Wenn Mirabellen rote Bäckchen kriegen

Wenn Mirabellen rote Bäckchen kriegen

Fremersdorf. Süßlich-schwer steigt der Duft vollreifer Quetschen in die Nase, schlägt man sich durch den Obstbaum-Hain auf der Anhöhe zum Bilsknop. Doch die ins Gras geplumpsten lila Aromabomben bekommen von Alois Konter nur ein "Deren Zeit ist jetzt rum" nachgeworfen. Die "Bühler Frühen" - Zwetschgen allgemein - seien nicht mehr so gefragt, meint der Fremersdorfer

Fremersdorf. Süßlich-schwer steigt der Duft vollreifer Quetschen in die Nase, schlägt man sich durch den Obstbaum-Hain auf der Anhöhe zum Bilsknop. Doch die ins Gras geplumpsten lila Aromabomben bekommen von Alois Konter nur ein "Deren Zeit ist jetzt rum" nachgeworfen. Die "Bühler Frühen" - Zwetschgen allgemein - seien nicht mehr so gefragt, meint der Fremersdorfer. Schon zieht es ihn über den Hang hin zu der Baumreihe, aus der ein fernes "pock, pock" unablässig herüberweht. Dumpf tropfen dort kleinere Früchtchen in Eimer. Gegenüber den Quetschen tragen sie den eleganteren Namen und versprechen Konter den feineren Genuss: Mirabellen. Dutzende Arme zupfen aus Perlenketten gelber Kugeln, die sich dicht an dicht an allen Zweigen schnüren, gezielt die mit einem Hauch Rot. "Nur was rote Bäckchen hat", sagt der 60-Jährige, "nicht wie in Lothringen, wo alles maschinell vom Baum gerüttelt wird". Lothringen, wenige Kilometer entfernt, ist das weltweit größte Anbaugebiet für Mirabellen. Konter, der im orangenen T-Shirt wie der Vorsitzende im Fanclub seiner Früchte wirkt, baut die kleine Schwester der Pflaume nur als Hobby an. Der gelernte Bäcker ist Schleusenwärter in Rehlingen. "Freizeit habe ich keine", räumt er ein, doch ist ihm das Lächeln ins Gesicht gebrannt, schweift sein Blick über das Meer von Obstbäumen: Mirabelle, Zwetschge, Kirsche, Apfel, Quitte, Mispel Die ganze Familie hilft mitKonter hat doppeltes Glück: Seine Verwandten teilen seine Leidenschaft - und die Sippe ist riesig. Erst just an diesem Mittwoch sind die Mirabellen an den 90 Bäumen errötet, drei Tage vor dem Scheunenfest, bei dem Konter traditionell Hunderte von Mirabellenkuchen aus der Hand gerissen werden. Und 70 Mirabellen gehören auf ein Blech, weiß Martina Konter: "Wir backen jedes Jahr mehr Kuchen und doch waren wir letztes Jahr am Samstag um 16.30 Uhr ausverkauft. Aber wir backen abends nach." Rund 20 Nachbarn und Verwandte holen sich beim Pflücken in der sengenden Sonne, die 2009 eine an Geschmack und Menge tolle Ernte verspricht, selbst rote Bäckchen. Um mit anzupacken, reisen auch die Cousins aus Belgien, Eifel und NRW an. Selbst der Ortsvorsteher ist dabei, sind seine und Konters Frau doch Cousinen. Willi Hilt entkernt die grammleichten Mirabellen zentnerweise. Unter den Füßen knirschen Kerne vom Vorjahr. Doch keine Klage trotz der Plage. Konters Begeisterung steckt alle an: "Wenn man das sieht, ist es perfekt, schöner kann es nicht sein." Deshalb zieht er weitere 90 "wilde Mirabellen" auf, die sich in Lothringen ausgesät hatten. "Solche 'kernechten' Setzlinge gibt es nicht zu kaufen", schwärmt er, "deren Früchte sind kleiner, aber süßer und aromatischer". Am Samstag ist Verkauf von Mirabellen als Frucht, Kuchen oder Schnaps ab 14 Uhr; am Sonntag ab 13 Uhr Kaffeetafel mit Mirabellenkuchen, später Viez und Flammkuchen aus dem Steinofen. Von 15.30 bis 18 Uhr singt der Shanty-Chor aus Freudenburg, Konters alter Heimat.

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