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Die Großstadt als BühneDarstellendes Spiel setzt auf Überraschungen und Mitmachen

Die Großstadt als BühneDarstellendes Spiel setzt auf Überraschungen und Mitmachen

Wadern/Hamburg. Frenetisches St.-Pauli-Fangeschrei, untermalt vom Tuten und Dröhnen auslaufender Ausflugsdampfer und Frachtermotoren, langbeinige Kräne, die ihre Hälse wendig um ihre eigene Achse recken: wer von der Jugendherberge Stintfang aus in Richtung Süden schaut, weiß, dass er in Hamburg angekommen ist

Wadern/Hamburg. Frenetisches St.-Pauli-Fangeschrei, untermalt vom Tuten und Dröhnen auslaufender Ausflugsdampfer und Frachtermotoren, langbeinige Kräne, die ihre Hälse wendig um ihre eigene Achse recken: wer von der Jugendherberge Stintfang aus in Richtung Süden schaut, weiß, dass er in Hamburg angekommen ist. Eine einzige Veranstaltung hatte die gesamte Jugendherberge ausgebucht und komplett mit Beschlag belegt. Eine Woche lang wimmelte es vor quirligen Jugendlichen, die Requisiten spazieren trugen, an ihren Kostümen bastelten und aufgeregt in Proben letzte Änderungen vornahmen, um das Stück, mit dem sie sich für den Bundeswettbewerb "Schultheater der Länder" (SDL) qualifiziert hatten, möglichst perfekt auf die Bühne zu bringen. Doch die Bühne, auf der sie spielen sollten, befand sich in den seltensten Fällen in einem geschlossenen Raum, eingerahmt von drei hinteren Wänden und dem Publikum als vierter Wand, der typischen Guckkastenbühne also. Vielmehr wurden Parkebenen, Kaufhäuser, Brunnen, Treppen und Spielplätze fantasievoll bespielt, gaben den Impuls für Improvisationen und wurden durch sie für den Moment des Spiels verwandelt. "Stadt-Raum- Spielplatz", "Site spezific theatre", "Ortsspezifisches Theater", "Theater im öffentlichen Raum", so die vielen Varianten, das Thema des diesjährigen Schultheaters der Länder zu benennen, das in jedem Jahr in einer anderen Stadt 16 Schultheatergruppen aus 16 Bundesländern die Möglichkeit zum Theaterspielen gibt. Es ist das größte Schultheaterfestival Europas. Etwa 350 Schüler aus Theater-AGs und Kursen des Darstellenden Spiels sowie 250 Spielleiter in den angeschlossenen Fachforen waren nach Hamburg gekommen. Ein immens hoher organisatorischer Aufwand, der laut Initiatorinnen zwei Jahre Vorlaufzeit in Anspruch nahm. Aber es hatte sich gelohnt. Keine größeren Pannen waren erkennbar, fast überorganisiert lief alles wie am Schnürchen, von der Zimmerverteilung, Fahrausweisen, Essensbons, Gratis-Bionaden, täglich neusten Infos, Aufführungen bis hin zur entdornten Rose für jeden Teilnehmer am letzten Abend. Das in der Jugendherberge als allabendlicher kultureller Ausklang gedachte "Nachtcafé" wurde ersatzlos gestrichen. Die Schüler fielen, kaum in der Jugendherberge nach einem knochenharten Tag angekommen, erschöpft in ihre Betten. Sonntag, 20. September, 16.15 Uhr. Strahlend schönes Sommerwetter war für den Eröffnungstag bestellt worden. Etwa 500 Jugendliche und Erwachsene bewegten sich zwischen schlendernden Touristen und eiligen Passanten wie ferngesteuert über die Landungsbrücken. Mit Kopfhörern versehen lauschten sie über ein mitgeführtes Miniradio auf einer bestimmten Frequenz äußerst seltsamen Anweisungen: "Leg dein Ohr auf den Boden. Hörst du das Wasser weit unter dir rauschen? Klopf jetzt den Fischen einen kleinen Gruß zu! Leg dich auf den Rücken, schau in den Himmel und fang laut an zu lachen" Auch wenn sich die Lehrerein anfangs etwas Sorgen machte, noch am Ankunftstag in Hamburg mit ihrer Gruppe in Zwangsjacken abgeführt zu werden, wurden man bald von dem lyrischen Text des Performanceprojekts, an dem Hamburger Theaterschüler ein Jahr lang gearbeitet hatten, immer stärker eingesogen. Irgendwann war es uns egal, ob wir in verdutzte, verständnislose, belustigte oder gar verärgerte Gesichter unserer zufälligen Zuschauer hinein winkten. Es machte Spaß, einmal seine Alltagsbewegungen an einem öffentlichen Ort abzulegen und neue auszuprobieren. Und wir waren so