1. Saarland
  2. Merzig-Wadern
  3. Weiskirchen

Fatima Hamido ist Flüchtling und ehrenamtliche Helferin zugleich

Fatima Hamido ist Flüchtling und ehrenamtliche Helferin zugleich

Wie viele andere syrische Flüchtlinge reiste Fatima Hamido aus ihrer syrischen Heimatstadt Latakia über die Westbalkanroute nach Deutschland. Als sie im September in die Landesaufnahmestelle nach Lebach kommt, unterstützt sie dort von Anfang an die ehrenamtlichen Helfer – beim Kleidung verteilen oder Übersetzen. Inwiefern ihr das selbst hilft und wie sie auf der Flucht ihren Traumberuf entdeckte, hat die 23-Jährige SZ-Redaktionsmitglied Jasmin Kohl erzählt.

Als Sie im September in die Landesaufnahmestelle in Lebach kamen, haben Sie von Anfang an den freiwilligen Helfern geholfen. Warum?
Hamido: An meinem ersten Tag in Lebach kam ein Mitarbeiter der Landesaufnahmestelle in unser Zelt und fragte, ob es jemanden gibt, der Englisch spricht und Lust hätte, einem Journalisten ein kleines Interview zu geben. Ich meldete mich, da ich auf meiner Flucht bereits viele Interviews gegeben hatte. Von diesem Zeitpunkt an war ich bei den Mitarbeitern der Aufnahmestelle bekannt und sie fragten mich immer wieder, ob ich bereit wäre, Journalisten, die das Lager besuchten, Interviews zu geben. Das machte ich und so sprach es sich immer mehr im Aufnahmelager herum, dass ich Englisch spreche. Dann fragte man mich, ob ich nicht bei der Kleiderverteilung helfen möchte. Auch ein Übersetzer für den Infopoint wurde benötigt und ich bin zufrieden, dort arbeiten zu können, da ich jetzt nicht nur Kleidung verteilte, sondern helfe, indem ich andere Flüchtlinge zum Arzt oder ins Krankenhaus begleite. Anfangs war die Hilfe eher spontan, mittlerweile arbeite ich drei Mal die Woche zweieinhalb Stunden.

Seit Ende Oktober wohnen Sie mit Ihren Geschwistern in Weiskirchen. Was hat sich dadurch geändert?
Hamido:
Wir haben jetzt ein richtiges Zuhause und müssen nicht mehr zu fünft in einem Raum leben. Wir müssen uns nicht mehr Küche und Badezimmer mit mehreren anderen Familien teilen. Jetzt leben wir zu siebt auf zwei Etagen. Es gibt sechs Zimmer und ich habe sogar mein eigenes Zimmer. Wir haben also viel mehr Privatsphäre, das ist eine enorme Entlastung. Ich kann so auch besser für meinen Deutschkurs lernen. Leider ist Weiskirchen etwas weit weg, aber wir sind natürlich trotzdem sehr dankbar für unsere Unterkunft.

Um zweieinhalb Stunden in Lebach arbeiten zu können, fahren Sie zwei Stunden mit dem Bus. Lohnt sich das?
Hamido:
Man kann sich nicht vorstellen, wie glücklich und dankbar andere Flüchtlinge sind, wenn sie merken, dass ihnen jemand hilft, der ihre Sprache spricht. Viele fürchten sich davor, nach Dingen zu fragen. Wenn sie dringend zum Arzt müssen, wissen nicht, wie sie mit ihm kommunizieren sollen, weil viele kein Englisch sprechen. Das Lächeln, das Dir entgegenstrahlt, wenn Du ihnen hilfst, kann nichts ersetzen. Außerdem ermöglicht mir meine Arbeit in der Aufnahmestelle Lebach auch, Kontakte zu knüpfen. Ich komme mit anderen Ehrenamtlichen in Kontakt und knüpfe Freundschaften. Sie können mir helfen, wenn ich einmal Probleme habe, denn Deutschland ist auch für mich noch ein fremdes Land. Es geht dabei um einfache Fragen wie ‚Warum spricht diese Person jetzt in diesem Ton mit mir?‘

