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Batomae "In Gedanken Tour 2017": Geschichten über Hungerzeiten und Fress-Phasen

Batomae "In Gedanken Tour 2017" : Geschichten über Hungerzeiten und Fress-Phasen

Die Autorin Jan Crämer gibt am Donnerstag in den Waderner Lichtspielen eine Konzert-Lesung mit dem Musiker Batomae.

„Gut, dass du Sitzfleisch hast“, heißt der Kommentar des Fotografen unter Jana Crämers Nacktbild auf ihrer Webseite. Doch die frisch gebackene Autorin des Romans „Das Mädchen aus der ersten Reihe“ hat keine üblichen Nacktbilder inszeniert, um Aufsehen zu erregen – oder gerade deshalb. Sie ist mutig genug gewesen, ihren von einer Ess-Störung geplagten Körper ohne Kleidung ablichten zu lassen. Eine Konzert-Lesung von ihr und ihrem Freund David Müller alias Batomae gibt es in Wadern im Kino am Donnerstag, 16. November. Bei ihrer gemeinsamen „In-Gedanken-Tour“ singt Batomae, der vorher Bassist bei der Gruppe Luxuslärm war, an den passenden Stellen des Buches die Lieder, die Jana darin beschreibt. Wie genau man sich das vorstellen kann, erklärt Jana Crämer im Interview.

Du hast ein Buch geschrieben, „Das Mädchen aus der ersten Reihe“. Was ist die Geschichte dahinter?

Jana Krämer: Das Buch entstand aus der Angst, meinen besten Freund Batomae zu verlieren. Das rührt daher, dass ich in meinen Fress-Phasen unausstehlich bin und das oft an ihm ausgelassen habe. Ich wurde immer gemeiner zu ihm, je mehr ich zugenommen habe. Das ging so, bis ich irgendwann 170 Kilogramm auf die Waage gebracht habe.

170 Kilogramm kann man nicht verbergen, und trotzdem hat er die ganze Zeit nichts von deiner Krankheit gewusst?

Krämer: Ihm war schon klar, dass dieses Gewicht nicht von dem Dressing-losen Salat kam, den ich jeden Tag gegessen habe. Aber was in meinem Kopf los war, wusste er nicht. Es ist schon schwierig jemandem zu offenbaren, dass man sich selbst so ekelhaft fühlt, dass man sich quält, indem man frisst und kotzt oder frisst, bis man sich vor Schmerzen nicht mehr rühren kann.

Wie hast Du Dich letztendlich dazu durchgerungen, ihm die volle Wahrheit zu sagen?

Krämer: Es ihm zu sagen, habe ich mich damals gar nicht getraut. Also habe ich einfach alles aufgeschrieben, ihm das Buch in die Hand gedrückt und gesagt: „Hier ist mein Leben, damit du weißt, dass du keine Schuld an alle dem hast, sondern ich.“

Wie hat er auf dieses Geständnis reagiert?

Krämer: Er meinte, er hätte nie für möglich gehalten, was dahinter steckt und was in meinem Kopf los ist. Außerdem sagte er, Komplimente würde ich ja sowieso nicht annehmen, aber mit Musik könne er mich erreichen. Seine Antwort war ein Lied – „Unvergleichlich“.

Der Song war also seine Art, Dich zu trösten?

Krämer: Ja, und kurz darauf sagte er, ich müsse das auf jeden Fall veröffentlichen, denn Schweigen ändere gar nichts. Also habe ich einen Roman draus gemacht: „Das Mädchen aus der ersten Reihe“.

Wie nah ist Dein Roman an der Realität dran?

Krämer: Die Liebesgeschichte in dem Buch ist nicht echt. Ich bin mit meinen 35 Jahren tatsächlich noch ungeküsst. In dem Buch ist Botomae nicht Ben, aber Ben ist zu einem ganz großen Teil Batomae. Denn in Ben sind alle meine Idealvorstellungen von einem Mann vereint. Ich musste die Namen und Orte ändern. Doch die Gefühle – bis auf die Romanze – sind zu 100 Prozent echt.

Hat Dir das Buch auch geholfen, die Probleme, die die Ess-Störung bei Dir ausgelöst haben, zu verarbeiten?

