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Wadern
Einer der auszog, den Regenwald zu retten

 Martin Klaeser spricht in seinem Vortrag über die Beweggründe, die Natur zu schützen.
Martin Klaeser spricht in seinem Vortrag über die Beweggründe, die Natur zu schützen. FOTO: Martin Klaeser
Wadern. Am Donnerstag, 28. März, stellt der gebürtige Waderner in den Lichtspielen seiner alten Heimat das Projekt in Peru vor. Von Ruth Wagner

Aussteiger im peruanischen Regenwald: Martin Klaeser aus Wadern stellt sein ambitioniertes Projekt im Rahmen eines Vortrages in seiner Heimatstadt vor. 2016 entschloss sich der Waderner, sich für die Rettung des Regenwaldes zu engagieren. Der 35-Jährige lebt mit einer Gruppe Gleichgesinnter im peruanischen Regenwald. Seine Ziele: die Natur vor weiteren Eingriffen zu bewahren und Menschen für die Themen Umwelt- und Lebensschutz zu sensibilisieren. Die SZ führte mit dem Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt, ein Gespräch.


Wadern – Peru…: Haben Sie manchmal Heimweh?

MARTIN KLAESER Heimweh würde ich nicht sagen. Man vermisst manchmal schon sein gewohntes Umfeld, insbesondere an Tagen, an denen es einem nicht so gut geht. Hier in Peru gibt es im Gegenzug auch so viel Neues zu entdecken, was einen dies schnell vergessen lässt. Es sind einige wenige Menschen, die ich mit meiner Heimat verbinde.



Sie waren Fallschirmjäger, Kompaniechef und Patrouillenführer, unter anderem in Afghanistan, und danach Leiter eines Unternehmens für Bankensoftware. Das klingt eher nach Kopf- als Bauchmensch. Ihr Projekt in Peru wirkt hingegen wie eine Herzensangelegenheit?

KLAESER Das stimmt! Ich war schon immer Bauchmensch, versuche aber auch, meinen Kopf dabei nicht aus dem Spiel zu lassen. Die Verpflichtung bei der Bundeswehr habe ich mit 18 Jahren unterschrieben, weil mir das Fallschirmspringen, Schießen und die Übungen im Gelände Spaß gemacht haben. Da war keinerlei Ideologie dahinter. Später habe ich festgestellt, nicht mehr das Richtige zu tun und habe die Bundeswehr nach elf Jahren – also noch vor Ablauf meiner Vertragslaufzeit – auf persönlichen Wunsch, verlassen. Der Einstieg in die Firma meines Bruders war damals eine willkommene Chance, Geld zu verdienen. Nach etwa drei Jahren habe ich mich entschlossen, mein Leben zu verändern.

 Sie bezeichnen sich selbst als „Aussteiger, der in der Wildnis lebt“. Wie haben Ihre Eltern, Freunde und Ihr Umfeld auf den Neuanfang reagiert?

KLAESER Unterschiedlich, aber überwiegend sehr positiv. Ich glaube, keine Mutter lässt ihren Jungen gerne ziehen, in ein neues Leben fernab der Heimat, in die sogenannte Wildnis. Meine Mutter, auch mein engstes Umfeld, wissen aber, dass dies ein völlig logischer und konsequenter Schritt war und dass ich hier glücklich bin. Viele Menschen verstehen meinen Weg. Dennoch gibt es auch welche, denen finanzielle Sicherheit, soziale Stellung und gesellschaftliches Ansehen wichtiger sind.

Was genau machen Sie im Regenwald?

KLAESER Wir kaufen mit Spendengeldern Regenwald-Land und schützen es damit vor Missbrauch. Im Gegensatz zu den großen Projekten, die das Gleiche tun, beleben und gestalten wir das Land aktiv und naturförderlich. Wir lassen bei perfekten Boden- und Klimaverhältnissen eine sich selbstversorgende Permakultur-Siedlung entstehen, im Einklang mit der Natur. Da es gleichzeitig unser Zuhause ist, steht alles Land, was wir kaufen, außer Verfügung derer, die es zum Zwecke der Ausbeutung nutzen wollen. Für unser Siedlungsprojekt genießen wir die Zustimmung des hier heimischen Ureinwohner-Stammes, der nur eine gute Stunde zu Fuß durch den Dschungel von uns entfernt, teils noch sehr traditionell und fern unserer Zivilisation, lebt.

