vor Schülern über ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg gesprochen. FOTO: Nina Drokur
Merzig. Im Rahmen des Projekts „Fragt uns! Wir sind die letzten ...“ berichteten ukrainische Zeitzeugen Schulklassen von ihren Kriegserlebnissen.

„Die deutschen Soldaten waren nett zu uns. Sie gaben uns Süßigkeiten“, erzählt Oleksandr Zhornytskyi zu Beginn seiner Schilderungen. „Damals habe ich zum ersten Mal Margarine probiert. Das gab es in der Ukraine noch nicht.“ Nur wenige Minuten später wird er sagen: „Wir wussten nicht mehr, was das Wort ‚Brot‘ bedeutet.“


„Fragt uns! Wir sind die letzten …“, heißt das Kooperationsprojekt der Katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Saarlouis und des Maximilian-Kolbe-Werkes in Freiburg. Dafür sind sechs Zeitzeugen, Überlebende des Holocausts, aus der
Ukraine nach Deutschland gekommen, um, wie Zhornytskyi sagt, eine traurige Geschichte zu erzählen, damit sie sich nicht wiederholt.

Im Stefansberg-Gymnasium in Merzig hören dieser traurigen Geschichte zwei Schulklassen der Jahrgangsstufe 10 zu. Olena Noha, Caritas Mitarbeiterin in der Ukraine und Begleiterin der Gruppe, übersetzt. Einen Saal weiter sitzen weitere zwei Klassen, die ähnliche Geschichten von den anderen Zeitzeugen hören. Es ist ungewöhnlich still für einen voll besetzten Klassenraum. Niemand tippt auf seinem Handy, es wird noch nicht mal auf dem Block gekritzelt. Alle Aufmerksamkeit gehört dem 84-Jährigen, der, mit einem grauen Pulli gekleidet, sehr ruhig und sachlich zu den Schülern spricht. 1941, erzählt er, sein Vater war längst im Krieg, sollte ein Sondereinsatzkommando kommen. Zunächst dachten noch alle, sie kommen wieder, um Frauen für die Zwangsarbeit abzuholen. Aber seine Schwester ahnte es schon, sagt Zhornytskyi. „Diesmal ist es anders. Sie sollen alle mitnehmen. Alle Juden.“ Die Familie versteckte sich im Keller. Die Soldaten des Sondereinsatzkommandos brachten die Juden in den Wald. Dort, so erzählt Zhornytskyi, war schon ein großer Graben vorbereitet. „Sie mussten sich davor aufstellen. Sich völlig nackt ausziehen. Die Soldaten haben die Kleidung in gute und schlechte aufgeteilt.“ Der Schmuck kam in eine Extra-Kiste. 24 Männer aus dem Dorf mussten sich das Ganze als Zeugen ansehen. Darunter auch der Onkel des damals siebenjährigen Oleksandr Zhornytskyi. Dann schossen die Soldaten. Die Toten fielen in den Graben. Wer nicht sofort tot war, fiel auch. „Drei Tage später hat man im Wald noch Geräusche aus dem Graben gehört. Weinen und Schreie.“ In Merzig scheint die Sonne am wolkenlosen Himmel. Dieser Spätsommertag ist mit der Geschichte, die im Klassensaal erzählt wird, nicht vereinbar.



„80 Jahre sind vergangen“, sagt Volodymyr Alshteter. Er ist der Jüngste der Zeitzeugen, die an diesem Tag zu Besuch am Gymnasium am Stefansberg sind. „In der Nacht sehe ich noch einige Episoden. Gesichter, von meinen Verwandten, die sterben.“ Er kenne seinen genauen Geburtstag nicht, auch nicht seinen Geburtsort. „Selbst meinen echten Namen kenne ich nicht. Was ich ihnen erzähle, lesen sie in keinem Buch.“ Im Raum scheint es noch leiser geworden zu sein. „Es war sehr kalt. Die Menschen litten Hunger“, erzählt er – manchmal etwas zu schnell für Übersetzerin Olena Noha. Die Soldaten versammelten alle Juden auf einem Platz. Sie sollten nach Brody gehen, einer Kleinstadt ganz im Westen der Ukraine. Rechts und links Polizisten. Vorne und hinten deutsche Soldaten. Wer hinfiel, weil er krank oder alt war, „den haben die Soldaten mit ihren Waffen geprügelt, bis er tot war und dann einfach auf Seite geworfen.“ In Brody war ein Getto errichtet, einige Häuser im Stadtzentrum, mit Stacheldraht umzäunt. Dort lebten sie. „Einige Menschen nahmen die Soldaten mit. Sie kamen nie mehr zurück.“ Bis 1943, das ist heute bekannt, wurden fast alle 9000 Einwohner des Gettos getötet.

