„Ich habe kein Feindbild mehr“

Als Jugendlicher verhalf Karl-Heinz Richter 17 Freunden zur Flucht aus der DDR. Dafür kam er sechs Monate ins Gefängnis. Als 1975 endlich sein Ausreiseantrag genehmigt wurde, kehrte er zurück und ermöglichte 21 weiteren Menschen die Flucht. SZ-Redaktionsmitglied Janek Böffel sprach mit dem 68-Jährigen, der am Mittwoch im Weiskircher Parkhotel zu Gast sein wird. Auf Einladung der CDU Weiskirchen spricht Richter dort ab 18.30 Uhr anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls. Am Mittwochvormittag spricht Richter mit Schülern des Hochwald-Gymnasiums über seine Erlebnisse als Häftling und Fluchthelfer in der DDR.

Herr Richter, Sie sind 1946 zur Welt gekommen und in der DDR aufgewachsen. Wie haben Sie die ersten Jahre erlebt?

Karl-Heinz Richter: Ich hatte ein super schönes Elternhaus und hatte eigentlich eine gute Jugend. Meine Eltern haben mir alle Freiheiten eingeräumt. Ich musste nicht in politische Organisationen und habe eigentlich nie Druck bekommen. Bis dann 1961 die Mauer kam. Da war ich 15.

Wie tief war der Einschnitt in ihr Leben, als plötzlich die Mauer gebaut wurde?

Richter: Wir sind ja als Jugendliche in den Westen. Berlin war da ja ein Sonderfall. Wir sind über die Grenze in die Kinos gegangen und haben uns die Filme angeguckt. Was man eben so mag als Jugendlicher. Cowboy und Agentenfilme. Das war schon ein Gefühl der Freiheit.

Das aber jäh beendet wurde.

Richter: All das ging auf einmal nicht mehr. Und habe mir nur gedacht: "Jetzt bin ich eingesperrt."

Wie kam es zur Entscheidung, anderen zur Flucht zu verhelfen?

Richter: Es gab ein erstes Schlüsselerlebnis schon bevor die Mauer gebaut wurde. 1960, als er 17 war, ist mein Bruder in den Westen geflohen. Als dann die Mauer kam, stand für mich fest, dass ich auch fliehen und mit all dem nichts mehr zu tun haben wollte.

Sie waren aber nicht allein?

Richter: Man darf ja nicht vergessen, dass es als Gymnasiast verpflichtend war, in die Freie Deutsche Jugend (Anm. d. Red. Jugendverband in der DDR ) einzutreten. Du konntest nur Abitur machen, wenn du Mitglied warst. Ich war kein Mitglied und durfte deshalb auch kein Abitur machen. Einige meiner Kameraden waren Mitglied geworden, aber als sie ausgetreten sind, sind sie von der Schule geflogen. Die wollten dann auch fliehen.

Den ersten Fluchtversuch haben Sie dann aber abgeblasen.

Richter: Das war die Zeit, als es die ersten Mauertoten gab. Wir sind dann vorsichtig geworden. Kurz vor Weihnachten hatte dann aber ein Freund eine Stelle gefunden, an der wir fliehen konnten. Aber es war eben kurz vor Weihnachten und ich wollte das meinen Eltern nicht antun. Als dann seine Postkarte aus dem Westen kam, habe ich mich natürlich geärgert.

Aber Sie wussten, wo Sie fliehen können.

Richter: Er hatte mir etwas später einen Brief geschickt, in dem stand, wo die Lücke war. Ich habe mir die Stelle dann angeguckt und gewartet. Die Stasi hätte den Brief ja abfangen und von unseren Plänen wissen können. Aber das hatten sie nicht. Und dann hab ich in ein paar Wochen 17 Kumpel rübergeführt.

Nur bei ihnen hat es nicht geklappt.

Richter: Wenn so viele Leute fliehen, bekommt die Stasi natürlich etwas mit. Es hat nur so gewimmelt von Grenzern. Wir sind zwar auf den Zug aufgesprungen, aber ich bin vom Zug gefallen. Ich bin die ganze Strecke zurück über den Todesstreifen, bin dabei sieben Meter runtergesprungen, hab mir etliche Knochen gebrochen und habe mich zu meinen Eltern geschleppt.

Die Stasi hat Sie aber trotzdem erwischt.

Richter: Ja. Erich Mielke (Anm. d. Red. Minister für Staatssicherheit) war unheimlich angefressen, dass einer 17 Jugendliche rübergeschafft hatte. Deshalb bekam ich keine medizinische Behandlung. Allerdings haben sich meine Freunde im Westen an die Medien gewendet und so Druck aufgebaut. Nach sechs Monaten war ich frei, musste aber erst einmal 18 Monate lang immer wieder ins Krankenhaus.

Aber ein paar Jahre später sind sie wieder ins Gefängnis.

Richter: Mein Vater hatte nie verwunden, was die mir angetan haben. Als er gestorben ist, bin ich durchgedreht und "Ihr Kommunistenschweine" rufend durch die Straßen gelaufen. Da haben sie mich wieder ins Gefängnis gesteckt.

1975 durften sie die DDR dann mit ihrer Familie verlassen.

Richter: Ich habe immer wieder Ausreiseanträge gestellt. Irgendwann haben sie ihn dann genehmigt.

Aber sie haben sich entschieden, weiterhin Menschen die Flucht zu ermöglichen.

Richter: Ich war immer noch angefressen über das, was die mir angetan haben. Ich habe sie gehasst. Also habe ich als Fernfahrer angefangen und bin mit falschen Pässen in die DDR und habe 21 Leute rausgeholt.

1989 war dann Schluss mit der DDR , wie haben sie die Zeit des Mauerfalls erlebt?

Richter: Ich habe den Mauerfall in Berlin erlebt. Im Tennisclub lief der Fernseher. Plötzlich kamen immer mehr Berichte. Dann bin ich mit meiner Frau an die Bornholmer Straße. Es kamen immer mehr Leute. Es war ein sehr emotionaler Moment. Einer der emotionalsten Momente meines Lebens.

Aber plötzlich war Ihr Feindbild in sich zusammengebrochen.

Richter: Ein paar Tage nach dem Mauerfall bin ich tatsächlich in ein kleines Loch gefallen. Millionen Menschen waren plötzlich frei. Da war irgendwie schon Zorn bei mir. Die sind freigekommen, ohne dass sie etwas dafür riskiert haben. Die wenigsten haben damals den Mund aufgemacht. Aber das hat sich dann gelegt. Nicht jeder kann ein Held sein. Heute finde ich die Situation wunderbar. Wenn einige noch eine Mauer im Kopf haben, ist das deren Problem. Ich habe kein Feindbild mehr.

Sie machen Führungen, haben ein Buch geschrieben und halten Vorträge. Sie dürften dieser Tage reichlich zu tun haben.

Richter: Das stimmt. Im Moment sind es sehr viele Interviews und Vorträge. Aber ich mache es gerne. Und die Leute mögen es. Auch weil ich einfach frei Schnauze rede.