Und die waren begeistert, als Sie dort aufgetaucht sind…

KLAESER Zunächst waren viele skeptisch. Die meisten Erfahrungen mit Weißen waren nun mal sehr negativ. Wir haben sie nach einiger Zeit überzeugt, und dann ist ein guter Dialog entstanden. Hier leben noch Augenzeugen, die von Folter und Sklaverei von den weißen Besatzern und Religionsvertretern berichten. Nun helfen sie uns sogar beim Bau unserer Häuser, nach traditionellem Vorbild aus örtlichen Naturmaterialien. Die Ureinwohner freut unsere Bauweise, auch wenn einige mitunter sehr verwundert drein schauen, wenn der bärtige, bunt tätowierte Weiße kommt. Aktuell befinden wir uns in der Regenzeit, in der wir Materialien für die ersten Bauvorhaben auf unserem bereits 70 Hektar großen Land sammeln. Ab März, wenn die Trockenzeit beginnt, werden die ersten Häuser und Permakulturgärten unserer Siedlung entstehen, wofür aber natürlich jedes Mitglied aus privater Tasche aufkommen muss.

 Sie sind durch Facebook auf die Organisation „GaiAma“ aufmerksam geworden?

KLAESER Als die Verbindung zu „GaiAma” zustande kam, waren die Zelte in der Heimat schon abgebrochen – der Flug nach Südamerika bereits gebucht. Ich war zu dieser Zeit auf der Suche nach einem neuen Zuhause und nach etwas, bei dem ich meine Energie für eine gute Sache einsetzen kann. Der Kontakt zu „GaiAma“ kam genau zur richtigen Zeit und war für mich die Optimallösung. Es hat wunderbar gepasst. Der Dschungel hat mich schon lange fasziniert. Entscheidend aber war, dass das Projekt neben dem Regenwaldschutz auch die naturverbundene Lebensweise und die Errichtung einer Siedlung umfasste. Der initiale Beweggrund, mein Leben zu ändern, waren jedoch nicht „GaiAma“ oder der Umweltschutz. Es gefiel mir hier nicht mehr, wohin wir uns entwickeln, wie wir miteinander, der Erde, den Tieren und mit unserem Leben umgehen.

Sie haben dann radikal mit Ihrem bisherigen Leben gebrochen… Hat sich mit diesem Idealismus nicht auch die entscheidende Frage nach dem Sinn Ihres Lebens gestellt?

KLAESER Vollkommen richtig. Viele Probleme wie Burnout und Depressionen führe ich darauf zurück, dass die Menschen zu viel Zeit mit Dingen verbringen, die ihnen nicht gefallen. Für mich spielt die Natur eine große Rolle – ein wichtiges Thema bei meinen Vorträgen. Ich bin meinem Traum gefolgt, bin mit 33 Jahren los, ohne Plan, ich wollte frei sein.

Geht es um Aufmerksamkeit oder wollen Sie ernsthaft die Abholzung und den Missbrauch der ökologisch so wertvollen Flächen verhindern?

KLAESER Beides! Natürlich werden wir mit unserem Projekt vor Ort alleine die Abholzung des Regenwaldes nicht verhindern, weil es finanziell immer noch sehr lukrativ ist, mit dem Dschungel und seinen Ressourcen Handel zu betreiben. Veränderung beginnt damit, dass genügend Menschen sich bewusst gegen den Kauf von Dingen entscheiden, die zu Lasten der Natur gehen. Ein Umdenken bedarf der Aufklärung – darin sehe ich persönlich meine Hauptaufgabe.

 Glauben Sie, dass Ihr Sendungsbewusstsein Gehör finden wird?

KLAESER Ja absolut, denn es braucht Menschen, die sich der Arbeit widmen, die vor Ort anfällt und den handelnden Akteuren Alternativen aufzeigen, so dass sie für ihren Lebensunterhalt nicht mehr allein auf den Verkauf der Rohstoffe des Waldes angewiesen sind. Der Holländer Willie Smits hat in Borneo ein ähnliches Vorhaben umgesetzt, das uns sehr inspiriert. Mit lokalen Farmern hat er einen durch Missbrauch gebeutelten Teil des Regenwaldes gekauft, Aufforstung und systematische Bepflanzung eingeleitet. Binnen drei bis vier Jahren hat sich das Land völlig verändert, mit einem herausragenden Zustand des Waldes mit 140 Vogelarten und einer Veränderung der Klimaeigenschaften in den Normalbereich der Klimazone. Jetzt ist die Zeit zum Umdenken!