Krämer: Auf jeden Fall. Davor konnte ich gar nicht drüber sprechen. Ich bin auch nicht mehr zu Familienfeiern gegangen, aus Angst, es würde mir jemand ein Stück Kuchen anbieten. Ich genau weiß, wenn ich ein Stück esse, ist danach der komplette Kuchen weg, und die nächsten Tage werden die Hölle. Seitdem ich Batomae mein Manuskript abgegeben habe und er ganz deutlich gesagt hat: „Jana, Schweigen ändert gar nichts!“, ist das zu meinem Mantra geworden.

Wie setzt Du das im täglichen Leben um?

Krämer: Inzwischen traue ich mich ganz deutlich zu sagen: „Ich bin essgestört und es ist nett, dass du mir einmal das Stück Kuchen anbietest, aber bitte tu es kein zweites Mal, sonst nehme ich den kompletten Kuchen und gehe danach kotzen.“ Ich merke, dass mir das hilft. Nach den Konzerten finden viele Gespräche statt. Das ist auch so etwas wie eine Therapie für mich. Außerdem habe ich einen Blog, auf dem ich mit ganz vielen in Kontakt bin, die dasselbe Problem haben.

Wie heißt Dein Blog denn?

Krämer: Die Seite heißt www.endlich-ich.com. Dort habe ich in den Spitzenzeiten bis zu 70 000 Aufrufe täglich, wobei die durchschnittliche Aufenthaltsdauer dreieinhalb Stunden ist. Viele lesen die Beiträge und schämen sich schon, dass sie nur diese Gedanken teilen. Auch bei Facebook gibt es ganz wenig Likes aber unfassbar viele Nachrichten. Da steht oft drin: „Ich würde das so gerne liken, aber ich trau mich nicht, aus Angst, dass meine Freunde es sehen“. Ess-Störung ist also immer noch ein großes Tabu-Thema.

Auf dem Blog findet man auch Deine Nackt-Bilder. Wie fühlt sich das an?

Krämer: Das finde ich super. Es fühlt sich richtig gut an.

Was war der Grund dafür, Dich der Öffentlichkeit so zeigen zu wollen?

Krämer: Ich habe davor ein Bild von mir im Abendkleid online gestellt. Daraufhin habe ich unfassbar viele Nachrichten bekommen, wie: „Du siehst so toll aus“, „Jetzt müsste deine Welt doch in Ordnung sein“ und vor allem: „Ich mache bald auch eine Crash-Diät“ – das war überhaupt nicht das, was ich mit dem Bild erreichen wollte. Natürlich habe ich mich über die Komplimente gefreut, wollte aber auf keinen Fall sagen, eine Ess-Störung sei nicht so schlimm. Es ist die Hölle!

Eine regelrechte Schock-Therapie also?

Krämer: Ganz genau. Ich wollte zeigen, wie sehr eine Ess-Störung den Körper zerstört. Dass man Narben bekommen kann, die für immer bleiben. Wir waren ja mit dem Musik-Video vorher schon sehr ehrlich, aber diese extremen Mittel waren nötig, damit sich jeder, der sie sieht, zweimal überlegt, ob er so eine Diät anfängt. Denn das ist meistens der Einstieg. Auch in Schulen erleben wir das immer wieder.

Hat die Krankheit bei Dir auch mit solch einer Crash-Diät angefangen?

Krämer: Ja, die erste Diät habe ich schon in der fünften oder sechsten Klasse gemacht. Das war im Sommer. Ich habe mir die schönsten Kleider, in die ich reinpassen wollte, aus dem Quelle-Katalog rausgeschnitten und mir daraus eine Collage gebastelt. Die habe ich aufgehängt und fest daran geglaubt, bald schlank genug für die Kleider zu sein.

Wie sah Dein Diät-Plan aus?

Krämer: Ich habe in einer Zeitschrift gelesen, nach 15 Uhr nichts mehr zu essen. Dadurch habe ich richtig viel abgenommen. Die Komplimente, die ich dadurch bekam, haben mich so gefreut, dass ich sie nicht mehr missen wollte. Also musste ich immer weniger essen, um diese rapiden Gewichtsverluste halten zu können. Das ging soweit, bis ich irgendwann fast nichts mehr essen konnte. Danach kam der JoJo-Effekt, da ich zum ersten Mal entgegengesetzt meines Diätplans gegessen habe.

Und dieses Auf und Ab hält sich bis heute?

