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Ein Miteinander liegt ihm sehr am Herzen

Von seiner Arbeit als Bürgermeister sagt Kuttler: „Sie macht mir sehr viel Spaß.“ Foto: Tina Mann
Von seiner Arbeit als Bürgermeister sagt Kuttler: „Sie macht mir sehr viel Spaß.“ Foto: Tina Mann FOTO: Tina Mann
Seit Anfang November sitzt Jochen Kuttler im Chefsessel im Waderner Rathaus. Mit SZ-Redakteurin Margit Stark sprach er über Finanzen, was einen guten Bürgermeister ausmacht und wen er sich als Partner für die Stadt vorstellen könnte.

Vom Ortsvorsteher zum Bürgermeister, vom Ratsmitglied zum Verwaltungschef. Wo ist der Unterschied, wenn man "auf der anderen Seite des Tisches" sitzt?

Jochen Kuttler: So groß ist der Unterschied gar nicht. Wenn man Kommunalpolitik als das Ringen um die bestmögliche Lösung versteht, dann darf es eigentlich gar keine zwei Seiten des Tisches geben. Meine Marschrichtung ist, die Probleme beim Namen zu nennen und sie möglichst transparent darzustellen. Sowohl gegenüber den Räten als auch gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. Und das gelingt meines Erachtens aktuell sehr gut.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, die die Stadt Wadern künftig zu bewältigen hat?

Kuttler: Wie alle Kommunen im Land steht auch die Stadt Wadern vor immensen Herausforderungen. Nicht etwa, weil die Räte nicht wirtschaften könnten, sondern weil den Städten und Gemeinden von außen, also vom Land bzw. vom Bund, Aufgaben übertragen wurden, ohne dass der jeweilige Auftraggeber bereit ist, deren Finanzierung sicherzustellen. Anders ausgedrückt: Andere bestellen, wir dürfen die Zeche zahlen. Ich will allerdings auch nicht verhehlen, dass wir uns allesamt auch die Frage der Aufrechterhaltung der aktuellen Standards stellen müssen. Die Zeit der Luxusausgaben ist definitiv vorbei.

Was zeichnet für Sie einen guten Bürgermeister aus?

Kuttler: Ich glaube, dass ein guter Bürgermeister ein guter Netzwerker sein muss. Es reicht einfach nicht, nur im stillen Kämmerlein Akten zu studieren oder von einem Dorffest zum anderen zu wandern. Wer als Bürgermeister mittendrin statt nur dabei sein will, der muss in den Ministerien ebenso präsent sein wie in den Ortsräten. Und er muss diesen Dialog, dieses Ringen um konsensfähige Lösungen in die Diskussion im Stadtrat einbringen, was angesichts unterschiedlicher politischer Grundströmungen zugegebenermaßen nicht immer so einfach ist.

Welche Eigenschaft ist noch wichtig?

Kuttler: Ein guter Bürgermeister muss auch ein offenes Ohr für die Gespräche zwischen Tür und Angel haben. Mir ist es ganz wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger mich als jemanden erleben, mit dem man reden kann und der ihre Belange ernst nimmt. Die große Politik muss vom Sockel geholt werden, sie gehört den Menschen, die an die Wahlurnen gehen. Und zwar jederzeit. Nicht nur am Wahltag selbst.

Haben Sie in den ersten 100 Tagen bereits Überraschungen erlebt?

Kuttler: Nun, ich bin ja nicht ganz unvorbereitet in den neuen Lebensabschnitt gegangen. Ich glaube, es hätte jede Menge Überraschungen gegeben, wenn ich nicht zehn Jahre Ortsvorsteher und Ratsmitglied gewesen wäre. So kannte ich die Themen schon, die Mitarbeiter der Verwaltung etc. Im Grunde genommen habe mir mein Amt so vorgestellt, wie es nun ist. Und ich bin rundum zufrieden damit. Mir macht die Arbeit in einem wirklich tollen Team Spaß.

Gibt es noch Spuren von Ihrem Vorgänger im Rathaus? Wie groß ist der Schatten, den Fredi Dewald mit seinen immerhin 16 Amtsjahren immer noch wirft?