Volodymyr Alshteters Mutter wollte es wagen, das Getto zu verlassen. Zu Verwandten im benachbarten Dorf wollte sie. Mutter und Schwester gingen vor. Volodymyr Alshteter und sein kleiner Bruder sollten einige 100 Meter hinter ihnen gehen. Die Mutter gab ihm Anweisung: „Sollte die Polizei uns sehen, wenn sie mit mir reden, dann musst du so tun, als würdest du mich nicht kennen. Geh einfach weiter“, sagte sie zu ihm. Die Vier waren schon fast am Stadtrand, da wurde die Mutter von der Polizei bemerkt. Volodymyr Alshteter dachte daran, was seine Mutter gesagt hatte – und er ging weiter. „Seitdem habe ich meine Mutter und meine Schwester nicht mehr gesehen.“ Der Übersetzerin versagt die Stimme, sie wischt sich eine Träne aus den Augen. Auch Schüler kämpfen mit der Fassung. Eine Schülerin bricht in Tränen aus. „Ich konnte mir das im Kopf richtig vorstellen“, sagt Enza-Theresa Acar. „Mir ist klar geworden, was Mama sagt, sollte man befolgen. Sie meint es gut.“

Geschichtslehrerin Janine Schneider hat den Zweiten Weltkrieg mit ihren Schülern im Unterricht besprochen. „Der Geschichtsunterricht ist sachlich. Wir erschließen die Zeit vernünftig, verschaffen einen Überblick. Unsere Schüler kennen die Begriffe: Sondereinsatzkommando oder SS. Aber sie kennen keine Einzelschicksale“, sagt die Lehrerin. „Hier bekommen sie die Perspektive jenseits der Theorie. Mit den Zeitzeugen haben sie die Möglichkeit, die emotionale Perspektive kennenzulernen.“ Die meisten sind zwischen 14 und 16 Jahre alt. Selbst die Großeltern der Schüler im Klassenzimmer haben erst die Nachkriegszeit erlebt.

Volodymyr Alshteter erzählt weiter: Sein Bruder und er lebten im Wald mit einigen sowjetischen Soldaten in der Nähe eines kleinen Dorfes. Abwechselnd gingen entweder er oder sein Bruder dorthin, um zu betteln. Bis sein Bruder eines Tages nicht mehr wiederkam. Auch ihn hat er nie wieder gesehen. Danach hat er ein kleines Mädchen getroffen. Auf dem Weg zum Dorf haben Polizisten sie entdeckt. Die beiden Kinder rannten los. Es war Winter 1941, sehr kalt. Der Fluss war zugefroren und überall lag Schnee. Die Polizisten schossen. „Ich werde nie vergessen, wie das kleine Mädchen an den Fingern getroffen wurde. Sie rannte, und hinter ihr – im Schnee – war Blut. Wir haben einander nie wieder gesehen.“ Es scheint, als sei Volodymyr Alshteter danach für eine lange Zeit nicht mehr stehengeblieben. Die Männer im Wald waren verschwunden, also lief er weiter. Verlor seine Schuhe und lief weiter. Er kam in einen Stall. Im Stroh war es warm. Er verlor das Bewusstsein. Eine alte Frau hat ihn gefunden, ihm geholfen. Lange bleiben konnte er aber nicht. Also rannte er weiter. Schlief in Ställen. „Die Tiere waren meine besten Freunde. Sie hatten immer was zu essen, und es war warm.“ Rund 300 Kilometer legte der damals vielleicht acht oder neun Jahre alte Junge zurück. Ein ganzes Jahr war er unterwegs, bis er an der Front ankam. Die Soldaten nahmen ihn auf. Badeten ihn, gaben ihm Kleidung, die ihm zu groß war. „Soldatensohn“ haben sie ihn genannt.

Volodymyr Alshteter ist heute ein bekannter Konstrukteur. Hat vier eigene Kinder und fünf Enkel. Seine Tochter lebt in Deutschland und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Oleksandr Zhornytskyis Mutter und Schwester haben überlebt. Er hat seine Dissertation geschrieben und ist Tierarzt geworden. „Ich habe keine bösen Gefühle gegenüber den Deutschen. Ich verstehe, dass es heute ein ganz anderes Land, andere Menschen, eine andere Generation ist.“ Das sieht auch Volodymyr Alshteter ähnlich. „Zehn Jahre meine Lebens waren schrecklich, die restlichen 70 waren schön. Ich, meine Familie, meine Kinder, die Ukrainer, wir haben keinen Hass auf das deutsche Volk. Ich bin überzeugt, sowas wiederholt sich nie mehr. Was vor 80 Jahren war, das dürfen die Menschen nicht zulassen!“ Sie wünschen den Schülern viel Erfolg für die Zukunft. Die Schüler danken es ihnen mit Applaus.

Volodymyr Alshteter (vorne, Vierter von links) rannte als zehnjähriger Junge an bis die Front. Die ukrainischen Soldaten nannten ihn „Soldatensohn“. Im Gymnasium am Stefansberg hat er zusammen mit weiteren fünf Zeitzeugen aus der Ukraine seine Geschichte erzählt.
Volodymyr Alshteter (vorne, Vierter von links) rannte als zehnjähriger Junge an bis die Front. Die ukrainischen Soldaten nannten ihn „Soldatensohn“. Im Gymnasium am Stefansberg hat er zusammen mit weiteren fünf Zeitzeugen aus der Ukraine seine Geschichte erzählt. FOTO: Volodymyr Alshteter