Krämer: Ja. Ich bin eine von diesen Event-Abnehmerinnen und nehme immer dann ab, wenn irgend etwas Schönes ansteht. Dann hungere ich, bis der Tag kommt, und in der Nacht darauf geht es meistens schon mit den Fress-Attacken los. Mein Gewicht bewegt sich zwischen 85 und 120 Kilo. Mein Höchstgewicht von 170 Kilogramm hatte ich im Jahr 2014 erreicht. Daraufhin habe ich einmal richtig abgenommen.

Wie hast Du das gemacht?

Krämer: Ich habe überhaupt nichts gegessen oder ganz diszipliniert nur noch Eiweiß-Shakes getrunken.

Das hältst Du aber eisern durch?

Krämer: Ja, monatelang. Ich kann bis zu einem halben Jahr sehr konsequent sein, und dann ist die Sucht wieder stärker. Es fehlt nur ein Stück Schokolade, wenn ich mich stark genug fühle. Ab da geht nur noch darum, möglichst schnell  so viele Kalorien wie möglich einfach nur in mich rein zu stopfen.

Befindest Du Dich noch immer in diesem Zustand?

Krämer: Im Moment ist wieder eine ziemlich blöde Phase. Je mehr ich mich gedanklich auf eine Therapie einlasse, desto weiter führt der Weg zurück. Ich habe in den letzten 15 Tagen etwa 13 Kilogramm zugenommen. Ich weiß, dass dieses Problem mit einer Therapie in den Griff zu bekommen ist, und ich denke, das ist schon mal der erste Schritt.

Bei Stern TV sagtest Du auch schon, dass Du eine Therapie machen willst. Wovon ist das denn bei Dir abhängig?

Krämer: Von dem Therapeuten. Ich bin schon bei Kompass. Das ist eine Stelle, bei der man sich über die Krankenkasse melden kann. Die machen dann ein Erstgespräch und versuchen herauszufinden, was los ist. Dann schauen sie, welcher Therapeut in deiner Nähe Zeit hat, sich mit dir zu unterhalten. Darauf hin machen sie dir Vorschläge, und du schaust dir die Therapeuten an.

Bist Du in der richtigen Verfassung dafür?

Krämer: Das weiß ich erst, wenn es soweit ist. Aber ich bin es wirklich leid, mich selbst zu bemitleiden und zu jammern. Und ich habe genug davon, dass die Klamotten schon wieder nicht passen. Im Moment bin ich in Berlin, für mich die geilste Stadt der Welt. Ich hätte so viele Möglichkeiten und was mache ich? Ich ziehe es vor, zu essen und alleine zu Hause zu bleiben. Diese Krankheit macht so viel kaputt, und darum muss ich sie in den Griff bekommen.

Wie ist es dann für Dich, bei Euren Auftritten vorne auf der Bühne zu stehen?

Krämer: Für mich ist das ziemlich aufregend, weil ich die Gefühle dabei immer wieder durchlebe. Manchmal muss ich auch weinen, aber das gehört eben auch dazu. Bei der aktuellen „In Gedanken Tour“ ist es erstmals so, dass erst die Konzertlesung kommt und dann ein reines Konzert folgt, bei dem ich mich einfach zurücklehnen kann.

Wie kann man sich Eure Konzert-Lesung vorstellen?

Krämer: Ich lese aus dem Buch, und an vielen Stellen kommt immer wieder Musik vor, weil die in meinem Leben eine ganz große Rolle spielt. Wenn ich Beispiele beschreibe, wie ich langsam einen Club betrete und aus den Boxen ein bestimmter Song ertönt, fängt Batomae im Hintergrund zu singen an. Begleitet wird er von seinen Brüdern, wie in seiner ersten Band „Peach-Box“.

Batomae, der ja eigentlich David Müller heißt. Woher kommt der Spitzname?

Krämer: Er ist ein großer Mark-Forster-Fan und spielte mir dessen Lied „Au Revoir“ vor. In dem Song singt Mark Forster an einer Stelle „Ich komm nie mehr zurück zu mir“. Bei David war es genau das Gegenteil: Als ich ihn kennengelernt habe, war er als Bassist bei Luxuslärm. Aber davor war er bei seiner eigenen Band Frontmann, was er jetzt ja wieder ist. Er kommt also wieder zurück zu sich. Auf Englisch heißt das „Back to me“, und die Anfangsbuchstaben davon sind ba, to und me. Das „a“ haben wir noch dazwischen geschummelt, da er Stromae-Fan ist und ein richtiger Hipster noch dazu. Da muss alles etwas Besonderes sein.