Kuttler: (lacht) Angesichts meiner Statur ist es nicht ganz so einfach, mich in den Schatten zu stellen… Nein, im Ernst. Fredi Dewald hat diese Stadt geprägt. Sie trägt ganz klar seinen Stempel. Und uns beide verbindet eine wirklich herzliche Freundschaft. Da ich kein Mensch bin, der große Brüche für angeraten hält, findet der Wandel im Kleinen, dafür aber stetig statt.

Was wandelt sich?

Kuttler: Mir ist dabei sehr daran gelegen, die Bürger in das politische Geschehen in dieser Stadt einzubinden. Dass das funktioniert, sieht man an der riesigen Resonanz, die wir auf das "Bündnis für Flüchtlinge" hatten und haben. Man sieht es aber auch an der Art, wie Verwaltung und Bürger seit meinem Amtsantritt miteinander kommunizieren. Mein Motto ist und bleibt: "Es ist unsere Stadt. Mischen Sie sich ein! Machen Sie mit!" Genau deshalb werden wir in den kommenden Wochen auch zu einer Reihe offener Diskussionsforen einladen. Die Themenpalette reicht dabei vom Umgang mit dem demographischen Wandel bis hin zur Zukunft der Vereine.

Im Wahlkampf haben Sie die Befürchtung geäußert, dass Wadern Gefahr läuft, den Anschluss zu verlieren…

Kuttler: Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, ob in Saarbrücken jeder den Hochwald und seine Kommunen wirklich kennt und ihnen die notwendige Beachtung schenkt, sollten wir uns auf unsere Stärken besinnen. Die Stadt Wadern bietet weit mehr, als wir uns selbst manchmal eingestehen. Ob Wirtschaftszentrum oder Kulturprogramm, ob Infrastrukturausstattung oder Bildungsstandort: Wir halten als Mittelzentrum ein hervorragendes Angebot bereit - nicht nur für unsere eigenen Bürgerinnen und Bürger , sondern auch für das Umland. Ein Angebot, um das uns andere zuweilen völlig zu Recht beneiden. Eines meiner Ziele ist es, genau diese Botschaft offensiver zu vermitteln. Ganz gewiss auch im südlichen Saarland . Etwas mehr Selbstbewusstsein - übrigens nicht zu verwechseln mit Arroganz - steht uns hierbei gut zu Gesicht.

Um Stärke und Selbstbewusstsein zu erlangen, haben Sie angemahnt, endlich Kräfte zu bündeln und parteipolitische Klientelpolitik ad acta zu legen. Sind Sie mit dieser Forderung ein Stück weiter gekommen?

Kuttler: Ich bin kein Parteipolitiker, und ich werde auch nie einer werden. Insofern bleibe ich mir treu, indem ich mich bemühe, alle politisch Verantwortlichen von Anfang an so in Themen einzubinden, dass niemand das Gefühl hat, außen vor zu bleiben. Ich bin vom Naturell her ein eher ausgleichender Mensch. Meine Sitzungsleitung ist dieser Maßgabe ebenso verpflichtet wie meine Amtsführung.

Sie fordern seit Jahren ein Infrastrukturkonzept, in dem im Konsens mit allen Bürgern festgehalten wird, wie welche Leistungen an einzelnen Orten vorgehalten werden können. Gibt es dieses Papier mittlerweile?

Kuttler: Wir haben bereits eine Liste mit 300 Punkten durchgearbeitet, die allesamt darauf abzielen, bares Geld zu sparen, also die Konsolidierung des Haushalts voranzutreiben. Die Punkte, die für die Stadt Wadern dabei Relevanz haben, werden in den nächsten Monaten intensiv diskutiert und in einem Gesamtkonzept zusammengefasst werden. Ein ganz wichtiger Baustein ist dabei natürlich das Infrastrukturkonzept. Dass das nicht bequem wird, ist wohl nicht nur mir klar. Aber ich denke, dass angesichts der Haushaltssituation eine Diskussion um die Standards, die wir uns leisten können, unumgänglich ist. Also sollten wir sie offen und ehrlich führen.

