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Viel Rücken und ein Hang zu Ärzten

Viel Rücken und ein Hang zu Ärzten

15 Orthopäden, fünf Radiologen und drei Physiotherapeuten in knapp zehn Jahren – keine schlechte Bilanz, wenn man auf Ärzte steht. Wenn man aber rückenschmerzgeplagt ist, so wie Frederik Jötten, dann gleicht diese Aufzählung eher einem lästigen Spießrutenlauf auf der Suche nach der Ursache der Beschwerden. Am Samstag, 17. September, liest der Autor und Journalist in einer kulinarischen Lesung aus seinem Buch „Viel Rücken, wenig Rat“, in dem er seine Leidensgeschichte mit einer großen Portion Humor als Kreuz-Krimi aufgeschrieben hat. Und auf den Humor besteht er, wie er im Interview mit SZ-Mitarbeiterin Jennifer Back ganz charmant klar macht.

Herr Jötten, Sie haben fast zehn Jahre Rückenschmerzen hinter sich und sind für eine Diagnose von Pontius zu Pilatus gerannt. In welcher Situation kamen Sie sich so richtig verarscht vor?

Frederik Jötten: Als ein Physiotherapeut mich mit bioenergetischen Wellen heilen wollte - indem er, statt mich anzufassen, seine Hände zehn Zentimeter über mich hielt und sich voll konzentrierte.

Anhaltende Schmerzen schlagen irgendwann aufs Gemüt. Haben Sie damit auch irgendwann ihr privates Umfeld genervt?

Jötten: Ich hoffe nicht. Ich habe immer versucht, nicht zu jammern und Hilfe zu finden, um mein normales Leben weiter leben zu können. Von Keilkissen, Rückenwärmer, Schmerzmittel, bis zu Sport und Dehnübungen. Nicht alles war sinnvoll, aber am Ende habe ich die Mischung gefunden, die mir geholfen hat.

Wollen Sie mit Ihrem Buch eigentlich andere dazu animieren, sich selbst auf gesundheitliche Spurensuche zu begeben? Im Internet wird man ja beim Nachlesen von Grippesymptomen schnell mit dem eigenen Tod konfrontiert…

Jötten: Was bleibt einem übrig, wenn einem niemand hilft? Was die Rückenschmerzen angeht, hab ich aber einen Ratschlag - egal wohin man geht - zum Physiotherapeuten oder zum Arzt - man sollte nicht erwarten, dass einen jemand heilt. Chronische Rückenschmerzen sind ein komplexes, biopsychosoziales Problem. Man muss selbst was tun - geistig und körperlich. Man sollte sich nicht zurückziehen und schonen - denn da verkümmert nur die Muskulatur, die Stimmung wird noch schlechter und die Schmerzen werden schlimmer.

Also bei Schmerzen weiter Sport treiben?

Jötten: Nach Ausschluss ernster Erkrankungen - auf jeden Fall. Jede Sportart, die Spaß macht und die Symptome nicht verschlimmert, ist gut. Hauptsache man bleibt aktiv. Zusätzlich ist es sinnvoll, spezielle Muskelgruppen zu stärken, insbesondere die Tiefenmuskulatur. Das geht zum Beispiel mit Yoga, Pilates oder speziellen Rückenübungen, die man in der Physiotherapie erlernen kann.

So viele Ärzte zu konsultieren heißt doch aber auch, dass Sie das Vertrauen in sie nicht aufgegeben haben - oder doch?

Jötten: Wenn ich schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht habe, bin ich zu demjenigen natürlich nicht mehr gegangen. Heute habe ich alle paar Monate Rückenschmerzen. Aber ich kenne mein Problem - einige Muskeln sind dann extrem verspannt. Damit gehe ich nicht mehr zum Arzt. Was soll der machen? Ein neues Röntgenbild? Stattdessen dehne ich mich und wenn das nichts hilft, versuche ich, schnell einen Termin beim Physiotherapeuten zu bekommen.

Sie sind jetzt weitgehend schmerzfrei. Wie sind Sie am Ende zu Ihrer Diagnose gekommen?

Jötten: Ich habe vom Rückenzentrum in Hamburg gelesen - die Ärzte dort gehen der Ursache wirklich auf den Grund. Außerdem raten sie zu Aktivität statt Ruhe. Ich bin dann eine Woche nach Hamburg, da habe ich dann Übungen gelernt, um speziell die tiefe Muskulatur zu stärken, die bei mir extrem schwach war. Die mache ich seitdem täglich, außerdem laufe ich dreimal die Woche, mache Krafttraining, fahre Kajak und Ski. Statt dem leidenden Rückenkranken, bin ich heute ein begeisterter Hobbysportler.

Bekommen Sie von Ihren Lesern eigentlich Krankengeschichten zu hören, die Sie so gar nicht hören wollen?

Jötten: Ich bekomme sehr viel Post von anderen Rückenschmerzpatienten, die mir ihre Geschichten schreiben - ihnen gefällt das Buch. Sowohl, dass ich meine Geschichte mit Humor erzähle als auch, dass die Fakten, die darin vorkommen, ihnen geholfen haben. Das ist das schönste Lob, was man als Autor bekommen kann.

Tut es Ihnen gut, wenn das Publikum bei Ihren Lesungen wissend nickt oder finden Sie das eher traurig, weil es denen auch mies geht?

Jötten: (kurze Pause) Unser Interview ist jetzt ziemlich ernst geworden - bei den Lesungen lachen die Zuhörer eigentlich nur. Ich lese vor allem lustige Episoden. Wer wirklich Probleme mit dem Rücken hat, findet Rat im Buch.

Okay, und wie retten wir jetzt das Interview? Ich könnte im Vorspann die Episode erwähnen, in der Sie beim Röntgen Angst um Ihre Hoden haben.

Jötten: Ich habe immer Angst um meine Hoden ! Männergesundheit ist leider ein Thema, was sehr tabuisiert ist. Ich versuche das zu ändern - auch wenn meine Eltern nicht unbedingt Fans meiner Hoden-Texte sind.

Nun bin ich neugierig! Aber jetzt erstmal viel Spaß bei der Lesung in Wadern.

Jötten: Danke.

Frederik Jötten liest aus seinem Buch "Viel Rücken, wenig Rat" am Samstag, 17. September, in der Eventlocation "La Piazza". Einlass ist ab 18.30 Uhr. Karten für 20 Euro erhältlich bei der Bücherhütte Wadern, Telefon (06871) 921150 und beim Kulturamt der Stadt Wadern, Telefon (06871) 5070. Weitere Infos unter www.wadern.de , E-Mail: kultur@wadern.de.