viele, die an diesem synchronisierenden Radioballett auf den Landungsbrücken teilnahmen! Seltsam schön soll es von weiter oben ausgesehen haben, wie wir uns nachher sagen ließen. red Für die 14 Schüler des Hochwald-Gymnasiums Wadern, die in diesem Jahr das Saarland repräsentierten, wurde die Woche zum Theatermarathon, mit zweitägigem Workshop, nachmittäglichen Spaziergangsgruppen, 16 zu besuchenden Aufführungen, Nachbesprechungen und der Vorbereitung einer eigenen Performance. Die Schüler hatten sich nicht mit dem von ihnen eingereichten Stück qualifiziert, erhielten aber ersatzweise eine Performerin, Meike Klapproth, die auf dem Außengelände von Kampnagel, einer ehemaligen Maschinenfabrik, eine kleine Performance zum historischen Ort der Fabrik Kamp und Nagel einstudierte. Seit Anfang der achtziger Jahre wird das Industriegelände als Kulturfabrik genutzt. 1985 fand dort das erste Schultheater der Länder statt. Gefördert von der Körber-Stiftung und den Kultusministern der Länder wurde in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum gefeiert."Wir haben gerade den Rewe gestürmt", ruft mir Kilian zu, legt lachend den Kopf in den Nacken, als könne er es immer noch nicht fassen. Mit der Stürmung meinte er dabei aber nicht die Sicherung des Nachschubes an Nerven stärkenden - und an der Kasse bezahlten - Süßigkeiten durch eine Schülergruppe, sondern deren tatsächliche schnelle wie lautstarke Eroberung eines Konsumtempels zwecks aufstörender Unterbrechung der heiligen Konsumruhe. Solche Aktionen auf Straßen und in dem Publikum zugänglichen Gebäuden, die die Routine und irgendwann vorgegebene Funktion eines Ortes kurzfristig aufwühlen sollen, nennen sich Flashmobs und wurden in Hamburg in täglichen Schülerspaziergangsgruppen unter der Führung von Studierenden des Faches Darstellendes Spiel aus Braunschweig durchgeführt. Darstellendes Spiel ist in den meisten Bundesländern bereits seit vielen Jahren im Fächerkanon der Schulen etabliert. In Hamburg wird es, wie die Bildungssenatorin in der Eröffnungsfeier bekannt gab, seit neustem an allen Schultypen von der Grundschule an unterrichtet. Im Saarland kämpft Darstellendes Spiel, das erst im letzten Schuljahr regulär als Fach in der Oberstufe eingeführt wurde, immer noch um seine Anerkennung als drittes musisches Fach neben Musik und Bildender Kunst. Dennoch kam die sehr junge saarländische Gruppe mit ihrer seiner kleinen Präsentation bei der Eröffnungsfeier in Hamburg erstaunlich gut an. Nach einem Verwirr-Entwirrspiel auf der Bühne, das die gemischten Gefühle der aus der Provinz in die Großstadt Reisenden symbolisieren sollte, wurden Zuschauer aus dem Publikum auf Französisch mit Küsschen Küsschen begrüßt und zum Mitmachen auf die Bühne gezogen. In der von Hamburger Schülerredakteuren heraus gegebenen Festivalzeitung erschien tags darauf ein insgesamt recht kritischer Artikel über die vielleicht in der Tat etwas langatmig geratene Eröffnungsveranstaltung zum Bundesfestival. Von den 16 Gruppenpräsentationen wurden nur fünf positiv erwähnt: das Saarland an zweiter Stelle! Mit seiner ungewöhnlichen Zuschauerbegrüßungsaktion landete es sogar im Titel des Festivalartikels "Das Saarland küsst sich durchs Publikum". Mehr als ein Achtungserfolg.Birgit Schommer "Klopf den Fischen einen Gruß zu!"Anweisung für Schauspieler"Das Saarland küsst sich durchs Publikum." Überschrift eines Artikels"Wir haben gerade den Rewe gestürmt." Schüler nach einem Einkauf

HintergrundVom 19. - 25. September 2010 wird das Schultheater der Länder von Bayern in Nürnberg ausgerichtet werden mit dem Thema: Theater und neue Medien. Bewerbungen (mit Probenvideo) sind bis zum 15. Mai 2010 an den Landesverband für Schultheater/Darstellendes Spiel des jeweiligen Bundeslandes einzureichen. Im Saarland wird der noch fehlende Landesfachverband durch das Theaterpädagogische Zentrum (TPZ) vertreten. Das TPZ wird sich vor Arbeit bald nicht mehr zu retten wissen. 2012 soll nämlich das SDL in Saarbrücken zu Gast sein. red