Nunkirchen: Horst Spang sammelt für sein Leben gerne Waagen

Nunkirchen : Alte Waagen erzählen spannende Geschichten

Seit mehr als 30 Jahren sammelt Horst Spang sie: von Apothekerwaagen über Marktwaagen bis zu Briefwaagen aus der Zeit Napoleons.

Sie sieht edel aus, massiv, wirkt, als ob ein Handwerker Stunden an schweißtreibender Arbeit benötigt hat, um sie zu fertigen. Dabei ist nicht die Rede von einer Statue oder einer Vase, sondern von einem Objekt, das die meisten wohl nur als Nutzgegenstand sehen: eine Waage. Eine Tafelwaage um genau sein, ein Modell, bei dem die Waagschalen nicht an dem Waagebalken hängen, sondern auf diesem ausbalanciert stehen. Sie entstammt dem Jugendstil, wie die meisten dieser Bauart, erklärt der ehemalige Bäckermeister Horst Spang aus Nunkirchen, der die Waage aufwendig restauriert hat.

In der alten Backstube hat er einen Teil seiner Sammlung untergebracht, im ehemaligen Laden stehen die meisten der Stücke. Wie in einem Museum kommt man sich hier nicht vor, eher wie an einem Ort der Leidenschaft. Wer auch nur wenige Minuten mit Horst Spang verbringt, merkt, dass es genau das ist. Sobald er die Tür in sein Allerheiligstes öffnet, blüht der Nunkircher regelrecht auf. Kein Wunder, denn hier kann er die Früchte jahrzehntelanger Sammel-Leidenschaft vorzeigen.

Die große Dezimalwaage, die Horst Spang hier zeigt, wurde genutzt, um beispielsweise in der Landwirtschaft Getreide zu wiegen. Foto: Ruppenthal

Man spürt, wie viel Herzblut der 77-Jährige in die Sammler-Arbeit steckt. Was als Hobby begonnen hat, ist, nachdem er 2007 in den Ruhestand gegangen war, zur Vollzeitbeschäftigung geworden, wie Spang erzählt. „Wir sind fast jedes Wochenende auf Flohmärkten und suchen nach Stücken, die in meiner Sammlung noch fehlen“, erzählt Spang. „Es wird jedoch immer schwieriger etwas zu finden, was ich noch nicht habe“, verrät er, „aber dafür weiß ich immer auf den ersten Blick, was ich noch gebrauchen kann und was nicht.“

Auch ohne Hi-Tech arbeitete die alte Zählwaage präzise. Foto: Ruppenthal

In dem ehemaligen Bäckergeschäft scheinen viele der Sammlerstücke auf den ersten Blick willkürlich platziert zu sein. Doch Spang weiß genau, wo jedes Gerät hingehört, und kennt zu jedem eine Geschichte: Wo er die Waage gefunden hat, wie er sie restauriert hat, wozu das Gerät verwendet wurde und wie alt es ist. Manchmal kann auch der Fachmann das Alter nur schätzen, manchmal ist die Jahreszahl in die Waage eingraviert. Manche sind regelrecht geschichtsträchtig, so wie eine Briefwaage, die aus napoleonischer Zeit stammt. Eine Paketwaage hat Horst Spang nicht einmal als solche gekauft, erinnert er sich. „Das ganze Ding war komplett schwarz, und der Besitzer dachte, es wäre eine Vorrichtung für Kleiderhaken. Als ich es dann zu Hause gereinigt hatte, kamen plötzlich die Jahreszahl 1794 und ein Schriftzug zum Vorschein.“ Auf der Waage steht: „Berus über Poststelle Saarlouis“.

Diese alte Teigwaage, auf der einstmals Teig für jeden Laib Brot gewogen wurde, hat längst ausgedient. Foto: Ruppenthal

Faszinierend ist, wie unterschiedlich die Waagen gebaut sind. Die gusseisernen sind aus deutscher Fertigung, erklärt der ehemalige Bäckermeister. Sie wirken hochwertig, die meisten Leute konnten sich so ein Gerät damals jedoch nicht leisten. Ein weiteres Merkmal der deutschen Waagen ist das Zünglein, das den meisten heutzutage allenfalls noch sprichwörtlich geläufig ist: Bei deutschen Waagen ist es frei zugänglich angebracht. Bei französischen oder italienischen Pendants ist es in dem Gerät verbaut, sodass man es nur durch ein kleines Fenster sehen kann. Die französischen Modelle verwenden sechseckige Gewichte, anders als die zylinderförmigen Gewichte, wie sie in Deutschland üblich waren. In Spangs Sammlung finden sich auch Waagen aus England, Ungarn, der Türkei, Belgien, Polen und den USA.