Ob im Saarland oder in Rheinland-Pfalz: Es gibt immer wieder Vorstöße, Kommunen zusammenzuschließen. Können Sie sich das für die Stadt Wadern auch vorstellen?

Kuttler: Das Saarland hat die größten Gemeinden Deutschlands. Merkwürdig nur, dass es nicht die reichsten Kommunen der Republik hat. Wenn die Größe also das Allheilmittel schlechthin wäre, dann hätte man das wohl schon lange getan. Ich persönlich warne vor zu großen Gemeinden. Der vorauseilende Gehorsam bei der Gebiets- und Verwaltungsreform von 1974 hat meiner Meinung nach dazu geführt, dass das Engagement in den einzelnen Ortsteilen landauf landab fast zum Erliegen kam. Da waren die Rheinland-Pfälzer doch schlauer. Dort hat man den kleinen Dörfern ihre Eigenständigkeit gelassen, sie aber in Verbandsgemeinden effizient zusammengefasst. Im Übrigen wird in Rheinland-Pfalz bei der Zusammenlegung der Verbandsgemeinden über wesentlich kleinere Zuschnitte diskutiert als im Saarland .

Mal ganz konkret: Mit wem könnte sich Wadern denn eine Partnerschaft vorstellen?

Kuttler: Wir sind offen für jeden, der mit uns zusammenarbeiten will. Und es ist ja auch nicht so, als ob wir nicht heute schon kooperieren würden. Wadern , Weiskirchen und Losheim betreiben beispielsweise gemeinsam die "Hochwald Wasser GmbH", wir arbeiten eng zusammen, was die Beschaffung für die Bauhöfe, für die Feuerwehren etc. angeht. Nichts ist aber so gut, dass man es nicht noch besser machen könnte. Insofern haben wir einen Arbeitskreis auf Bürgermeisterebene eingerichtet, der die Potenziale wirksamer Zusammenarbeit zwischen den Kommunen ausloten soll. Eine Kooperation allein um der Kooperation willen kommt für mich dabei allerdings nicht in Frage. Unterm Strich muss eine Zahl stehen, die zeigt, dass sich eine Zusammenarbeit auch finanziell lohnt. Dabei muss man auch sehen, dass Wadern eine ganze Reihe weitere Nachbarn hat, die durchaus auch ein Interesse an einer intensiven Zusammenarbeit haben dürften.

Ein Dauerbrenner für jeden Bürgermeister ist der Haushalt, der wohl in den kommenden Jahren Ihrer Einschätzung nach angespannt bleiben wird. Wie wollen Sie dies in den Griff kriegen?

Kuttler: Wir müssen an vielen Punkten ran. Zum einen, und daraus mache ich keinen Hehl, wird keine Kommune in diesem Land an der Erhöhung von Beiträgen und Steuern vorbeikommen. Sie können wohl kaum jemandem plausibel erklären, warum ein Bürger in Niedersachsen das Vierfache an Kommunalsteuern zahlt wie ein Bürger aus dem Saarland . Das ist vielleicht keine bequeme Kunde, aber es ist die Wahrheit. Auf der anderen Seite müssen unsere Ausgaben runter. Dazu gehört auch die Tatsache, dass wir auf Dauer mit weniger Personal in der Verwaltung auskommen müssen. Auch das ist eine bittere Wahrheit. Und alles andere als eine einfache Aufgabe.

Was zählt noch dazu?

Kuttler: Zum Sparen gehört aber auch, dass die Ausgaben des Kreises nicht nur auf den Prüfstand kommen, sondern dramatisch zurückgefahren werden müssen. Das wird nicht ohne Senkung der Standards gehen, aber wenn wir Erfolg haben wollen, müssen alle ihren Beitrag dazu leisten. Im Übrigen auch Land und Bund. Es ist schön und richtig, wenn beide sich an die selbst auferlegte Schuldenbremse halten. Es kann aber auch nicht sein, dass sie ihre Zahlen dadurch aufpolieren, dass sie den Kommunen die Lasten aufbürden, die ihre Bilanz verhageln würden.