Märchenerzählerin Rosina Wastl liest bei der Waderner Buchwoche

Rosina Wastl kommt nach Wadern : Frau Holle zählt zu den Favoriten der Märchenerzählerin

Im Rahmen der Waderner Buchwoche stellt die Märchenerzählerin am Donnerstag, 12. September, 19 Uhr, Märchen aus aller Welt vor. Der SZ verriet sie das Programm, ihren Hintergrund und ihr Lieblingsmärchen.

Was werden Sie dem Publikum bei der Waderner Buchwoche präsentieren?

WASTL Zur Einstimmung wird es ein israelisches Märchen geben. Ich erzähle Märchen unterschiedlicher Herkunft. Zum Beispiel aus Japan und Siebenbürgen. Aber auch die Naturmärchen der amerikanischen Ureinwohner. Ich bin eine Liebhaberin der Volksmärchen. Daher werde ich Märchen präsentieren, in denen der Wald, die Bäume und auch das Spinnen am Spinnrad vorkommen. In den Märchen der Brüder Grimm wirken die Frauen oft in den Spinnstuben. Abgesehen davon haben die Brüder nicht, wie allgemein behauptet wird, die Märchen in den Spinnstuben gehört und aufgeschrieben. Doch das ist eine andere Geschichte . . .

Im Programmheft zur Waderner Buchwoche werden Sie als „ausgebildete Märchenerzählerin“ vorgestellt. Wie kann ich das lernen und was kann ich mir unter einer solchen Ausbildung vorstellen?

Mit ihren Golden Retriever Ronny streift Rosina Wastl durch den Wald. Foto: Carsten Reuter

WASTL Märchenerzählerin ist kein normaler Ausbildungsberuf. Ich habe mir vor über zehn Jahren ein Zertifikat als Märchenerzählerin erworben. Der Kurs bei Monika Pieper erstreckte sich über mehrere Wochenenden. Meine Abschlussarbeit behandelte die Rolle des Baums im Märchen.

Wie viel Zeit haben Sie für Ihre Lesungen?

WASTL Als halbtags berufstätige Sozialpädagogin nehme ich mir die freie Zeit für die Märchenarbeit. Ich bin seit Frühjahr Wahlsaarländerin, genieße die tolle Natur und dass die Uhren hier zum Glück etwas langsamer ticken. Und das gibt mir die Inspiration, mich wieder mehr meiner Märchenliebe zuzuwenden.

Wer ist Ihre Zielgruppe? Erwachsene oder Kinder?

WASTL Erwachsene. Ganz besonders liegen mir dabei die Seniorinnen und Senioren am Herzen. Ich arbeitete gerade in einem Seniorenheim, als ich den Märchenerzählkurs bei Monika Pieper absolviert habe. Diese Generation kennt noch die Märchen. Gerade Menschen mit Demenzerkrankung bringen die Märchen positive Erinnerungen zurück.

Welche Botschaften können Märchen in der heutigen Zeit vermitteln?

WASTL Wer Märchen liest, der kann wieder Kind sein – und einmal den Ärger vergessen. In den Volksmärchen werden Botschaften und Weisheiten ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt. Märchen können Trost und Hoffnung spenden sowie die Seele ansprechen. Nicht umsonst arbeiten manche Psychologen mit Märchen. Auf Kinder können diese Erzählungen wie Mutmacher wirken. So wird die schlechte Note in der Schule zum Drachen, den der Held im Märchen bezwingen muss. Und Märchen sind auch weiterhin hochaktuell. „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling und „Tintenherz“ von Cornelia Funke sind in meinen Augen moderne Märchen.

Was ist Ihr Lieblingsmärchen und warum?

WASTL Frau Holle ist mein Lieblingsmärchen, da ich naturverbunden bin. Die Jahreszeiten und viele alten Riten kommen darin vor, zum Beispiel die Bedeutung des Hollerbusches (Holunder). Aber auch die Symbolik des Brotbackens, der Apfelernte oder der Schneeflocken aus dem Federbett machen dieses Märchen zu einer Fülle von Erfahrungen und Weisheiten des Lebens. Gerade in diesem Jahr war ich mit anderen märchenbegeisterten Frauen auf einer Märchenreise im Frau-Holle-Land in Hessen unterwegs. Ich arbeite aber auch sehr gerne mit Märchen aus der Rubrik der Kunstmärchen. Märchenschöpfer wie zum Beispiel Hans Christian Andersen mit der „Kleinen Meerjungfrau“ oder Wilhelm Hauff mit der „Karawane“ seien an dieser Stelle genannt. Sie haben die Märchen – anders als die Brüder Grimm – erfunden.

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