Gibt man Ihren Namen bei Google ein, stößt man auf zahlreiche Interviews. Auch im ZDF waren Sie bereits mehrere Male zu sehen. Wie kommt das?
Hamido:
Ich hatte eigentlich nie vor, so viele Interviews zu geben. Bevor ich nach Ungarn gekommen bin, habe ich nicht mit Journalisten gesprochen, weil ich nicht das Gefühl hatte, jemand Besonderes zu sein. Ich bin den gleichen Weg wie andere Flüchtlinge gegangen und mir ging es dabei nicht besonders schlecht. Doch dann wollte ich mit meinen Geschwistern die mazedonische Grenze überqueren und es war schrecklich: Die Grenze wurde geschlossen und wir standen mit vielen anderen Flüchtlingen sechs Stunden im Regen. Wir waren völlig durchnässt und ich bekam Panik in der riesigen Menschenmenge. Schließlich ließ man mich über die Grenze, aber meine Geschwister blieben zurück. Von diesem Moment an hatte ich das Bedürfnis, meine Gefühle auszudrücken. Ich war so wütend und ich wollte mit jemandem über meine Erlebnisse reden und das tat ich dann mit den vielen Journalisten vor Ort. Einen Tag später durften auch meine Geschwister über die Grenze. Aber als wir von Ungarn mit dem Zug nach Österreich reisen wollten, wurde der Bahnhof geschlossen und wir verbrachten eine Nacht draußen. Dann haben wir versucht, mit einem Schleuser nach Österreich zu kommen, aber der nahm nur unser Geld und ließ uns im Stich. In Ungarn haben wir so viel überstehen müssen. Es schien, als könnten wir einfach nicht aus diesem Land raus. Wir blieben dort insgesamt zehn Tage. Während dieser Zeit habe ich mit sehr vielen Journalisten gesprochen, eigentlich mit jedem, der mich fragte. Sobald sie fragten: "Spricht jemand von euch Englisch?" sagte ich "Ja, ich!"

Waren die Interviews für Sie also eine Hilfe, die vielen schwierigen Situationen auf Ihrer Flucht zu verarbeiten?
Hamido:
Ja, aber sie haben nicht nur mir geholfen. Sie helfen auch anderen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Wenn man nicht darüber spricht, kann man auch nicht erwarten, dass die Deutschen verstehen, warum wir aus unserem Land flüchten und hier her kommen. Das kann ich verstehen, denn wenn ich Deutsche wäre und hier mein ganzes Leben lang in Frieden gelebt hätte, würde ich mich auch fragen, warum diese ganzen Flüchtlinge in mein Land kommen. Ich verstehe, dass das Angst machen kann. Man muss also darüber sprechen, damit die Gesellschaft versteht, warum wir hier sind.
Durch die vielen Interviews, die ich in den letzten Monaten gegeben habe und den Kontakt zu Journalisten, habe ich herausgefunden, dass ich selbst Journalistin werden möchte. Ich habe das Gefühl, dass Journalisten am nächsten am Geschehen dran sind. Das gefällt mir am Journalismus. Wenn mein Deutsch gut genug ist, würde ich gerne eine Medienschule besuchen oder für ein englischsprachiges Medienunternehmen arbeiten. Aber ich weiß noch nicht genau, wie ich es mache, denn erstmal muss ich den Sprachkurs bestehen.

Infolge der Pariser Anschläge vom 13. November hat Frankreich seine Syrien-Intervention gegen den IS erweitert und bombardiert mit Unterstützung der internationalen Koalition vermehrt IS-Stützpunkte. Wie beurteilen Sie diese Intervention?
Hamido:
Ich denke, dass eine militärische Intervention in Syrien, egal von welchem Land sie ausgeht - den europäischen Staaten oder Amerika - wenig hilfreich ist, wenn sie nicht gegen Assad und seine Regierung gerichtet ist. Die internationale Koalition bekämpft nicht die syrische Regierung, die verursacht aber das Problem. Sie attackiert nur die Gegenden, die sie für nicht friedlich hält. Aber das ist falsch. Denn in jeder Stadt, die sie bombardiert, sterben Familien, Kinder und andere Menschen. Also hilft sie nicht - überhaupt nicht.