Schreibt man der Bundeswehr aus der Natur der Sache heraus eher eine strikte, konservative Linie zu, könnte man Ihr Engagement in Peru eher der linken Ecke zuordnen. Passen die Klischees?

KLAESER (lacht) Beide Gesinnungen sind mir auf ihre Art zuwider! Ich würde schon allein deshalb keiner Gesinnung angehören wollen, weil es keine gibt, die meine Überzeugungen teilt. Ich bleibe mir lieber selber treu. Mein konservatives Elternhaus hat mich sicherlich auch geprägt. Nach der Schule kam mir die Bundeswehr gerade recht. Der spätere Lebenswandel geschah aus der Überzeugung heraus, dass die Natur in vielerlei Hinsicht einmalig ist und wir aufhören sollten, sie zu zerstören.

Das klingt nicht nach viel Vertrauen in die sogenannte „zivilisierte Welt“…

KLAESER Oft wird die Öffentlichkeit gerade von politischen Machtpositionen aus getäuscht, um von den wirklichen Problemen abzulenken. Zum Beispiel brachte man es mittels dieser wahnwitzigen Diesel-beziehungsweise Feinstaubdebatte so weit, dass plötzlich ganz Deutschland glaubt, die Dieselfahrzeuge seien das Problem – wenn gleichzeitig die zehn größten Containerschiffe der Welt mehr Dreck ausstoßen als alle Dieselfahrzeuge der Welt zusammen. In der öffentlichen Umweltschutzdebatte wird absichtlich am Thema vorbeigeredet.

Sie sind 35 Jahre alt. Welche Perspektive sehen Sie im Regenwald für Sie persönlich? Der Klassiker vom Reihenhaus fällt ja wohl aus…

KLAESER Genau! Und das ist auch gut so! Ich erfülle mir einen Traum mit bescheidenen Mitteln, die natürlich und ebenso schön sind: ein gemütliches Zuhause, so weit wie möglich selbstversorgend leben, mein eigenes Essen und Rohstoffe anbauen, mich von Abhängigkeiten lösen und Freiheit schaffen. Es macht mir Spaß, Dinge mit den eigenen Händen zu erschaffen, wie in meiner Kindheit.

 Das klingt wie ein Totalabschied von Ihrer früheren Welt…

KLAESER Natürlich werde ich auch weiterhin meine Familie und Freunde in Deutschland besuchen. Wenn nötig, werde ich auch zum Beispiel über das Internet ein wenig Geld dazu verdienen, um meine Heimatbesuche zu ermöglichen. Ich vermeide aber die Teilnahme am westlichen Gesellschaftssystem, denn ich glaube nicht, dass es dadurch den Menschen besser geht. Ich habe einen anderen Weg gewählt. Der Dalai Lama hat einmal gesagt: „Die Welt braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Sie braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art!“ Dem stimme ich vollkommen zu – Karriere machen war gestern!

 Am 28. März stellen Sie in Wadern Ihr Engagement und das Regenwald-Projekt vor. Mit welcher Motivation? Suchen Sie Mitstreiter, finanzielle Unterstützung... was sollen die Leute aus Ihrem Engagement lernen?

KLAESER Natürlich sind wir bei unserer Arbeit auf Geldspenden angewiesen, die wir ausschließlich zum Kauf von Regenwald-Land verwenden. Mit jedem Euro rettet ein Spender etwa zehn Quadratmeter Regenwald. Wichtig ist mir aber auch, bei den Zuhörern zu bewirken, sich Fragen zu stellen und das Konsumverhalten zu verändern. Wir müssen verstehen, dass es so im Umgang mit der Erde nicht weitergehen kann. Setzt man sich einmal im Internet damit auseinander, offenbart sich ein schockierendes Bild: Im Pazifik schwimmt ein dichter, dicker Teppich aus Plastikmüll, vier bis fünf Mal so groß wie Deutschland. Forscher warnen, dass es bis 2030 keine sauberen Strände mehr geben wird, bis 2050 mehr Plastik als Fische in den Weltmeeren schwimmt und dass wir nach spätestens weiteren 50 Jahren, bei gleichbleibender Tendenz, im Plastikmüll untergehen. Wir verpesten unsere Luft, verseuchen unser Essen. Wir holzen wahllos Regenwälder ab, die essenziell sind für Klima und Sauerstoffproduktion. Wir gehen geradezu fahrlässig mit dem um, was wir zum Leben brauchen. Das kann doch niemand okay finden.