Alte Gewichte stehen ebenfalls in den Regalen. Foto: Ruppenthal

Viele Waagen waren für einen sehr speziellen Zweck gebaut. Eine etwa ist rund 30 Kilogramm schwer, ganz aus Marmor. Sie kam in einer Fleischerei zum Einsatz, wie Spang erklärt. Aus hygienischen Gründen, denn Marmor ist abwaschbar. Ebenfalls dabei: Briefwaagen, Paketwaagen, Geldwaagen, mit denen die Bankangestellten die Münzrollen abgewogen haben; Apothekerwaagen, empfindlich genug, um einzelne Tabletten abzuwiegen; eine Wildwaage, stabil genug, um ein ganzes Wildschwein daran zu hängen. Kurios auch eine Zählwaage, mit der sich kleinere Gegenstände genau abzählen lassen. Die Waage hat zwei Einstellungen: 1:9 und 1:99. Legt man etwa eine Schraube in die eine 1:99-Schale, kann man die andere Waagschale so lange befüllen, bis die Anzeige in der Mitte austariert ist. Dann hat man in der zweiten Schale 99 Schrauben, zusammen mit der einen übrigen sind es 100.

Die Waagen unterscheiden sich auch in ihrer Bauweise. Balken- oder Tafelwaagen müssen jeweils mit Gewichten auf einer Waagschale ausbalanciert werden. Auf einer Schiebegewichtswaage müssen keine Gewichte platziert werden, stattdessen ist ein Schiebegewicht an dem Gerät festgemacht. Vorteil: Es kann nichts herunterfallen. Solche Waagen wurden meist dort eingesetzt, wo mit Lebensmitteln gearbeitet wurde oder überall, wo in der Nähe von Maschinen gewogen werden musste, etwa in einer Mühle, erklärt Spang. Die Gewichte konnten leicht herunterfallen – gerieten sie dabei in das Mühlwerk, hatte das fatale Folgen.

Eine Schiebegewichtswaage hat der 77-Jährige auch in seiner Arbeit als Bäcker eingesetzt, um Tag für Tag den Teig und das Mehl abzuwiegen. „Besonders kleine Gewichte, die nur ein paar Gramm haben, konnte man leicht verlieren“, erzählt Horst Spang. „Und wenn man Pech hatte, backte man sie in ein Brot.“ Anders funktionierten Dezimalwaagen, von denen Spang ebenfalls einige sein Eigen nennt. Der Name rührt daher, dass zum Wiegen der Last ein Gegengewicht von nur einem Zehntel des Gewichts der Last benötigt wird. 50 Kilogramm können also mit einem Fünf-Kilogramm-Gewicht gewogen werden. Solche Geräte dienten zum Wiegen großer Lasten mit kleinen Gewichten und wurden etwa in der Landwirtschaft oder auf Güterbahnhöfen eingesetzt.

Dass er seiner Leidenschaft so ausgiebig frönen kann, verdankt er auch seiner Frau Hanne, wie er bereitwillig zugibt. „Sie geht gerne mit auf den Flohmarkt, sieht sich nach Dingen um, die ich möglicherweise meiner Sammlung hinzufügen will.“ Es ist die Handwerkskunst des Waagenbauers, die ihn so fasziniert, verrät Spang. Doch auch der Experte kann nicht jede Waage wieder reparieren. Aber selbst dann wird nichts verschwendet: Spang entnimmt kaputten Waage alle Ersatzteile, die er noch verwenden kann. Und eine Waage, die nicht mehr zu flicken war, hat der ehemalige Bäckermeister zu einem Bilderrahmen umfunktioniert. In Spangs Sammlung findet sich noch allerlei andere Kleinode. „Ich sammle all das, was sonst verloren gehen würde“, sagt der 77-Jährige. So steht in der Backstube etwa noch das alte Fahrrad, mit dem Spang damals als Lehrling in den 60er-Jahren die Brötchen persönlich ausgeliefert hat, wie er sich erinnert. In den Geschäftsräumen steht ein alter Kaffeeautomat, wie man ihn heute höchstens noch aus einem Werbespot einer bekannten Münchner Kaffeemanufaktur kennt. Oder die alte Kasse, die einem Tante-Emma-Laden entsprungen sein könnte, die es ja inzwischen auch nicht mehr gibt.

Alle Serienteile finden sich im Internet unter www.saarbruecker-zeitung.de/museen-im-saarland

Mehr von Saarbrücker Zeitung